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Möge der Kreis sich schließen: Das Wien meiner Mutter

2. November 2018 von

Während meiner gesamten Kindheit stand immer ein Souvenirschnapsglas auf einem Tisch am Bett meiner Eltern. Es war ein kleines Glas mit goldenem Rand, mit dem mysteriösen Wort „Wien“ und einem Bild eines Riesenrades darauf.

Manchmal berührte ich dieses Glas vorsichtig und bewunderte es immer wieder. Es wurde nie daraus getrunken, zumindest nicht, wenn ich in der Nähe war. Es war einfach da, auf dem Tisch. Dieses verzierte Glas war für mich die Verbindung zu einer Vergangenheit, die ich gerade erst zu verstehen begann, und zu einem Vermächtnis, mit dem ich erst viel später zurechtkommen würde.

Meine Mutter, Charlotte Keiderling, geborene Berger, ist eine Überlebende des Holocaust. Sie ist 87 Jahre alt und lebt in einem kleinen Ort namens Hunter, im Bundesstaat New York. Hitler und sein Drittes Reich raubten ihr ihre Eltern, Großfamilie, Ausbildung, österreichische Staatsbürgerschaft und ihr geliebtes Heimatland.

Während ich aufwuchs, hörte ich immer wieder die selben Geschichten, wenn meine Mutter die wenigen, einzigartigen Erinnerungen an die sieben kostbaren Jahre, die sie mit ihren Eltern verbrachte, erzählte – bevor alles zu Ende ging.

Wenn meine Mutter lebhaft Wien beschrieb, war es ein magisches Wunderland mit berühmten baumgesäumten Promenaden, Weltklasse-Musikern, Strauß, Walzern, köstlicher Torte und vor allem dem geheimnisvollen Riesenrad, in dem zu fahren der Traum eines jeden Wiener Kindes war.

Ferris wheel in Vienna, Austria

Ich wuchs auf, und die Geschichten meiner Mutter gingen weiter, immer die gleichen wenigen, wertvollen Erinnerungen an eine ganze Kindheit, verdichtet zu sieben sehr kurzen Jahren.

Nach meinem Schulabschluss fuhr ich selbst nach Europa, um es kennenzulernen, und während ich in Deutschland mit der Bahn fuhr, musste ich dauernd daran denken, dass dieselben hocheffizienten Bahnstrecken meine Großeltern und so viele Millionen andere zu ihrer systematisch organisierten Ermordung befördert hatten. Ich dachte daran, wie meine tapferen Großeltern ihre geliebte Tochter auf den lebensrettenden Kindertransportzug setzten, mit dem Versprechen auf einen Bauernhof in England mit Kühen und Gras und Blumen, und wie sie ihr versicherten, dass sie nachfolgen würden – und dann Lebewohl sagten. Für immer.

Und als ich durch Europa reiste, entdeckte ich, dass Wien unter all den pulsierenden Städten tatsächlich das Juwel ist, als das es meine Mutter immer beschrieben hatte, und als ich schließlich das legendäre Wiener Riesenrad mit eigenen Augen sah, erkannte ich es als das, was es war: ein Symbol für meine Mutter und ihre geraubte Kindheit.

Bevor meine siebenjährige Mutter Hitler von einem Balkon herabschreien sah und wie die begeisterten Menschenmassen „Heil Hitler“ erwiderten; bevor sie von Jungen mit dem Hetzruf„Jude! Jude!“ durch die Straßen gejagt wurde; bevor die Bäckerei ihrer Eltern von den Nazis beschlagnahmt wurde; bevor meine Großmutter Valerie im berüchtigten Ghetto Litzmannstadt ums Leben kam; bevor mein Großvater Josef ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde; bevor Juden von den Wiener Parks und öffentlichen Gärten ausgeschlossen wurden: bevor die Hölle losbrach, gingen ein Vater und sein einziges Kind viele Sonntagmittage lang Hand in Hand entlang des Wiener Praters auf den Riesenradplatz, wo das älteste Riesenrad der Welt stand. Dort bettelte meine Mutter ihren Vater an, mit ihr auf dem Riesenrad zu fahren.

„Bitte, Papi, bitte?“ Aber die Antwort war immer die gleiche: „Lottchen, wenn du alt genug bist, werde ich dich mitnehmen ... aber jetzt noch nicht.“

Aus diesem „noch nicht“ sind achtzig Jahre geworden.

Diesen Monat wird meine Mutter nach Wien zurückkehren. Das einzige Lied, das ihr geliebter Vater ihr beibrachte, "Nun ade, du mein lieb Heimatland", wird jetzt umgedreht. Endlich kehrt sie nach Hause zurück. Und ja, natürlich wird sie mit dem Riesenrad fahren. „Es heißt, dass man von oben bis nach Ungarn sehen kann“, hat sie mir immer gesagt.

Ich glaube, dass meine Mutter, wenn sie nach einem Kaffee mit Sahnehäubchen durch die Straßen ihres geliebten Wiens gehen und vor der Bäckerei ihrer Eltern und dem Haus ihrer Familie stehen wird, die Verbindung zu ihrem Heimatland fühlen wird. Und obwohl es töricht erscheinen mag, wenn eine 87-Jährige über eine Riesenradfahrt nachdenkt, bete ich darum, dass in diesem Moment des unbeschwerten kindlichen Staunens, wenn meine Mutter hoch über die Stadt getragen wird, von der sie geliebt und verraten wurde, es einen Moment der Erfüllung geben wird, in dem sich der Kreis schließt, einen Moment der Vollendung und des Friedens.

Und so, meine liebe Mama, ist jede Erinnerung, die du mir jemals erzählt hast, so lebendig und real wie eh und je, wenn du dich auf dieses Abenteuer in deinem „lieb Heimatland“ begibst. Du hast mich dazu gebracht, Österreich zu lieben, lange bevor ich daran dachte, selbst dorthin zu reisen. Dein Lieblingsfilm „Meine Lieder – meine Träume“ hat deine Augen immer zum Strahlen gebracht, und jetzt kannst du, genau wie Maria von Trapp, zurückkehren und stehen bleiben und diesen Hügeln lauschen, wie sie mit dem Klang deiner eigenen Musik, der Musik deines Lebens und der Liebe deiner Eltern lebendig werden.

Eines sollst du wissen, liebe Mama: Ich lebe auf der anderen Seite der Erde, auf einem anderen Kontinent und in einer Stadt, die auch an einem Fluss liegt, aber so anders als dein altes Wien mit seiner blauen Donau. Und dennoch kann ich nicht durch South Bank laufen und am Riesenrad von Brisbane vorbeigehen , ohne an dich, an meine liebe Mutter zu denken. Ich denke an die Bitte, die du vor 80 Jahren immer wieder geäußert hast und die bald in Erfüllung gehen wird: „Papi, wann kann ich mit dem Riesenrad fahren?“ Mögest du seine Hand in deiner spüren, die ganze Fahrt hindurch.

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