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Unser Kampf mit dem Monster

31. August 2017 von

painting of Grendel and Beowulf
Beowulf ringt mit Grendel. Lynd Ward, 1933

Meine Predigt ging etwa so: „‚Wenn du dauernd daran denkst, was andere Leute über dich denken, wirst du immer ihr Gefangener sein.‘ sagt der chinesische Philosoph Lao-Tse, der selbst viel gewandert ist: ‚Eine Reise von 1000 Meilen fängt mit dem ersten Schritt an.‘“

„Verschon mich.“

Wir hatten aus der Kleiderausgabe unserer Gemeinschaft erhalten, was in meinen Augen nach angemessenen Wanderschuhen für eine Bergwanderung aussah, und mein Teenager machte mir Vorwürfe wegen der Marke. Ich hatte versagt. Ich hatte vergessen, nach der Marke zu fragen, die gerade „in“ ist.

„Du solltest dich mal reden hören,“ sagte ich, „hier geht es um Qualität. Diese Schuhe hier sind spitze bewertet. Du wirst mir dankbar sein, wenn der hungrige Bär hinter dir her ist. Du wirst einen guten Vorsprung vor deinen Freunden haben, wenn der Bär denkt: „Oh, die sehen aber ‚in‘ aus. Wie Gummibären. Ich mag Süßigkeiten.“

Ich war auch mal Teenager, und ich habe immer noch meine Vorlieben, aber als Vater ist mir klar, wie problematisch es ist, wenn meine Kids denken, dass sie all ihre Entscheidungen auf der Grundlage treffen müssen, was andere über sie denken.

Also erklärte ich meinem Sohn: „Du bist kein Ding. Dein Wert als Person kann nicht auf ein T-Shirt, ein Logo auf deinen Schuhen oder ein paar Buchstaben auf deiner Jeans reduziert werden. Es ist ein Elend, immer beliebt sein zu wollen und es kann scheußlich enden. Der erste Mord wurde aus Eifersucht begangen!“ (1. Mose 4,8)

Wir haben dann darüber geredet, dass das, was wir jeden Tag machen, uns zu dem macht, was wir wirklich sind. Substanz über Stil.

Ich finde es grauenhaft, wie Kinder den Eindruck bekommen, dass sie Versager sind, wenn sie nicht bestimmten, von Menschen gemachten Kriterien entsprechen. Gott hat jeden Menschen mit einer besonderen Absicht erschaffen, und die Folgen solcher absurden Erwartungen sind fürchterlich.

Vor kurzem habe ich die Schlagzeile gelesen: „Amerika erlebt alarmierenden Anstieg von Teenager-Suiziden.“ „Die Suizidrate der 10- bis 14-Jährigen hat sich zwischen 2007 bis 2014 verdoppelt,“ berichtet die Gesundheitsbehörde. „Allein im Jahr 2014 nahmen sich 425 Fünft- bis Achtklässler das Leben.“

In einem anderen Artikel heißt es: „Experten sagen, dass Leistungsdruck, wirtschaftliche Unsicherheit, Angst vor Terrorismus und die Sozialen Media zu diesem alarmierenden Anstieg beitragen. … Vielen Forschern bereiten die Sozialen Medien am meisten Sorgen, die zu einer Spielwiese für Cyber-Mobbing in einer sehr empfänglichen Altersgruppe geworden ist.“

Dieses Monster, das Kinder derart einfängt und in Hoffnungslosigkeit erstickt – nämlich der große Drang, beliebt zu sein – sollte uns viel mehr beschäftigen, als es der Fall ist. Wir Erwachsene müssen uns weniger mit uns selbst beschäftigen und uns mehr darum kümmern, wie wir diese Abscheulichkeit bezwingen.

Eine Weise, wie ich meinen Kids mehr Stabilität geben und ihr Selbstwertgefühl stärken kann, ist, ihnen so viel Zeit und Aufmerksamkeit wie möglich zu geben, wenn wir zusammen sind.

Laut Vorlesen ist eine gute Möglichkeit, um in Kontakt zu kommen, besonders an gemütlichen Abenden. Ich habe nach einer Geschichte gesucht, die ein paar meiner Empfindungen zu diesem Thema ausdrückt, und bin auf Beowulf gestoßen, einem altenglischen Gedicht.

Die Erzählung spielt im 6. Jahrhundert, dort, wo jetzt Dänemark ist. Es ist die Heldengeschichte eines jungen Kriegers namens Beowulf, der die Kraft von dreißig Männern hat und mit einem Schiff voll Kriegern dem König Hrodgar und dessen Volk zu Hilfe eilt, weil die gerade jede Nacht von einem blutdürstigen Monster heimgesucht werden.

König Hrodgar hat eine große Halle namens Heorot gebaut, ein zentrales Symbol für Gesetz und Kultur. In J.R.R. Tolkiens Übersetzung ist Heorot als „die höchste Halle unter dem Himmel“ beschrieben, sie ist voll Licht und Gesang, ein Ort der Gemeinschaft und Freude.

Dieselbe Eifersucht, die Kain dazu gebracht hatte, seinen Bruder zu erschlagen, verabscheut das fröhliche Lachen. Die Lieder und Erzählungen von tapferen Taten werden durch Grendels Hände erstickt, der in den Nächten aus den Sümpfen steigt und den Ort des Friedens und der Geselligkeit in ein Blutbad verwandelt.

Grendel hieß der grimmige Unhold,
Wohnend im Moor und plündernd die Heide,
Und im Marschland, schon lange hauste er
im Elend unter den verbannten Wesen,
Kains Stamm, den der Schöpfer verworfen hatte
Und zur Verbannung verurteilt wegen des Mordes an Abel.
Der ewige Herr hatte einen Preis verlangt:
Kain erwuchs kein Gutes aus dem Mord
Denn der Allmächtige wies ihn von dannen
Und aus dem Fluch seines Bannes entsprangen
Trolle und Alben und böse Gespenster
Und Riesen auch, die mit Gott gekämpft
In langer Fehde, bis er sie verstieß.

Beowulf überwältigt den wütenden Grendel im Zweikampf, der aus der Halle flieht, abzüglich des Arms, den Beowulf ihm ausgerissen hat. Dieser schleudert seine Trophäe auf das Dach der Halle.

Aber damit ist es noch nicht vorbei. Während Grendel am verbluten ist, steht seine Mutter, die noch viel übler ist als er, von ihrem Lager auf und kommt, um blutige Rache zu nehmen. Beowulf überwältigt schließlich auch sie. Nach seinem Triumph kommen die Zeilen, die, finde ich, der Sage ihre Moral geben.

König Hrodgar hält dem Helden eine Predigt. Er macht ihm klar, dass all sein Reichtum und all seine Kraft eines Tages vergehen werden, und er warnt ihn vor Arroganz und davor, Gott zu vergessen:

Drum hüte, mein Beowulf! dein Herz vor dem Bösen,
Wertester Mann, und wähle das Bessre,
Das ewige Heil; den Hochmut meide,
Edler Held! In der Blüte ist jetzt
Deine gewaltige Stärke, doch rasch kann‘s kommen,
Dass Schwert oder Krankheit die Kraft dir schwächt,
Brennende Glut oder brandende Woge,
Des Speeres Flug oder spitze Klinge
Oder endlich das Alter, das arge – dann trübt sich
Deiner Augen Glanz und mit eiligem Schritt
Kommt der Tod, der auch dich, du Tapfrer! besiegt.

Diese Warnungen sind auch heute, Hunderte von Jahren später, noch relevant. Es verleiht dem Leben Sinn, ewige Werte zu verfolgen. Die Bedeutung des Lebens wird klar, wenn wir uns einer Sache hingeben, die größer ist als die Auszeichnungen dieser Welt.

Jesus hat Folgendes gesagt:

„Wer zu mir gehören will, darf nicht mehr sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. Denn wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich aufgibt, der wird es für immer gewinnen. Was hat ein Mensch denn davon, wenn ihm die ganze Welt zufällt, er selbst dabei aber seine Seele verliert? Er kann sie ja nicht wieder zurückkaufen! Denn der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und jedem das geben, was er für seine Taten verdient.“ (Mt 16,24-27)

Es gibt zwar keine schnelle Lösung, für dieses Monster, das unsere Gesellschaft bedroht, aber wenn ich gegen es kämpfe und so lebe, wie Jesus es verlangt, hilft es vielleicht meinen Kindern in ihrem eigenen Ringen mit dem Ungeheuer und möglicherweise hilft es ihnen dabei, Frieden in den heiligen Hallen zu finden.


Die Beowulf-Zitate sind auf www.heorot.dk und Seamus Heaneys Übersetzung ins Englische gestützt, hier aber frei formuliert.

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Jason Landsel

Jason Landsel

Jason wohnt im Bundesstaat New York auf dem Woodcrest Bruderhof.

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