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Zwei Fragen für Ostern

12. April 2017 von

„Jesus ist die Antwort” heißt der oft zitierte Ausdruck. Er alleine ist die Antwort auf unsere dringlichsten Fragen. Wenn man aber mit diesem Glaubensverständnis an die Ostergeschichte herangeht, dann geht die Gleichung irgendwie nicht auf. Der Jesus, der verraten wird, leidet, stirbt und wieder aufersteht, bietet nur sehr wenige einfache Antworten. Dafür wirft er viele Fragen auf. Ich möchte hier zwei der Fragen genauer untersuchen, die Jesus seinen Jüngern in jenen Ostertagen stellte. Aber er hat sie nicht nur vor zweitausend Jahren gestellt. „Oh meine Seele, sei bereit für den, der es versteht, Fragen zu stellen,” schreibt der englische Dichter T.S. Eliot. Lasst uns in dieser Passionswoche darüber nachdenken, welche Fragen Jesus uns stellen könnte.

a view of Jerusalem through an olive grove on the outskirts
Blick vom Ölberg aus auf Jerusalem. Hier weinte Jesus um die Stadt.

„Warum hast mich verlassen?” (Mt 27,48) Die unfassbare, unerhörte, unbeantwortbare Frage, der himmelschreiende Schmerz der Verzweiflung, der von Jesu Lippen dringt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Derjenige, der allein rechtschaffen war – verlassen von dem Gott der Rechtschaffenheit! Ein Geheimnis, aber auch eine Frage an mich und dich. Warum haben wir Jesus verlassen? Leugnen wir es, so wie Petrus und die anderen Jünger, die behaupteten, sie würden ihren Herrn nie verlassen?

Sind wir nicht genau diese Jünger, jeder von uns? Wir mögen auf dem Gegenteil bestehen, aber verleugnen wir nicht alle Jesus auf unzählige Weisen? Wieder und wieder bekunden wir unsere Treue zu Jesus und versprechen, Zeugnis für ihn abzulegen. Dann aber stolpern wir, fallen und kauern uns nieder. Wir verlassen ihn. Wenn unser Glaube in Frage gestellt wird, wenn unser Ruf oder unser Wohlergehen auf dem Spiel steht, wenn unsere Sicherheit oder unsere Zukunftsaussichten in Gefahr sind, wenn wir unsere Prinzipien aus Nützlichkeitserwägungen ein wenig aufweichen, wenn wir auf das hören, was andere von uns wollen, anstatt auf das, was Gott von uns will, wenn wir Menschen verurteilen – sind es dann nicht wir, die Jesus verlassen? Petrus hat Jesus dreimal verleugnet. Wie oft haben wir es getan? Wie viele Male wird der Hahn krähen, bevor wir von unserem hohen Ross herabsteigen und weinen?

„Warum weinst du?” (Jn 20, 10-18) Warum stellt Jesus so eine Frage, ein Mann, der selbst solches Leid kannte? Kann er meinen Schmerz nicht sehen? Und was ist mit dem Leid anderer? Ja, Gott weiß davon und weint mit uns. Jesus weint um Lazarus, um Jerusalem, um uns. Aber seine Tränen sind anders, nicht für ihn selbst. Er weint um die Welt. Seine Tränen verwandeln unseren Schmerz. „Maria”, sagt Jesus. Jesus kennt Marias Namen und er kennt auch unsere Namen. Er ist Emmanuel – „Gott mit uns”. Unsere Tränen sind die seinen.

Warum also weinst du? Jesus sagt uns, dass die Trauernden getröstet werden. Aber das ist nur so, wenn unsere Trauer unseren Blick von uns selbst wegführt, hin zu der Sünde und den Leiden, die wir in diese Welt gebracht haben. Er trägt uns über uns selbst hinaus, allerdings nicht indem er unsere Tränen trocknet (das wird er am Letzten Tag tun), sondern indem er uns zeigt, was er für uns am Kreuz erlitten hat. Seine Tränen wollen uns zur Umkehr bewegen, weg von aller Bitterkeit und allem Selbstmitleid. Seine Tränen waschen uns rein, wenn wir es zulassen, und sie bewegen uns dazu, Mitgefühl für das Leid anderer zu empfinden. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen", sagt Paulus. Die schwerste Last ist es, wenn wir nur unser eigenes Päckchen tragen wollen. Das ist ein einsamer, abgeschnittener, verzweifelter Weg. Aber Jesus zeigt uns einen neuen Weg. Warum also weinst du? Um wen weinst du? Sind seine Tränen deine?

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