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Herbei, oh ihr Egoisten

7. Dezember 2017 von

Wovor mir als Kind jedes Weihnachten graute, war das Abendessen am Ersten Feiertag. Jedes Jahr würde mit Sicherheit jemand vom anderen Ende des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnten, vorbeikommen, und verkünden: „Wir wollten dieses Jahr wieder zusammen mit den anderen Familien im Haus am Ersten Feiertag zu Abend essen können. Die anderen Familien wollen mitmachen – wie sieht’s bei euch aus?“

Was soll man da sagen.

Stöhn! Lebet wohl, ihr Pläne, die ich für den Weihnachtstag gemacht hatte – wenn es wieder so werden würde wie letztes Jahr, dann würde ich den gesamten Tag damit zubringen, dieses Essen vorzubereiten. Das war so ungefähr das letzte, wozu ich Lust hatte. An den Weihnachtstagen war sowieso viel los und es wäre schön gewesen, einfach nur Süßigkeiten zu essen und die neuen Buntstifte auszuprobieren, die ich unter dem Baum zu finden hoffte.

Shana drawing
Die Autorin als Kind

Und selbstverständlich waren meine Eltern, die ursprünglich nicht begeistert gewesen waren, jetzt mit Feuer und Flamme bei den Vorbereitungen dabei und versuchten, auch uns Kinder dafür zu gewinnen. Wie vorausgesehen verbrachten mein Papa, meine Geschwister und ich Stunden damit, Tische, Stühle und Geschirr aus unserem Gemeinschaftsspeisesaal in den Eingangsbereich unseres Hauses zu schleppen, alles zu decken und zu dekorieren, Platzkarten für jeden zu machen und im offenen Kamin ein Feuer zu machen. Ich grollte meinen kleinen Schwestern, weil sie so begeistert bei der Sache waren und explodierte, als die jüngste eine ganze Hand voller Gabeln auf meinen Fuß fallen ließ. Dann erwischte Mama mich, als ich in mein Zimmer zu fliehen versuchte. Sie stellte mir ein Ultimatum: Soße rühren oder auf die mittlerweile heulende zweijährige Schwester aufpassen.

Abends, als Leute begannen, sich im Eingangsbereich zu versammeln, gab es noch mehr Probleme: Bill und June, ein älteres Ehepaar, hatten beide Asthma und konnten nicht in der Nähe des Feuers sitzen. Wir hatten nicht genug Plätze gedeckt für alle, die gekommen waren und ich musste an einem Tisch mit lauter alten Leuten und ganz ohne andere Kinder sitzen. Es wurde schlimmer und schlimmer.

Endlich fing die Mahlzeit an. Papa fungierte als Gastgeber, und weil er wusste, dass ich unzufrieden mit der Situation war, schnitt er immer wieder Grimassen in meine Richtung, wenn sonst niemand auf ihn schaute und verdrehte die Augen, als ein Nachbar ein langes, kompliziertes Gedicht vorlas. Langsam ließen meine Anspannung und Gereiztheit nach. June, die Nachbarin mit Asthma, steckte mir heimlich unter dem Tisch ein Stück Schokolade zu. Papa brachte alle mit einer urkomischen Geschichte über eine reizbare Dame in einem Seniorenheim zum Lachen.

Nach dem Essen schoben wir die Tische an die Wand und bildeten mit den Stühlen einen Kreis um den Kamin herum. (Bill und June saßen natürlich so weit vom Feuer weg, wie möglich.) Wir teilten Weihnachtsliederbücher aus und fingen an zu singen: „Herbei o ihr Gläub’gen …“ Es war kein Profi-Chor und es klang auch nicht so, aber irgendwie lösten die Worte in mir etwas, was den ganzen Tag in mir verknotet gewesen war. Herbei, du saure und egoistische Shana, dachte ich, komm nach Bethlehem, wo du deinen ganzen Groll und deine Meckerei zusammen mit deinen Plänen und Ideen loslassen kannst – vor dem Kind in der Krippe. Dort liegt Jesus im Stroh, für Dich geboren.

Ich bin nicht immer eine der Gläubigen, die eifrig nach Bethlehem eilen. Ich komme eher in der letzten Sekunde hereingestolpert, nachdem ich endlich all die Projekte und Pläne loslassen konnte, die mich bis dahin abgehalten hatten.

Als die schönen, alten Lieder aufstiegen wie Funken im Kamin, schmolz meine Reizbarkeit dahin. Ich hatte mich endlich vergessen können, mitgerissen vom Gesang und den leuchtenden Gesichtern um mich herum. Meiner jüngsten Schwester fielen immer wieder die Augen zu, während sie ins Feuer schaute. Meine Mutter fuhr mit dem Zeigefinger übers Papier, um unserem Erstklässler zu zeigen, welche Stelle wir gerade sangen. Bill teilte ein Liederbuch mit meinem Bruder. Irgendwie war unser Weihnachtsessen wirklich schön geworden, und während wir das letzte Geschirr wegpackten und die Tische zusammenklappten, klangen mir noch die Worte in den Ohren: „O lasset uns anbeten den König!“

Rückblickend ist die Erinnerung dieses Weihnachtsessens typisch dafür, wie mich Weihnachten normalerweise mitreißt. Ich bin nicht immer eine der Gläubigen, die eifrig nach Bethlehem eilen. Ich komme eher in der letzten Sekunde hereingestolpert, nachdem ich endlich all die Projekte und Pläne loslassen konnte, die mich bis dahin abgehalten hatten. Dieses Jahr möchte ich bereit sein.


Warum ist der gemeinsame Tisch für uns so wichtig?


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Über den Autor

Shana

Shana Burleson

Shana Burleson arbeitet als Lektorin für den Verlag des Bruderhofs, Plough Publishing. Sie lebt auf dem Fox Hill-Bruderhof

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