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Der Preis der Taufe

18. Oktober 2017 von

Diesen Monat feiert die lutherische Kirche das fünfhundertste Jahr seit ihrer Gründung. Als Martin Luther die Jahrhunderte alten Traditionen in Frage stellte, konnte er nicht wissen, dass seine Ideen das ganze Gewebe des europäischen Christentums zerreißen würden. Es wurde die Geburt von etwas vollkommen Neuem. Das hutterische Geschicht-Buch von 1581 schreibt: „Gott hat den Morgenstern hervorgebracht, das Licht seiner Wahrheit, damit es mit all seiner Pracht in das jetzige Zeitalter dieser Welt hineinstrahlt. Er wollte vor allem die deutschen Lande besuchen mit seinem Worte und die Grundlagen seiner göttlichen Wahrheit offenbaren, so dass sein heiliges Werk von allen erkannt werde.“1
Vor Kurzem bin ich von einer Reise in den Tirol zurückgekommen, einer Gegend in den Alpen, die teilweise in Österreich und teilweise in Norditalien liegt. Meine Hoffnung war gewesen, mehr über die Anfänge der Täufertums zu erfahren, besonders über den Teil, aus dem sich später die hutterische Kirche entwickeln würde, und über Jakob Hutter und seine Frau Katharina.

Tirol landscape
Die Tiroler Alpen sind atemberaubend schön, aber hier ist auch viel Blut vergossen worden, das Blut von Märtyrern, die für ihren Glauben gestorben sind.

Die Täuferbewegung begann 1525 mit einer Gruppe von Männern und Frauen, die über die Themen hinausging, die von Luther angestoßen worden waren. Sie glaubten, dass die Kindertaufe überhaupt keine Taufe sei und dass die Kirche ein Volk Gottes sein sollte, das „Buße tut und sich taufen lässt“ wie die ersten Christen in Jerusalem. Sie weigerten sich, Gewalt auszuüben – nicht einmal als Selbstverteidigung oder auf Befehl des Königs – und legten all ihre Besitztümer zusammen und fingen an, in Gemeinschaft zu leben. Ihr gemeinsames Zeichen war die Gläubigentaufe, hieran erkannte man sie, und das sollte schon bald mit dem Tod bestraft werden.

 
Die Täufer waren eine Gruppe von Männern und Frauen, die weit über die Themen hinausgingen, die von Luther angestoßen worden waren.

Während ich mich in diversen Archiven im Tirol in die Dokumente aus dem 16. Jahrhundert vertiefte und Burgen besuchte, in denen Gläubige gefangengehalten, gefoltert und manchmal auch hingerichtet worden waren, kam es mir vor, als sei ich in die ferne Vergangenheit zurückversetzt worden. Ich wurde mit den Namen der Statthalter der verschiedenen Bezirke vertraut und las ihre Briefwechsel mit dem Bischof und der Regierung in Innsbruck. In den Verhörakten sieht man ein kurzes Aufblitzen des Untergrund-Christentums der römischen Katakomben. Da ist zum Beispiel die Akte über einen gewissen Valentin:

Vor drei Jahren kamen Jakob Hutter und ein Schreiner zu ihm ins Haus, um nach Essen und Trinken zu fragen. Unter anderem fragte ihn Hutter, ob er die göttliche Wahrheit wissen wolle. Er sagte ja, wenn es nur jemanden gäbe, der sie ihm lehren könne. Sie sprachen lange miteinander. Dann gingen sie nach draußen ins Feld. Hutter erklärte ihm, was die Taufe bedeutet und wie er leben solle. Dann kniete sich Valentin nieder und bat Gott, ihm seine Sünden zu vergeben. Hutter fragte ihn, ob er an Gott den Herrn glaube, an Jesus Christus und an die heilige christliche Kirche. Er antwortete mit Ja. Hutter sagte: „Gott hat dir deine Sünden vergeben.“ Dann nahm er Wasser und taufte ihn im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.2

Zusammenkünfte wurden in verborgenen Tälern oder an abgelegenen Berghängen vereinbart und bis zu einhundert Männer und Frauen kamen. Leute wurden beauftragt, Essen für alle zu besorgen: 50 Laib Brot, manchmal wurde sogar ein Stier geschlachtet und gebraten. Dies waren feierliche Anlässe, um sich gegenseitig Mut zu machen, Nachrichten auszutauschen und Taufen und das Abendmahl zu feiern.

Aber die Machthaber waren entschlossen, diese „verführerische Sekte“ auszurotten. Sie schickten Spione in die Versammlungen und verbaten allen Leuten, die Täufer zu beherbergen.

Im Oktober 1535 erfuhr der Statthalter von Schöneck, dass Jakob Hutter und seine junge Frau Katharina in der Gegend waren. Ich habe den Bericht gefunden, den er an seinen Vorgesetzten geschrieben hat:

Jakob Hutter hat seine Frau bei sich. Sie ist hochschwanger und jeden Tag kann die Geburt sein, wenn es nicht schon geschehen ist. Sie hat in diesem Bezirk an zwei Orten schon ins Kindbett legen wollen, ist aber nicht dageblieben. Deswegen muss den Richtern geschrieben werden, dass sie überall fragen lassen, wo ein armes Mädchen im Kindbett liegt. Da wo sie ist, wird er sich auch eine Zuflucht suchen.3

Katharina muss ihr Baby irgendwann Mitte Oktober 1535 bekommen haben. Sechs Wochen später war sie wieder reisebereit – vielleicht hat sie ihr Neugeborenes bei Freunden oder Verwandten gelassen. Sie und Jakob wurden in der Nacht des 30. November gefangengenommen.

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Burg Branzoll, wo Jakob and Katharina Hutter inhaftiert waren

Jakob Hutter wurde nach Innsbruck gebracht, wo er gefoltert, verhört und schließlich am 25. Februar 1536 bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Katharina blieb im Gefängnis in Südtirol, aber einige Monate später gelang es ihr, zu fliehen. Es wird angenommen, dass sie zwei Jahre später wieder verhaftet und anschließend ertränkt wurde.

Die Tiroler Alpen sind atemberaubend schön mit ihren malerischen Häusern und romantischen Burgen. Aber hier ist auch viel Blut vergossen worden, das Blut von Märtyrern, die für ihren Glauben gestorben sind. Hätte ich den Mut und die Überzeugung, mich taufen zu lassen, wenn ich wüsste, dass das bedeutet, alles was ich liebe zu verlassen, ständig auf der Flucht zu sein und vielleicht eines gewaltsamen Todes zu sterben? Das ist heute schwer vorstellbar, aber in vielen Teilen der Welt sind Christen genau solcher Verfolgung ausgesetzt.

Wenn wir uns in diesem Monat an Martin Luther erinnern, dann lasst uns auch daran erinnern, dass geistliche Erneuerung einen Preis verlangt, und dass andere williger waren, ihn voll zu bezahlen. Und lasst uns dafür beten, dass uns die Kraft gegeben wird, heute für unsere Überzeugungen einzustehen.

 


Die Zitate im Text sind in modernes Hochdeutsch übersetzt und gekürzt. Hier sind die Originale:

1 Originaltext nach R. Wolkan: „Weil aber Gott ein einigs Volk, abgesündert von allen Völkern, haben wollt, hat Er den wahren, rechten Morgenstern, das Licht seiner Wahrheit, im völligem Schein wieder herfür wöllen bringen im lezten Alter dieser Welt, besonders in deutscher Nation und Landen, dieselben mit seinem Wort heimzusuchen und den Grund göttlicher Wahrheit zu offenbaren. Damit sein heilig Wort vor Jederman bekannt und offenbar würde, hub es sich in Schweizerland aus sonderlicher Erweckung und Anrichtung Gottes erstlich also an.“

2 Originaltext nach Schmelzer/ Mecenseffy: „Und im monat vor dem auffertag ietzt verschinen dreu jar sey der Jacob Huetter und ain tischler, der seidmals zu Kopfstain oder Ratenberg gericht worden, zu ime, Valtein, in sein hausung kommen, essen und trinckhen begert, das er inen geben. Huetter under anderm zu ime gesagt, ob er die götlich warhait wissen welle? Er geantwurt »ja«, wan er nun ainen hytt, der ime die saget, und also so vili mit einander beret und beschlossen, daß sy aus dem haus in aw gangen seindt und nachmals der Huetter ime die götlich warhait und tauff furgehalten, derselben nachtzuleben; darauff er, Valtein, niderknuet, Got gebeten, ime seine syndt zu vertzeichen. Darnach hat Huetter geredt, ob er glaub in Got dem herrn, in Jesum Cristum und in die heiligen cristenlich kirchen; er geantwurt »ja«; darauf Huetter gesagt, jetzt seyen dir deine sündt von Got vergeben und er mues seinem vieisch und pluet, weib und kindt absagen, verlassen; und darnach ain wasser genomen, ine, Valtein, getauft in namen vaters, suns und heiligen geists; darnach sey er, Valtein, von inen anhaim gangen und sy lang nit gesehen.“

3 Originaltext nach Handschrift (Diözesenarchiv Brixen, 6428): „Der Jacob Huetter fuert sein weib mit imm, ist gross swanger, und taglich der geburd wartend, ob es halt schon nit beschehen sey. und hat sich in disem gericht Schonegg in Kindlpedtn zu legen einlassen wellen an Zwayen orten ist aber nit bestehen, daruff not ist, den Richtern zu schreiben, Ir frag allenthalten zuhaben wo indert ain arme dirn in Kindlpdtn lig. Dann wo sy jetz in Kindlpedtn ligt, wirdet er auff sein Zuezug daselbst sein Zueflucht haben und suechen. Wann dy haben Ir underslaiff auf sant Leonhard, oder Sant Andresperg auch in lusen. Rodnegg, in tauffers, im gericht Rasten, das als mir? wissenlich ist, und im getzenpg herswang und auff Ellen.“

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Über den Autor

Emmy Maendel

Emmy Maendel

Emmy Maendel hat ein besonderes Interesse an der Geschichte des Bruderhofs.

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