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Das Zentrum kann nicht halten

Ein Brief aus Minneapolis

6. Juni 2020 von

Jeff und Tami Kipphut leben seit August 2018 in der Crossroad-Gemeinschaft, einem Bruderhof-Haus im Südwesten von Minneapolis, Minnesota.

Wir leben in einer Collage aus Bildern und Erlebnissen, und es gibt kein singuläres Ereignis oder Gefühl, das einer Beschreibung nahe kommt. Die Bilder von George Floyd, der unter dem Knie von Derek Chauvin erstickt, hat überall in der Stadt und mittlerweile überall im ganzen Land eine Kakophonie von Reaktionen ausgelöst. Es wäre oberflächlich, das, was geschieht, als bloße Wut gegen den systemischen Rassismus dieses Landes zu beschreiben, obwohl das Teil der Collage ist. Als Stadt und als Nation haben wir in den letzten Monaten auf so vielen Ebenen Dinge erlebt, die uns spalten: politisch wegen des Amtsenthebungsverfahrens, medizinisch wegen der Pandemie, die noch immer nicht eingedämmt ist, wirtschaftlich wegen der drohenden Depression und ethnisch wegen des Todes von George Floyd – und das nur in den ersten fünf Monaten des Jahres 2020.

aufräumenMitglieder der Crossroad Community helfen bei der Säuberung der Straßen von Minneapolis

In seinem Gedicht „The Second Coming“, das auch in einer Zeit der Gewalt und Pandemie geschrieben wurde, schreibt W.B. Yeats unter anderem:

Drehen und Drehen im sich weitenden Kreise
Kann der Falke den Falkner nicht hören;
Die Dinge zerfallen; das Zentrum kann nicht halten;

Wir vernehmen von unseren Freunden und Nachbarn ein Gefühl des ängstlichen Staunens. Die meisten wissen nicht, wie sie reagieren sollen, und die Angst, dass „das Zentrum nicht halten kann“, überschattet das Greifbare. Etwas tief in ihrem Inneren wird erschüttert, weil ihr Leben, das bisher vorhersehbar und unabhängig war, sich plötzlich so verändert hat. Nun ist das Leben alles andere als vorhersehbar und viele kleben an ihren Bildschirmen, um Hubschrauber und Journalisten dabei zu verfolgen, wie sie von einer Gruppe von Randalierern zur nächsten springen. Unsere Nachbarn fragen: „Was denkt ihr, wird heute Abend passieren?“ Angst füllt die Lücke zwischen der Realität und dem Vertrauten, das einst die Menschen zuversichtlich gemacht hat. Wir spüren, wie die alte Gewissheit bei vielen erschüttert wurde. Einige reagieren, aber viele haben die Fähigkeit zum Steuern noch nicht wiedergefunden, sie tasten nach der Schwerkraft, die sie früher zum Zentrum hingezogen hat.

Von unserer Perspektive hier in Minneapolis aus muss man sagen, dass dies eine komplexe Geschichte ist, die in den Medien nicht gut wiedergegeben wird. Zunächst einmal sind diejenigen, die Gewalt und Zerstörung anstreben, eine Minderheit, auch wenn sie im Mittelpunkt der Berichterstattung in den Medien stehen. Zweitens sind die Demonstranten nicht alle dunkelhäutig, sondern spiegeln die Unterschiedlichkeit und die gesellschaftliche Breite des Rufs nach Veränderung wider. Darüber hinaus ist die überwiegende Mehrheit der Demonstranten friedlich: trauernde Menschen, die entschlossen sind, einen systemischen Wandel in unserer Kultur herbeizuführen. Und vielleicht am wichtigsten ist, dass es Menschen gibt, nach den Plünderern absichtlich wieder aufbauen. Vor einigen Tagen fuhren Mitglieder unserer Gemeinschaft zum Epizentrum der Gewalt, dem Polizeipräsidium des dritten Reviers, und schlossen sich Tausenden von Menschen mit Besen, Schaufeln, Müllsäcken und Schutzmasken an. In stiller und entschlossener Opposition säuberten wir Straßen und Bürgersteige, warfen Ziegelsteine von gefallenen Mauern zurück in die Gebäude und sagten durch unsere Handlungen: „Lasst uns wieder aufbauen – nicht nur die schreckliche Zerstörung von Gebäuden, sondern auch unsere Gesellschaft.“ Kaum hatten wir begonnen, kam jemand auf uns zu und bot uns Wasser und Müllsäcke an. Familien kamen, Nachbarn kamen, sogar die Lexus-Fahrer schlossen sich an. Es war eine enorme Ermutigung und ein großartiges Zeichen von Widerstandsfähigkeit. So ging es den ganzen Weg die Lake Street hinunter, Kilometer von Glasscherben und immer noch schwelenden Bränden, aber jetzt sauber gefegt – ein anderes Bild.

Es scheint, als näherten wir uns einer großen Stunde, in der wir dringend innere, geistliche Führung brauchen. Die Menschen sehnen sich nach einer Art zu leben, die ehrlich und authentisch das Evangelium von Liebe und Leben repräsentiert. Bitte betet für die Menschen in Minneapolis und St. Paul, dass die Trauer und die Entschlossenheit nicht in Hass und Gewalt umschlagen, sondern von Gott benutzt werden, um unsere Gesellschaft zu heilen und zu verändern. Bitte betet für unsere politischen und religiösen Entscheidungsträger, dass sich Mut, Weisheit und Wahrheit durchsetzen. Und bitte betet für unseren kleinen Kreis hier in der Crossroad-Gemeinschaft, damit wir auf die kommenden großen Dinge Gottes vorbereitet sind.

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