Familie

Ist eine bildschirmfreie Kindheit heute noch möglich?

22. April 2021 von

PEmbed
„Positive Energie“. Kunstwerk von Rita Waldner. Rita ist eine stolze Großmutter, die in New Meadow Run, einem Bruderhof in Farmington, Pennsylvania, lebt. Ihr Kunstgeschmack reicht von illustrativ bis abstrakt.

Wie können wir unseren Kindern in der heutigen Gesellschaft ein technologiefreies Leben bieten? Diese Frage beschäftigt mich besonders, seit ich vor kurzem die Netflix-Dokumentation „The Social Dilemma“ gesehen habe. Ein Eindruck, den ich mitnahm, war, dass alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen und verzweifelt nach einem Weg suchen, um ihre Kindheit zu bewahren. Die meisten von uns würden zustimmen, dass zu viel Technologie schlecht ist, aber wie kann man dem entgegenwirken?

In meiner Kindheit entschieden sich meine Eltern dafür, keinen Fernseher zu haben, was damals revolutionär war. Heute bewundere ich sie dafür (damals nicht), denn ich sehe jetzt, dass sie uns etwas viel Besseres gegeben haben: eine echte Einführung in das wirkliche Leben. Das hat sich für mich nochmals bestätigt, als ich das Fotoalbum meiner Mutter mit meinen Kinderfotos in die Hand nahm und mir die Schwarz-Weiß-Bilder ansah. Da ist eines von mir bei meinem Märchenhaus. Das Märchenhaus sieht nicht nach viel aus, aber es war mein Meisterstück: vier gegabelte Stöcke mit vier quer gelegten gleich langen Stäben für die Balken des Daches, dann noch ein paar mehr für die Decke. Getrocknete Tannennadeln dienten als Strohdach. Dann kam die Einrichtung. Das Beste, dachte ich, war der winzige Kochtopf, der aus dem lehmartigen Schlamm des nahegelegenen Baches geformt war. Als mein Vater abends von der Arbeit nach Hause kam, brachte ich ihn dazu, mit seiner Kamera in den Wald zu kommen, um ein Foto zu machen. Ich erinnere mich immer noch an die intensiven Gefühle von Freude und Zufriedenheit. Meine Geschwister und ich hatten eine tolle Kindheit, die wir größtenteils im Freien verbracht haben.

Mein Mann und ich haben unsere Kinder auf ähnliche Weise erzogen. Wir haben nicht viel getan: Wir haben einfach die Welt um uns herum zusammen mit ihnen genossen. Kleine Kinder sind großartig darin, sich selbst zu beschäftigen, wenn man ihnen die Zeit dazu gibt. Einer der Lieblingsplätze unserer Kinder war ein kleines Wäldchen direkt hinter dem Haus. Sie liefen herum und sammelten alles mögliche: zerbrochene Tonscherben, ein altes Brett, und irgendwann wurden Papa und Mama als Ehrengäste eingeladen, ihr „Haus“ zu besuchen Natürlich gäbe es Rosenblütennektar und Begonienlimonade zu „trinken“ (Und ja, es kam vor, dass ich innerlich seufzen musste, wenn ich danach meine ehemals wunderschönen Begonien sah!) An anderen Tagen säumte eine Reihe von Joghurtbechern den Weg, und die Kinder hockten dort und machten „Steinpulver“. Steinpulver ist wirklich klasse; glitzernder weißer Kalkstein oder Blaustein und roter Sandstein eignen sich hervorragend als Farbe für Malereien auf glatten Steinen – oder, noch besser, als Schminke für Gesicht und Arme.

Aber aus Kindern werden Teenager, und die müssen sich heute einfach mit viel mehr auseinandersetzen, als wir oder unsere Eltern das mussten. Computer werden morgen nicht verschwunden sein, ebensowenig wie Smartphones. Wir alle benutzen sie für berufliche Zwecke oder um miteinander in Kontakt zu bleiben. Dabei sollten wir es dann auch lassen, aber das ist einfacher gesagt als getan. Was ist mit technikbegeisterten Freunden? Wie kann ich wissen, was mein Kind da zu sehen bekommt? Wir Eltern denken schnell, dass unser Kind sicher ist, oder dass wir eine gute Beziehung zum ihr oder ihm haben, und dass es etwas sagen wird, wenn es etwas Verstörendes erlebt. Vergesst es! Kinder „schützen“ ihre Eltern instinktiv vor solchen Themen. Dein Kind mag dir viel erzählen, aber es wird diese eine Sache geben, die „zu schlimm“ ist, um darüber zu reden und es wird diese Last immer weiter tragen, eine Last, die im Laufe der Jahre größer und größer wird. Oder die Versuchung. Wir alle können Versuchungen erliegen. Computerspiele klingen vielleicht harmlos, aber nicht alle sind es, und die Folgen können irreversibel sein, sogar tragisch.

Was können wir also anstelle von Computerspielen anbieten? Mir wurde klar, dass die Hobbys, zu denen uns unsere Eltern als Kinder verhalfen, wie z. B. Vögel beobachten, Modelle bauen, ein Instrument erlernen, Gartenarbeit und die Pflege von Haustieren, wichtiger waren, als sie mir damals erschienen. Damals war ich nicht immer besonders begeistert. Welches Kind hat Lust, Geige zu üben, wenn sein Freund gerade mit dem Klavierspielen aufgehört hat, weil „er es nicht mochte“ und mal ehrlich, wer jätet schon gerne Unkraut an einem sonnigen Samstagnachmittag? Aber irgendetwas muss wohl abgefärbt haben, denn später, als Teenager und junger Erwachsener, fing ich an, freiwillig eine oder mehrere dieser Aktivitäten wieder aufzugreifen. Mit Mitte zwanzig habe ich zum Beispiel angefangen, Brieftauben zu züchten und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Als ich ein paar Jahre später heiratete, übernahm meine jüngste Schwester die Aufgabe. Einer meiner Brüder spielte Trompete und begann, Musik zu transponieren (damals noch von Hand). Ein anderer begann mit der Fotografie. Es stimmt, dass viele Eltern vielleicht nicht in der Lage sind, Dinge wie Musikinstrumente oder handwerkliche Tätigkeiten zu bieten. Aber worauf es ankommt ist, was man mit dem macht, was man hat. Kinder lernen am besten durch Vorbilder. Wenn man Zeit mit ihnen verbringen kann, um auch nur einem Interesse nachzugehen – sei es, Fußball zu spielen, zu wandern oder Fahrräder zu reparieren – wird es sich tausendfach auszahlen. Und schalte dein Handy aus, während du es machst.

Ein großer Grund, warum wir in Gemeinschaft leben, ist, dass wir die Hilfe und Unterstützung der anderen brauchen. Hier auf dem Bruderhof haben wir uns alle dafür entschieden, unseren Kindern eine bildschirmfreie Kindheit zu ermöglichen. Das bedeutet, dass die Kinder keine Smartphones oder Computer haben, und ihre Klassenkameraden auch nicht. Es macht es sicher einfacher, denn Gruppenzwang ist, wie wir alle wissen, eine große Sache. Ja, sie lernen den Umgang mit Computern ab der neunten Klasse, aber dort in der Schule bleibt er, genauso wie unsere Computer am Arbeitsplatz bleiben.

Es wäre schön, wenn es auch in anderen Ländern Gesetze wie seit 2018 in Frankreich geben würde, denn im Moment fühlt man sich ziemlich allein mit dem Versuch, sich der Technologieflut entgegenzustemmen, die die Kindheit unserer Kinder verschlingt. In der Kleinstadt, in der ich wohne, ist es genau so wie überall sonst, aber ich sehe kleine Hoffnungsschimmer. Ich liebe es, über die kopfsteingepflasterten Bürgersteige in der Nähe unseres Hauses zu gehen: Da läuft die örtliche Ärztin hinter ihrem dreijährigen Enkel her, der begeistert auf seinem Roller die schmale Straße runtereiert. Und an der Ecke ist ein kleiner Junge voll Bewegungsdrang, der in der Gasse Fußball spielt, mit seinen Eltern als aktive Torhüter an beiden Enden. Vor ein paar Wochen traf ich eine Familie, die um den Ententeich spazierte – die Mutter, ein Taschenbuch in der Hand, las ihrer gebannt lauschenden Tochter vor, während sie gingen; dahinter kam der Vater, in angeregter Unterhaltung mit dem jüngeren Geschwisterchen.

Nur Mut! Ja, wir müssen dem Problem ins Auge sehen, aber vor allem müssen wir Zeit mit unseren Kindern verbringen. Es gibt viele Eltern, die dasselbe Ziel haben: Unseren Kindern eine wirkliche Kindheit zu ermöglichen.

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Über den Autor

Veronica B

Veronica Brinkmann

Veronica Brinkmann hat in Deutschland, England und in den Vereinigten Staaten gelebt. Gegenwärtig lebt sie mit ihrem Mann...

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