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Bildung für die Seele meines Kindes

14. Juni 2018 von

Natürlich will ich, dass meine Kinder Erfolg im Leben haben, aber sie müssen auch den Sinn ihres Lebens finden, und einen Glauben an etwas, das ihre eigenen Fähigkeiten übersteigt. Sprachen, Wissenschaft, Kunst und Sport sind auf ihre Weise wichtig, aber gute Abiturnoten und ein tolles Studium machen noch keine vollständigen Menschen aus ihnen.

Sprüche 22,6 deutet schon darauf hin, dass es noch eine andere Form der Bildung gibt, die stattfinden muss, nämlich die Bildung der Seele: „Bring dein Kind schon in jungen Jahren auf den richtigen Weg, dann hält es sich auch im Alter daran.“

Ich hatte das Glück, eine Gelegenheit für diese „Schule der Seele“ zu bekommen, als meine Frau und ich letzten Monat mit unserem zwölfjährigen Sohn von New York, wo wir wohnen, zu einigen Orten in Europa reisen konnten, wo im 16. Jahrhundert die Täuferbewegung stattgefunden hatte.

Town Hall Rothenburg ob der Tauber GermanyRathaus, Rothenburg ob der Tauber

Die Täufer waren mutige Frauen und Männer (oft Bauern und Handwerker), die sich einer mächtigen, korrupten Amtskirche entgegenstellten, indem sie ihr Leben einfach an biblischen Wahrheiten ausrichteten. Sie praktizierten nur freiwillige Glaubenstaufe bei Erwachsenen als Zeichen von Buße, Umkehr und neuem Leben. Viele von ihnen lebten in Gütergemeinschaft, so wie es in der Apostelgeschichte beschrieben ist. Ihre Kühnheit löste eine Erweckungsbewegung aus, die sich trotz gewalttätiger Unterdrückungsversuche von einem Dorf zum nächsten fortpflanzte.

Escape Route over the Alps Tauferer Ahrntal Italy
Fluchtweg über die Alpen, Tauferer Ahrntal, Italien

Wir sind durch dieselben Dörfer und Gegenden gelaufen wie sie. Wir haben ihre geheimen Treffpunkte gesehen und sind die steilen Bergpfade hinaufgewandert, über die sie damals vor ihren Verfolgern flohen. Wir haben in der feuchten Dunkelheit der Verliese gesessen, in denen sie gefangen gehalten wurden. Es ist erstaunlich, wie sie alles riskierten und Folter und Hinrichtung ertrugen. Woher hatten sie diese Überzeugung, und wie kann ich diese Glaubenstiefe erreichen?

Bei Burg Taufers, einer idyllisch aussehenden Burg, die das Pustertal in Südtirol überblickt, haben wir die Geschichte eines täuferischen Missionars namens Hans Kräl gelesen, der 1557 in einer nahe gelegenen Stadt gefangen genommen wurde. Nachdem er hinter einem Pferd den steilen Weg zur Burg hin hinaufgeschleift worden war, wurde er unter Folter verhört. Er weigerte sich, nachzugeben und ertrug 23 Monate lang Spott und Gefangenschaft.

Stairs leading to the Dungeon Burg Taufers  Sand in Taufers Italy
Treppe zum Verlies, Burg Taufers. Sand in Taufers, Italien

Wir haben in die schwarze Finsternis des Verlieses geblickt, wo er saß, bis seine Kleidung an seinem Leib verrottet war: „Nicht ein Faden war übrig bis auf den Hemdkragen.“ Wenn sie ihn nach oben schafften, um ihn zu verhören und zu sehen, ob er bereit war, zu widerrufen, waren Luft und Licht so schmerzhaft für ihn, dass er froh war, wenn sie ihn ins Verlies zurückführten.

Wir haben die Stöcke gesehen, mit denen er in der Folterkammer gefesselt war, und wir standen in dem Raum, wo er an einer Hand und einem Fuß 37 Wochen lang aufgehängt war „so dass er weder liegen noch richtig sitzen konnte und dass er gar nicht stehen konnte.“ (Beide Zitate stammen aus dem großen Geschichtbuch der Hutterischen Brüder, hier sprachlich modernisiert.)

Trotz alledem schwankte er nie und machte sich nie Sorgen um sein eigenes Wohlergehen. Stattdessen rief er seine Folterer furchtlos zur Buße und Umkehr auf. Einige von ihnen gewannen nach und nach Respekt für seinen Mut.

Schließlich kam von der Regierung in Innsbruck die Anweisung, dass er unverbesserlich und stur sein und deshalb als Ruderer auf den Galeeren zu dienen hatte – was einem Todesurteil gleichkam. Kräl antwortete, dass er Gott, der auf dem Meer genauso wie auf dem Land gegenwärtig ist, weiterhin vertrauen werde.

Dann wurde Kräl aus dem Verlies gelassen und durfte zwei Tage damit verbringen, wieder gehen zu lernen, weil ihn die lange Tortur völlig verkrüppelt hatte. Fast zwei Jahre lang war er gefangen gewesen und achtzehn Monate lang hatte er die Sonne nicht gesehen.

Auf dem Weg zu den Galeeren betrank sich sein Wächter jedoch und Kräl nutzte die Gelegenheit, um zu entkommen. Nachdem es ihm gelungen war, zu seiner Gemeinde zurück zu gelangen, fuhr er mit seiner missionarischen Arbeit fort und bereiste dieselben Gegenden, in denen er gefangen genommen worden war.

Tauferhole Anabaptist Cave  a secret meeting place Wappenswil SwitzerlandDie Täuferhöhle – ein geheimer Versammlungsort. Wappenswil, Schweiz

Ich hoffe, dass mein Sohn sich mit den Eindrücken beschäftigt, die er bekommen hat, als wir diese Ort gesehen haben und uns mit Hans Kräls Geschichte beschäftigt haben. Er wird zu seinen eigenen Überzeugungen kommen. Ich hoffe, dass er dabei einen starken Glauben entwickelt, der seinem Leben Sinn und Richtung gibt und ihm ermöglicht alle Härten des Lebens durchzustehen.

Die Männer und Frauen der Täuferbewegung schätzten Gott mehr als alles andere. Das erinnert mich an eine andere Stelle aus der Bibel, eine andere Lektion für die Bildung der Seele: „Alle Weisheit beginnt damit, dass man Ehrfurcht vor dem Herrn hat. Den heiligen Gott kennen, das ist Einsicht!“ (Spr. 9,10)

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Über den Autor

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Jason Landsel

Jason wohnt im Bundesstaat New York auf dem Woodcrest Bruderhof.

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