Leben in Gemeinschaft

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Leben in Gemeinschaft

Schluss mit dem Geschwätz

8. April 2017 von

Opa Douglas

Irgendjemand erwähnte ‚Hummelchen’ und meine Freunde und ich brachen in lautes Gelächter aus. ‚Hummelchen’ war unser Codename für einen Nachbarn, der etwas ungeschickt im Umgang mit anderen Menschen war und auf der Arbeit ziemlich viele Fehler machte. Hier war die nächste kleine Geschichte über ihn, auf die wir uns gierig stürzten. Womit wir nicht gerechnet hatten war, dass Opa, der den Witz gehört hatte, sich einmischen würde.

„Was ist so komisch?” , fragte er, und ich versuchte sofort, der Frage auszuweichen, weil ich spürte, dass er unseren Witz überhaupt nicht lustig finden würde.

„Ach, nichts. Nur irgendwas, was jemand gemacht hat.”

„Wer ist ‚Hummelchen’?”, fragte Opa jetzt mit ziemlich lauter Stimme.

„Oh, das ist einfach nur ein anderer Name für Tim”, antwortete ich so beiläufig wie möglich. „Keine Sorge, wir sagen das nie, wenn er dabei ist.”

„Genau das ist das Problem!”, donnerte Opa, dann schaute er uns direkt an und sagte ruhig: „Lacht nie darüber, wenn jemand einen Fehler macht.”

***

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und kippelte, während der Rest meiner Familie fröhlich durcheinander schnatterte. Plötzlich verstummten alle. Oma hatte ihren Nachbarn mit dem Ellbogen angestupst. Sie blickte ihm in die Augen und schürzte die Lippen. Dann hob sie ihre rechte Hand zum Mund, griff mit zwei Fingern einen imaginären Gegenstand und drehte die Hand, so als ob sie ihre Lippen mit einem unsichtbaren Schlüssel zuschließen würde. Mit einer schnellen Bewegung warf sie den unsichtbaren Schlüssel über ihre Schulter und lehnte sich wieder auf dem Sofa zurück.

„Stimmt”, merkten wir alle, „kein Meckern über andere.”

Oma merkte schnell, wenn jemand schlechtgemacht wurde oder wenn wir auf den Schwächen anderer herumritten. „Immer vorwärts, nie zurück", das war ihr Motto.

***

Es ist leicht, mit anderen zusammen über jemanden herzuziehen, besonders, wenn dieser Jemand Fehler gemacht hat. Für einige von uns ist es nicht nur leicht, sondern macht auch noch Spaß – natürlich nur, wenn wir nicht der Jemand sind, über den gelästert wird.

Auf dem Bruderhof haben wir eine Regel, der alle Mitglieder zugestimmt haben: Wenn wir uns über jemanden geärgert haben oder uns Sorgen machen, sprechen wir direkt mit der betreffenden Person. Mehr noch: Wir versprechen, dass wir aus Liebe heraus miteinander reden werden, nicht aus Wut oder Verärgerung. Im Wesentlichen ist das die goldene Regel, weil wir ja alle so behandelt werden wollen. Eberhard Arnold, einer der Gründer des Bruderhofs, hat das 1925 niedergeschrieben, und viele von uns haben diese Worte zu Hause oder am Arbeitsplatz aufgehängt, als Erinnerung für unsere täglichen Gespräche und Begegnungen.

Es gibt kein Gesetz außer der Liebe. Die Liebe ist die Freude an den anderen. Was also ist der Ärger über sie? Das Weitergeben der Freude, die das Hiersein der anderen uns bringt, bedeutet Worte der Liebe. Deshalb sind Worte des Ärgers oder der Sorge ... ausgeschlossen. Es darf niemals deutlich oder versteckt gegen einen Bruder oder eine Schwester – gegen ihre Charaktereigenschaften – geredet werden, unter keinen Umständen hinter ihrem Rücken.
Ohne das Gebot des Schweigens gibt es keine Treue, also keine Gemeinschaft. Die einzige Möglichkeit ist die direkte Anrede, der unmittelbare Dienst aus Liebe für den, gegen dessen Schwächen etwas in uns aufsteigt. Das offene Wort der direkten Anrede bringt Vertiefung der Freundschaft und wird nicht übel genommen.

Vom Kopf her weiß ich das: dass das direkte Gespräch eine Beziehung vertieft und dass negatives Geschwätz sie zerstört. Trotzdem ist es nicht leicht, jemandem direkt in die Augen zu schauen und ihm oder ihr zu sagen, dass man ein Problem mit ihnen hat, dass man sich über sie geärgert hat, ihnen etwas nachträgt oder verletzt ist. Aber ich liebe Jesus und ich glaube, dass er in jedem Menschen gegenwärtig ist. Deswegen versuche ich es, aus Liebe. Deswegen versuche ich auch, Ermahnungen oder Zurechtweisungen in Demut anzunehmen. Wenn wir uns alle daran halten, wird dieses "offene Wort der direkten Anrede", wenn es in Liebe gesprochen ist, zu einem wirklichen Segen für unser Leben in Gemeinschaft. Ich habe das Glück, dass ich das durch meine Großeltern lernen konnte.


Dori Moody wohnt auf dem Danthonia Bruderhof in Australien mit ihrem Mann Henry und ihren vier Kindern.

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