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Über das Staunen und die Suche nach Wahrheit

31. Januar 2019 von

Dieses Jahr verbrachte meine Familie den ersten Weihnachtsfeiertag mit vierzehn Austauschstudenten der University of Pittsburgh und der Carnegie Mellon University – Gastwissenschaftler, wie sie genannt wurden. Nachdem ich kürzlich aus dem sonnigen Uruguay, wo ich selbst Auslandsstudentin war, im winterlichen Pittsburgh gelandet war, hatte ich ein komisches Gefühl, als ob ich jetzt auf der Kehrseite der Medaille wäre. Jetzt war ich dran, Gastgeber zu sein.

Die Stipendiaten sind Teil des Pittsburgh Region International Student Ministries (PRISM), einem campusbasierten Programm für ausländische Studierende. Jeden Dezember organisiert PRISM für sie Weihnachten in einem normalen amerikanischen Haushalt. Es wäre weit hergeholt, dieses amerikanische Zuhause normal zu nennen, aber meine Eltern hatten schon immer Leute zum Weihnachtsessen in unser Haus eingeladen, die sonst alleine gewesen wären, so dass ihre Entscheidung mich nicht überraschte.

Tischgemeinschaft im Pittsburgh-Bruderhofhaus

Die meisten Studenten kamen aus China, Indien und Saudi-Arabien, also praktisch aus jeweils einer anderen Welt. Da fast keiner von ihnen die Weihnachtsgeschichte kannte, beschlossen wir, für sie eine lebendige Krippenszene nachzustellen. Meine Schwester und ihr Mann waren Maria und Josef, mein Bruder war ein Hirte und das Jesuskind eine Puppe. Ich war ein anmutiger Engel. Zumindest meine Kerze war anmutig; mit meinem Wintermantel unter einem riesigen weißen Engelsgewand ähnelte der Rest von mir eher einem Marshmallow.

Aber trotz unserer Unzulänglichkeiten strahlten die Gesichter unserer Besucher vor Ehrfurcht, als sie in den Lichtschein traten, den die Kerzen verbreiteten. Die meisten dieser Stipendiaten hatten die Essenz von Weihnachten noch nie auf diese Weise dargestellt erlebt. Baby Jesus hatte wohl noch nie so viel Öffentlichkeit erfahren: Verwandte in China und Saudi-Arabien erhielten Live-Updates unserer zusammengeschusterten Krippenszene – aber erst nach einem langen Moment des Staunens.

Von meinem Standpunkt als Engel aus, der ich all diese Gesichter nur bei Kerzenlicht und einer nackten Glühbirne erblickte, erregte das in jedes Gesicht geschriebene Staunen meine Aufmerksamkeit: Akademiker, die auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik sind, schauen mit der Ehrfurcht von Kindern.

Eine Gruppe von Menschen, die Kerzen halten.

Es liegt eine große Kraft im Staunen. In dieser Nacht brachte es den Biochemiker aus Indien mit der fünfjährigen Tochter der chinesischen Wissenschaftlerin zusammen, die beide nach vorne traten, um das Baby zu berühren. Das Gesicht der Puppe wurde unter dem Blick des kleinen Mädchens lebendig; der Biochemiker sagte „Hi Baby Jesus.“ Der Moment war unerklärlich schön, und er veranlasste mich, ein Zitat über Staunen und Wahrheit von einem meiner Lieblingsautoren, David James Duncan, nachzuschlagen:

Staunen ist wie Gnade – nicht etwas, was wir ergreifen, sondern was uns ergreift. Staunen gehört nicht zum Pflichtprogramm auf der Suche nach Wahrheit. Nach der Wahrheit können wir auch ohne Staunen suchen. Dann aber bleibt es bei der Suche, dann wird es kein Finden geben. Wenn nicht das Staunen über uns kommt und uns aufschließt... kann die Wahrheit nicht eintreten.

Diese beiden, Staunen und Wahrheit, findet man in der Gesellschaft kaum vereint. Das eine scheint der Stoff der Kindheit zu sein, verknüpft mit Unschuld und Verletzlichkeit, das andere die Trophäe jahrhundertelangen wissenschaftlichen und philosophischen Denkens. Und wie Duncan sagt, sind sie nicht voneinander abhängig. Aber gemeinsam bilden sie den Kern des Glaubens an den Schöpfer; des Glaubens, der, nachdem er die Vernunft erkannt und darüber hinausgegangen ist, über die unendliche Wahrheit dort staunt.

Das Auge, das staunend schaut, sieht eine Realität, die die Wahrheit allein nicht sehen kann. Den Nachthimmel ohne Staunen zu betrachten ist so, als würde man ihn seiner Tiefe berauben.

Das Auge, das staunend schaut, sieht eine Realität, die die Wahrheit allein nicht sehen kann. Da sind zum Beispiel die Sterne: Den Nachthimmel ohne Staunen zu betrachten ist so, als würde man ihn seiner Tiefe berauben. Man kann ihn sehen, erforschen und sogar seine Komplexität und Größe bewundern, aber ohne Staunen bleibt er immer flach und technisch, schön, aber erklärlich.

Warum also war ein Staunen auf die Gesichter unserer Weihnachtsgäste geschrieben? Einige von ihnen haben vielleicht nicht an Jesus geglaubt oder überhaupt einen Glauben gehabt. Was haben sie dann gesehen?

Vielleicht hat das Staunen sie ergriffen, weil jedes Herz auf der Suche nach einer Wahrheit ist, die sich den Definitionen der Wissenschaft entzieht. Vielleicht hat es sie bei dem Gedanken ergriffen, dass Gott zu den Menschen herabsteigen könnte, anstatt dass der Mensch nach Gott strebt. Vielleicht hat eine wunderbare Wahrheit die Dimension berührt, die von Gott in jede menschliche Seele gelegt wurde, unabhängig von Kultur oder Religionszugehörigkeit. Das ist die Dimension, die ich sehen möchte, wenn ich einen anderen Menschen ansehe, denn es ist die Dimension, die die Menschheit vereint, und die eines Tages jedes Knie beugen wird.

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Über den Autor

Nancy Clement in New York City

Nancy Clement

Nancy Clement ist 22 Jahre alt und lebt in Bogotá, Kolombien, wo sie an der Universidad de los Andes spanische Philologie...

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