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Ein Blog von und über den Bruderhof.

Eine Einladung zum Hochzeitsmahl

8. September 2020 von

Letzten Herbst zogen meine Frau und ich mit Sarah, einer vierundneunzigjährigen Schwester in unserer Gemeinschaft, zusammen, um für sie zu sorgen. Eines Tages nach dem Abendessen sah Sarah mich an und sagte: „Ich bin gerne mit anderen Menschen zusammen. Die Leute sind so interessant, sie sind alle so verschieden. Es gibt Leute, mit denen ich stundenlang zusammen sein könnte; aber das kann ich nicht bei allen sagen.“

Es erinnerte mich an etwas anderes, das sie mir einmal nach dem Abendessen sagte. Das ist aber schon Jahrzehnte her.

Ich war an einem Freitagabend auf dem Bruderhof angekommen. Es war der 13. Oktober 1978. Man sagte mir, ich müsse mich auf Vordermann bringen, weil die Gemeinde mit den Hochzeitsfeierlichkeiten für ein junges Paar beginne. Ich setzte mich an einen Tisch in der hintersten Ecke des Speisesaals und beobachtete, wie sich der Raum mit Hunderten von Menschen füllte. Die Eltern der Braut trafen ein – Sarah und ihr Mann Peter – und nahmen zusammen mit den Eltern des Bräutigams ihre Plätze am Haupttisch ein. Dann kam das Paar in Hochzeitskleidung an, und das Festessen begann. Der Gesang, die Gemeinschaft und das festliche Essen hinterließen einen starken ersten Eindruck auf mich. Ich befand mich in einem von Jesu Gleichnissen. Genau vor mir war die Geschichte des Hochzeitsmahls, die mir meine Mutter als Kind oft erzählt hatte: „Der Engel des Herrn ging hinaus und rief viele zum Hochzeitsmahl des Herrn, aber sie alle lehnten die Einladung ab. Also fragte der Engel: ‚Zu wem soll ich jetzt gehen?‘ Und der Herr sprach: ‚Geh hinaus in die Straßen und Gassen! Lade die Kranken, die Lahmen und die Armen ein! Mein Haus muss voll werden, ich möchte meine Freude mit allen teilen'“

SternschnuppeKomet Neowsie fotografiert in Oregon, Sommer 2020. Foto mit freundlicher Genehmigung von Cristofer Jeschke auf Unsplash.

Ich hatte die Nacht zuvor buchstäblich im Straßengraben geschlafen.

Das Timing meines ersten Besuchs war nichts, was ich selbst geplant hatte. Jesus rief mich aus einer Welt der Sünde in ein neues Leben voll Freiheit und Freude. Seit diesem Tag habe ich „das Leben“ nie mehr verlassen. Ich nenne es „das Leben“, weil Sarah es auch immer so bezeichnet hat. Wenn sie ihre Lebensgeschichte erzählte, begann sie immer mit den Worten: „Als Peter und ich ‚zum Leben‘ kamen …“

Am Sonntag nach der Hochzeit wurde ich eingeladen, mit Peter und Sarahs Familie einen Nachmittagsspaziergang zu machen. Die Luft war frisch und kalt, die roten-goldenen Blätter der Ahornbäume lagen in großen Haufen am Straßenrand. Ihre beiden Kinder raschelten durch die Blätterhaufen und unterhielten sich mit ihren Eltern, während wie die Straße entlang gingen. Ich war erstaunt, dass zwei erwachsene Kinder so viel Liebe und Respekt für ihre Eltern hatten. Es herrschte eine Atmosphäre der Freude und Harmonie, die mich, einen völlig Fremden, mit einschloss, als ob ich schon immer zu ihnen gehört hätte. Und tatsächlich fragten sie mich, ob ich zum Abendessen kommen wollte, um ihnen zu erzählen, warum ich hierher gekommen war.

Nach dem Essen sagte Sarah zu mir: „Wir haben ein Sprichwort unter den Hutterern: ‚Wir kennen uns erst, nachdem wir zusammen ein Fass Salz gegessen haben‘“

Ich fragte: „Wie lange dauert das?“

Sarah lächelte. „Ein Leben lang.“

Kürzlich schrieb mir mein Bruder David in Seattle: „Ich hatte in den letzten Abenden einige letzte Blicke auf einen zunehmend schwachen Kometen Neowise, der sich von uns entfernt.“

Ich schrieb zurück: „Ich habe vor ein paar Nächten auch nach diesem Komet Ausschau gehalten. Es war eine klare Sommernacht mit einer leichten Brise. Ich war traurig, weil er nur noch so schwach zu sehen war, und ich hatte das Gefühl, dass er sich weit, weit von uns weg bewegte. Gestern ist hier in Beech Grove eine geliebte Schwester in die Ewigkeit eingegangen. Sie war in den letzten Tagen in einem Zustand völligen inneren und äußeren Friedens. Ich kannte Sarah seit dem ersten Tag, an dem ich auf dem Bruderhof angekommen bin, vor zweiundvierzig Jahren ...“

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Über den Autor

John Henry Menz

John Henry Menz

John ist ein Amateurastronom, Fotograf und Gärtner, der derzeit mit seiner Frau Tessy in Beech Grove, einem Bruderhof in...

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