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Gerechtigkeit

Verbringt mehr Zeit mit Kindern!

10. Januar 2019 von

Ich liebe meine Unterrichtsstunden an der großen Grundschule, wohin ich von meiner Uni, wo ich auf Grundschullehramt studiere, vermittelt wurde. Mit rund achthundert Schülern – beginnend mit der Vorschule – ist diese eine der vielfältigsten Schule in einer überwiegend weißen Gegend. Allein in meiner Klasse von 24 Vorschulkindern sind neun Nationalitäten vertreten: Drei aus China, einer aus den Philippinen, einer aus Mexiko, eine, die in Shanghai, Dänemark, Norwegen und Frankreich gelebt hat, und drei, die arabisch oder im Mittleren Osten sind. Wenn die Schüler gemeinsam an Projekten arbeiten, ist es nicht ungewöhnlich, Mandarin oder Arabisch inmitten des aufgeregten Geplappers zu hören, wenn meine Sprachenlerner eine Chance finden, ihre Muttersprache mit gleichsprachigen Altersgenossen anzuwenden.

Als wir zu Beginn des Schuljahres darüber diskutierten, worin wir uns ähneln und unterscheiden, verliefen unsere Diskussionen darüber, wer eine hellere Haarfarbe hatte und wessen Haare dunkel waren, wer blaue und braune Augen hatte und wer die größten und wer die kleinsten waren, natürlich und mündeten spontan in der Frage, wessen Haut am dunkelsten und wessen Haut am hellsten ist. Es gab keine Stereotypen, nur Fünfjährige, die sich mit ihren Altersgenossen verglichen.

Es sind diese Erfahrungen, die mich neugierig auf den Teil meiner Woche machen, die ich mit Vorschulkindern verbringe. Ihre aufrichtige und kindliche Lebenseinstellung ist eine erfrischende Abwechslung zu meinen dreistündigen Kursen und zu den laut gestressten Mitt-Zwanzigern, mit denen ich drei Jahre lang studiert habe. Es hat etwas Besonderes, mit Kindern zusammen zu sein. Das macht die ganze Arbeit, die ganze Angst und die Aussicht auf eine schlecht bezahlte und nicht angemessen wertgeschätzte Karriere trotzdem lohnenswert. Das ist etwas, worin ich und meine Kommilitonen, aber auch meine Professorinnen und Professoren und viele andere im Bereich der Pädagogik übereinstimmen. Fjodor Dostojewski formulierte es wunderbar, als er sagte: „Die Seele wird geheilt, wenn man mit Kindern zusammen ist.“

Zwei Jungen beim Basteln mit Papier

Aber jenseits der einfachen, aber bedeutsamen Momente, die wir gemeinsam erleben - einen Schmetterling aus seinem aufgesprungenen Kokon kriechen zu sehen, die unschuldigen Gespräche über das Älterwerden, die Tränen, die mit einer Umarmung vertrieben werden können - gibt es in den Welten meiner Schüler noch viel mehr zu erleben.

Während ich auf dem Spielplatz stehe, beobachte ich die Kinder, die ich in den letzten drei Monaten gut kennengelernt habe, und denke daran, was ein flüchtiger Beobachter meinen Schülern nicht ansieht: Das lockige Mädchen auf der Kletterwand - ihre Mutter stirbt an Krebs in dem Krankenhaus, das sie von ihrem hohen Platz aus sehen kann; der große Junge, der laute Junge, der gerade den kleinen Rotschopf umgeworfen hat und einen Stock wie eine Waffe schwingt - seine Mutter hat chronische Depressionen und er hat mir gesagt, dass er Angst hat, nach Hause zu gehen; der Junge mit glänzendem schwarzen Haar und einem voluminösen roten Mantel - seine Mutter arbeitet vier oder fünf Monate lang in Übersee in China und wenn sie geht, weint er tagelang.

Die Welt ist im Moment kein sicherer Ort für Kinder. Aber in der Grundschule stärken wir Werte wie Fürsorge, Integration, Wertschätzung von Unterschieden und die Übernahme von Verantwortung für unser Handeln.

Das sind die Schüler in meiner Klasse. Das Mädchen, dessen Mutter im Sterben liegt, ist das gleiche, das jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht und oft mit einem lautstarken „Guten Morgen, Frau Van Horn und Frau Shirky“ ins Klassenzimmer kommt, als ob wir die ganze Woche darauf gewartet hätten, sie zu sehen. Der Junge, der den Tag, an dem seine Mutter wieder geht, fürchtet, ist derselbe, der mich gerne mit einem lustigen Grinsen anschaut und bewusst sagt: „Können Sie mir helfen, Frau Shöörky?“

Irgendwie, trotz der Situationen, von denen ich mir wünschte, dass sie kein Fünfjähriger überhaupt je kennenlernen würde, sind diese Kinder widerstandsfähig, glücklich und hoffnungsvoll. Und ich habe das Privileg, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Wenn ich darüber nachdenke, wo einige meiner Schüler sind, wenn sie nicht in der Schule sind, dann kann ich mutlos und besorgt um sie werden. Die Welt ist im Moment kein sicherer und förderlicher Ort für Kinder. Aber in der Grundschule stärken wir Werte wie Fürsorge, Integration, Wertschätzung von Unterschieden und die Übernahme von Verantwortung für unser Handeln. Wir sagen jedem im Raum einen guten Morgen, jeden Tag auf Mandarin, Arabisch oder Englisch mit einem High Five, Handschütteln oder einfach nur einem Lächeln.

Wenn die Kinder jeden Morgen in das Klassenzimmer gehen, sind sie bereit für den Tag, bereit für das, was sie erleben werden. Im Gegensatz zu meinen Kollegen und Mitarbeitern bringen sie ihre Frustrationen und ihren Groll nicht mit. Und sie machen sich keine Sorgen um zukünftige Probleme, die auftreten können oder auch nicht. Wenn es Tränen, wütende Worte oder Ernüchterungen gibt, nehmen sie sie an, bringen es in Ordnung und vergessen es in wenigen Minuten. So können sie immer noch lächeln - und Schmetterlinge oder ein paar Zentimeter Schnee schätzen -, obwohl ihr Leben noch lange nicht perfekt ist.

Ich weiß, dass ich in meinem Leben mehr als zwei Tage in der Woche einer Grundschule verbringen könnte, und ich würde sagen, dass das für uns alle gilt. Denn bei allem, was uns in den Nachrichten, in unserem persönlichen Leben und in unseren Herzen begegnet, brauchen wir Heilung: die Heilung, die man „durch das Zusammensein mit Kindern“ finden kann.


Anetta Shirky lebt in den USA in Morgantown und besucht die West Virginia University, wo sie Grundschullehramt studiert.

 

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