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Wie Büchern uns bei der Menschwerdung helfen

8. Februar 2018 von

Es gibt nur wenige Dinge auf dieser Welt, die heiliger und lebenserhaltender sind als Bücher. Ich glaube, dass Geschichten wirklich unsere Seelen retten können, und ich will versuchen zu erklären, warum es so wichtig ist, sie mit anderen zu teilen – besonders mit Kindern. Zahllose Menschen haben mir erzählt, dass es zu ihren glücklichsten Kindheitserinnerungen gehört, wie ein Elternteil oder ein Freund ihnen Geschichten vorgelesen hat. Jedes Kind hat es verdient, glücklich zu sein! Was muss ich also machen, um dieses Vorhaben Wirklichkeit wird?

Geschichten eröffnen uns eine reiche Welt an Vorstellungen, die von keinem digitalen Medium erreicht wird. Außerdem können sie uns ethische Werte lehren, uns vor destruktiven Neigungen schützen und letzten Endes ein menschliches Element befördern, das so rein in der wirklichen Welt nicht vorkommt.

Vor meinem inneren Auge steigen Bilder aus der Zeit auf, als ich noch auf dem Woodcrest-Bruderhof gewohnt habe: Der „Runde Tisch“ ist ein fröhlicher Ort. Manchmal knistert das Gespräch förmlich vor lauter fröhlicher Energie, manchmal ist es schlicht und sachlich, aber immer sind da diese leuchtend grünen, gelben und roten Plastikteile für die Geräte, die unsere Firma Rifton Equipment herstellt. Um den Tisch versammelt sind die Großen ihrer Generation – Überlebende der Großen Depression und der Weltkriege. Viele haben Familienangehörige verloren, Not durchlitten und Opfer auf sich genommen, um die Gemeinschaft aufzubauen, in der ich jetzt lebe. Für die anderen, körperlich fitten von uns ist der Runde Tisch heiliger Boden.

Leute kommen zum „Runden Tisch“, wenn sie keine andere Arbeit mehr ausführen können. Hierher kommen die Alten, Behinderten und Dementen. Manche kommen selbstständig, aber häufiger noch kommen sie in Rollstühlen, die von jungen Menschen geschoben werden, die sich um sie kümmern. Manche sind fast den ganzen Tag hier, manche schaffen nur eine halbe Stunde. Sie kommen trotzdem – weil sie geliebt und geschätzt werden. Sie arbeiten hart. Wichtiger noch: Ihre Gegenwart bringt eine Atmosphäre der Weisheit und des Friedens mit sich, die hier so stark ist wie nirgendwo sonst in der ganzen Werkstatt.


Erfahre mehr über die gemeinsame Arbeit auf dem Bruderhof.


„Lies uns vor, Ruby!“ Rudi schiebt seinen Tirolerhut ein wenig zur Seite und seine Augen funkeln. Er verbeugt sich höflich in Rubys Richtung. Es ist Rudis Bitte, aber er hat für die ganze Runde gesprochen.

Ruby Moody, a portrait of her
Ruby

Ich kenne und liebe sie: Ruby, Ellen, Sibyl, Rudi and die anderen. Alle nähern sich dem Ende ihres fruchtbaren Lebens. Manchmal erinnert einer von uns einen der neu Dazugekommenen mit leiser Stimme an ihre Lebensgeschichten: Rudi, dessen einziger Sohn tot zur Welt kam, Sibyl, deren Tochter mit 33 Jahren an einer aggressiven Krebserkrankung starb. Ellen, deren dreieinhalbjähriger Sohn an einem Gehirntumor gestorben war – in demselben Jahr, als ihr wenige Monate altes Baby starb. Und meine Oma Ruby. Von den vier Kindern, die sie zur Welt brachte, überlebte nur eines, die anderen drei liegen in kleinen Gräbern in North Carolina, North Dakota, und Pennsylvania.

So viel Leid! Das Leben hat auf diese Menschen, die um den Runden Tisch herum sitzen, schwere Lasten gelegt.

„Lies uns vor, Ruby. So wie früher.“ Sie fragen nicht mehr danach, aus der The New York Times vorgelesen zu bekommen. Das überlassen sie denen, die noch zwanzig Jahre jünger sind.. Die alten Klassiker interessieren sie nicht, die überlassen sie den jungen Leuten, die auf die Oberstufe oder in Universitäten gehen. Auch nicht die Bibel – die lesen sie ohnehin jeden Tag. Nein, sie wollen Trost und Klarheit.

Photograph of an old man wearing a hat
Rudi

Sie wollen Gemeinschaft und Vergewisserung. Tief in ihrem Inneren erinnern sie sich an die wunderbare Wahrheit, die nur die Unschuldigen verstehen und mit diesem Wissen wählen sie ihre Bücher. Nichts, was für Senioren geschrieben wurde. Sondern Kinderbücher. Alle hören gespannt zu, als meine Oma zu lesen anfängt: “Wo geht Papa mit dieser Axt hin?”

Dieser wunderbare Satz, so voll Verheißung und Spannung stammt aus Charlotte’s Web von E.B. White. Die Handlung ist ziemlich einfach: Das kleinste Ferkel des Wurfs (Wilbur das Schweinchen) wird nur verschont, weil ein mitfühlendes Mädchen sich weigert zu akzeptieren, dass „ein Schwächling nichts als Probleme macht“ und deswegen weggemacht werden sollte. Die Geschichte ist, wie gesagt, bodenständig und einfach, und mit der Hilfe einer Spinne namens Charlotte entsteht eine der besten Erklärungen von Tod und Sterben, die je in der englischen Sprache verfasst wurde.

photo of Ellen, an older lady
Ellen

Die Stimme meiner Oma Ruby ist noch immer so klar und frisch wie die Luft in Minnesota, in der sie aufgewachsen ist. Ihr Leben lang hat sie als Englischlehrerin gearbeitet. Ihr Gespür für gute Literatur ist untrüglich. Jahrzehntelang hat sie ihre Liebe zu guten Büchern in unsere Gemeinschaft eingebracht und hat Kindern ebenso wie Erwachsenen bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten vorgelesen. Es sind diese Lesungen bei Mahlzeiten, an die Rudi und die anderen sich so gut erinnern.

Older woman wearing a hat
Sibyl

Das war vor 20 Jahren. Die grellen Farben der 1990er Jahre sind vorbei, heute ist alles etwas zurückhaltender. Die Zuhörer und die Vorlesende sind nicht mehr am Leben. Sie brauchen keine Geschichten mehr, ihre Herzen sind leicht geworden, wiedervereinigt mit ihren Kindern. Sie sitzen an einem helleren, volleren Tisch, als wir es uns hier vorstellen können. Aber ich denke oft an sie, besonders wenn meine Kinder mich am Frühstückstisch bedrängen: „Lies uns was vor, Mama!“ Mir gefällt, was Anna Dewdney im Wall Street Journal geschrieben hat:

Indem wir einem Kind vorlesen, zeigen wir diesem Kind, was es heißt, Mensch zu sein. Wenn wir ein Buch aufschlagen und unsere Stimme und unsere Vorstellungswelt mit einem Kind teilen, lernt dieses Kind, wie die Welt aus einer anderen Perspektive aussieht. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass ein Kind dadurch lernt, ein tieferes Empfinden für die Welt zu bekommen, sich seiner selbst und seiner Mitmenschen auf eine Weise mehr bewusst wird, die es nur auf unserem Schoß erleben kann, in unseren Klassenzimmern oder in unseren Lesekreisen.

Mit diesen Gedanken im Kopf und den erwartungsvollen Gesichtern meiner Kinder vor mir stelle ich meine Teetasse auf dem Tisch und nehme das Buch zur Hand, das wir als Familie gerade lesen. Lasst uns so werden wie die, die um den „Runden Tisch“ herum saßen. Sie waren wirklich weise.


Die Geschichten von Ruby, Ellen, Sibyl, and Rudi finden sich auch in den Büchern Reich an Jahren und Hab keine Angst. (Bei uns gibt es kostenlose Freiexemplare.)

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Dori Moody holding a cat

Dori Moody

Dori Moody lebt auf dem Danthonia-Bruderhof in Australien. Sie und ihr Mann Henry kümmern sich um ihre vier Kinder, eine...

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