Der Bote auf dem Bürgersteig

20. August 2021 von

SWEmbed
Foto von Nathan Dumlao auf Unsplash.

Es ist schon mehr als zehn Jahre her, aber ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen: die drückende Schwüle einer Sommernacht in New York; das Wummern von Rhythm and Blues aus den an der Straße geparkten Autos, das Geräusch eines Basketballs von einem nahe gelegenen Spielplatz und die Dunkelheit auf der 140sten Straße, wo die Straßenbeleuchtung immer kaputt zu sein schien.

Ich ging auf die Edgecombe Avenue zu, als ich plötzlich über einen Schuh stolperte. Es gehörte einem Mann, der auf dem Bürgersteig lag. Sein Kopf lag auf einem zusammengerollten Kapuzenpulli und mit seinen Beinen umschloss er zwei oder drei volle Plastiktüten – wahrscheinlich sein ganzes Hab und Gut. „Entschuldigung.“ Keine Antwort. Vielleicht nur ein Betrunkener, der das Bewusstsein verloren hatte. Dann kam ein grunzendes Geräusch. Ich hockte mich neben ihn, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Er versicherte mir, dass alles okay sei. „Bin einfach nur müde“, stöhnte er. „Ich kann einfach nicht mehr laufen. Das Einzige, was mich noch am Leben hält, ist das hier.“ Er richtete sich auf und zeigte auf einen Spruch, der auf seine Armeejacke gestickt war. Ich beuge mich näher zu ihm. „Hebräer 13,5“ stand da.

Wir tauschten Namen aus – sein Name war Kent, und ich fragte ihn noch einmal, ob es ihm wirklich gut ginge. Ja, versicherte er, alles in Ordnung. Ich fragte ihn, wo er wohnte, und er nickte in Richtung St. Nicholas Park, etwas weiter die Straße entlang. „Meine Familie hat mich letzte Woche wieder rausgeworfen“, fügte er hinzu. Er nannte keine Gründe dafür, sagte aber, dass der Teufel hinter ihm her sei und sich nur schwer abschütteln lasse. Drogen, dachte ich, oder Alkohol. Irgendwie aber auch egal.

Ich fragte nach seiner Arbeit. „Spezialkräfte“, antwortete er. „Fallschirmspringer. Ich bin seit 1980 dabei. Du bist auch in der Armee, oder?“ Ich schüttelte den Kopf, aber er korrigierte mich sofort. „Natürlich biste das. So was wie Zivilisten gibt es nicht. Jeder kämpft für irgendetwas. Sollte zumindest.“

Wir unterhielten uns noch ein paar Minuten. Nein, er brauchte nichts zu essen, und er hatte eine Flasche Wasser dabei. Alles war in Ordnung. Ich wünschte ihm eine gute Nacht. Als ich aufstand, um zu gehen, hielt er mich fest. „Lass uns dafür beten.“ Ich setzte mich neben ihn auf den Asphalt, und er nahm meine Hände in seine. Er betete laut und eindringlich und rief Bruder Jesus an, er möge uns auf den richtigen Weg führen und die ganze Nacht über allen Menschen in der ganzen Stadt beistehen. Zwei Frauen, die die Straße entlangkamen, machten einen vorsichtigen Bogen um uns.

Später am Abend, als ich zu Hause war, schlug ich Hebräer 13,5 (und 6) nach: „Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn er hat gesagt: ‚Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.‘ So können wir getrost sagen: ‚Der Herr ist mein Helfer, ich werde mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?‘“

Das war Kents Bibelvers. Darüber stand meiner – Hebräer 13,2: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

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Über den Autor

Chris and Bea Zimmerman

Chris Zimmerman

Chris und seine Frau Bea leben auf dem Mount-Bruderhof in Esopus, New York.

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