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Das beste Geschenk aller Zeiten

18. Januar 2018 von

Als Kind hatte ich ein Problem mit Geschenken. Ich war ein wählerisches kleines Mädchen und mochte nur ganz bestimmte Sachen. Die Kunst der Erwachsenen, aus Höflichkeit Dankbarkeit für ein unerwünschtes Geschenk vorzutäuschen, hatte ich noch nicht gemeistert.

Ann on her third birthday
Ann an ihrem dritten Geburtstag

Meine kindliche Lösung für meine tief sitzende Angst davor, die Gefühle anderer zu verletzen, war, dass ich hoffte, niemand würde mir an meinem Geburtstag etwas schenken. Oder: dass sie nicht dabei seien und meine Reaktion sehen würden, wenn ich das Geschenk öffnen würde. Inzwischen kann ich bei jedem Geschenk freundlich lächeln und zittere nicht mehr vor Geburtstagen und ähnlichen Anlässen, auch wenn ich mir immer noch nicht besonders viel aus Geschenken mache.

Neulich gestand mein Mann David kurz vor unserem Hochzeitstag, dass er kein Geschenk für mich hatte. Ich war erleichtert, denn ich hatte auch nichts für ihn. Das hat damit zu tun, dass wir auf dem Bruderhof keine Geschenke füreinander kaufen. Geschenke sind handgemacht, und David war wochenlang mit Projekten für andere Leute voll ausgelastet gewesen. Meine handwerklichen Fähigkeiten bewegen sich im unteren Negativbereich, so dass mir Kochen oder Backen bleibt, was ich normalerweise auch mache. Diesmal hatte es nicht geklappt.

Als der große Tag kam, luden wir Freunde zum Frühstück ein (eine Bruderhofsitte, deren Sinn ich früher manchmal angezweifelt habe) und aßen mit einen guten Freund zu Abend. Danach beschlossen wir den Tag, indem wir mit Nachbarn ein Gläschen Wein tranken. Wir waren zufrieden.

Am nächsten Morgen, als wir uns darauf vorbereiteten, zur Taufe des Enkels eines guten Freundes zu gehen (ein riesiger Schritt für den 12-jährigen Täufling), kam es zum Streit. Es ging um ich weiß nicht was, irgendeines unserer typischen Missverständnisse, wo ich mich darüber aufrege, dass David nicht zuhört, was ich zu ihm sage. Ich gebe zu: Ich habe damals überreagiert.

Wir gingen dann jeder für sich los, um zusammenzusuchen, was wir noch brauchten, bis wir plötzlich in unserem engen, vollgestopften Büro zusammenstießen, wo David die Google-Landkarte vergessen hatte, die er ausgedruckt hatte, damit wir diese Kirche finden würden, wo noch keiner von uns je gewesen war.

Er sah ziemlich traurig aus. Pause. Betretene Stille. Dann geschah es: Davids verspätetes, ungeplantes Geschenk zum Hochzeitstag, geschmiedet in 44 Jahren voll Ausdauer und Treue, schoss wie ein Pfeil mitten in meine unnachgiebige Sturheit.

„Wenn du solche Sachen sagst, dann fühle ich mich wie ein Stück Dreck.”

***

Ich glaube es gibt eine Bibelstelle, die davon spricht, wie die Zunge am Gaumen klebt. Festgeklebt von Gnade, das war meine Zunge jetzt. Meine Gedanken rasten und führten unzählige Gründe auf, warum es David war, der das Missverständnis verursacht hatte, warum wir nicht ein für alle Mal unsere Sachen geregelt bekommen würden und eine wilde Mischung ähnlich selbstgerechter Anschuldigungen, die ich meinem Mann gelegentlich an den Kopf werfe. Aber die Gnade reichte aus: Die Zunge blieb kleben und ich brachte kein Wort heraus. Wir schauten einander an, und es war, als ob all die Jahre in diesem Moment gegenwärtig waren. Meine seit langem schlummernden Ängste, die Gefühle anderer zu verletzen, wachten unerwartet auf.

Schließlich brachte ich eine Entschuldigung über die Lippen. „Es tut mir leid.“ Das hielt uns zunächst mal zusammen. Für den Augenblick schien es auszureichen.

In mir war allerdings etwas in Bewegung gekommen, unaufhaltsam. Die Verletzung meines Mannes war meine eigene geworden, und ich musste Platz schaffen, um sie in meinem Herzen zu halten. Mein zur Gewohnheit gewordener Mangel an Sensibilität war einem tieferen Verständnis für den Mann gewichen, den ich vor langer Zeit geheiratet hatte. Meine verbale Frustration und seine empfundene Herabsetzung waren durch Gnade in einen schmerzhaften aber heilenden und erlösenden Rahmen gerückt worden. Ich war nachdenklich, als wir Hand in Hand zum Wagen gingen. Adams Taufe würde ein symbolisches Siegel auf unser neues Leben sein.

Dave and Ann in a forest

Das alles hat sich vor einigen Monaten zugetragen. Jeden Tag lerne ich, im Licht des Geschenks zu leben, das David mir damals gegeben hat. Sein schmerzhaft schönes Geschenk zum Hochzeitstag, um das ich gedankenlos und unabsichtlich gebeten hatte. Es kam ungeschmückt und gebrochen, aber es war ohne Frage das beste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.

Trotzdem hoffe ich, dass ich dieses Geschenk nur einmal bekommen muss.

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Über den Autor

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Ann Morrissey

Ann Morrissey lebt zusammen mit ihrem Mann David auf dem Beech Grove-Bruderhof in England. Sie haben Freude an der...

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