Gerechtigkeit

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Gerechtigkeit

Diese Runde geht aufs Haus

6. August 2020 von

Gestern Abend habe ich mir den Film Just Mercy angesehen. Den ganzen Juni wird dieser Film auf verschiedenen Kanälen von Warner Bros. in den USA kostenlos gestreamt, um über systemischen Rassismus in Amerika aufzuklären.

Vor einem Monat habe ich noch gedacht, die Medien würden sich nie wieder mit etwas anderem als der Coronapandemie befassen. Weniger als zwei Wochen nach dem Überschreiten des tragischen Meilensteins von 100.000 Covid-19-Todesfällen in den USA wurde George Floyd ermordet, und der Virus verschwand aus den Schlagzeilen.

Von meinem Zuhause im Norden des Staates New York habe ich die Nachrichten verfolgt, darüber geweint und neue Abkürzungen gelernt. Ich habe meinen Freunden zugehört und habe mit meinen Kindern gesprochen. Zwei von ihnen studieren noch – in Boston und Durham. Meine Tochter in Boston hat sich an den Protesten beteiligt; ich habe ihr gesagt, dass ich stolz auf sie bin und dass sie auf sich aufpassen soll. Die Tochter in Durham hat lange Zoom-Meetings mit ihren StudienkollegInnen hinter sich. Sie versuchen, sich diesen Themen miteinander im Gespräch zu stellen und KommilitonInnen ein Forum für kritische und unverstellte Diskussion zu bieten.

Ein Freund von mir sprach vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit, die er in den Protesten sieht. „Ganz im Gegenteil“, dachte ich mir, „diese Proteste schenken Hoffnung!“ Jemand anders sagte: „Ich kann dazu keine Stellung beziehen.“ Ich dachte: „Ich kann dazu sehr wohl Stellung beziehen! Ich muss dazu Stellung beziehen. Ich werde immer Partei ergreifen – und zwar für die Unterdrückten, egal wer sie sind.“ Denn ist das nicht die Haltung, die Jesus von uns erwartet? Selig sind die Sanftmütigen, die Armen, die Leidtragenden, die sich nach Gerechtigkeit sehnen.

just mercy Bild: Warner Bros. Pictures

Ich habe mir Just Mercy an einem heißen Abend angesehen. Der Film ist lang – über zwei Stunden. Mein Herz hat schneller geschlagen, als Stevenson das erste Mal angehalten wurde, und ich bin wütend geworden, als er sich einer Leibesvisitation unterziehen musste, als er das erste Mal das Gefängnis betrat, um seine Klienten zu sehen. „Rechtsanwälte im Dienst werden nicht durchsucht!“ Bei der Hinrichtung von Herbert Richardson habe ich meine Augen geschlossen. Der gelbe Stuhl, die Lederriemen, die makabre Angst, die ich inmitten der Ruhe meines ländlichen Hauses spüren konnte. Vielleicht bin ich ein Feigling, aber ich habe nicht hinsehen können. Ich habe die subtile Wandlung bemerkt, die sich im Herzen einer der Gefängniswärter vollzog, meisterhaft durch sanfter werdende Gesichtszüge dargestellt. 

Ich schreibe hier weder eine Filmkritik noch eine kritische Kurzfassung, aber Warner Bros. verdient meines Erachtens irgendeine Form von Auszeichnung dafür, dass sie den Film kostenlos veröffentlicht haben. Die leidenschaftlichen und sprachgewandten Worte Bryan Stevensons bringen meine Gedanken wieder zur Ruhe. Am Ende des Filmes sagt er in einer Senatsanhörung: „Wenn wir uns ganz tief und ehrlich in die Augen sehen, werden wir mit Sicherheit erkennen, dass wir alle Gerechtigkeit brauchen, dass wir alle Erbarmen brauchen. Und vielleicht brauchen wir alle ein Maß an unverdienter Gnade.“ Da haben wir es. Es gibt nur eine Partei zu ergreifen und wenn wir ganz ehrlich sind, gehören wir ihr alle an. Denn um Stevensons Worte nochmal zu zitieren: „Jeder von uns ist an irgendwas zerbrochen. Jeder von uns hat jemanden verletzt oder wurde selbst verletzt. Wir sind alle zerbrochen, wenn auch jeder auf andere Weise.“

Also bin ich mit dem Kniefall-Protest, um den aktuellen Begriff zu verwenden, auch zu Boden gesunken. Es ist ein Kniefall des Gebets, der Sehnsucht: mein Gebet ist für alle von uns, die wir zerbrochen sind.

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