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Jesusnachfolge

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Jesusnachfolge

Das Ende der Welt

30. November 2017 von

Wer den Bruderhof kennt, wird wissen, dass die meisten unserer Gemeinschaften ziemlich groß sind (zwei- bis dreihundert Leute) und in ländlichen Gegenden liegen. Wir haben aber auch eine gewisse Anzahl von kleineren Gemeinschaften in Städten. Die erste dieser Gemeinschaften wurde im Dezember 2003 in Camden gegründet, einer Stadt an der Ostküste der USA im Bundesstaat New Jersey. Damals galt Camden als „gefährlichste Stadt Amerikas“ – und es hat diesen Titel bis heute erfolgreich verteidigen können. Ian war in Camden von Anfang an dabei und wird in ein paar Posts über seine Beteiligung an der Gründung der kleinen Gemeinschaft reflektieren. Dies ist der zweite Post. Der erste ist hier.


Der Bezirk Waterfront South war so ziemlich das Ende der Welt. Hier war weder Stadt noch Ghetto. Es war einfach ein Gebiet, das man beschlossen hatte, sterben zu lassen, um alles abreißen zu können. Die Stadtverwaltung wollte nicht, dass Leute in Waterfront South lebten. Es war geplant, es in ein Industriegelände umzuwandeln, und man war bereits dabei, diesen Plan umzusetzen. Industrielle Strukturen breiteten sich mehr und mehr aus, nicht gerade Fabriken, sondern Zwischenlager, Abwasserkläranlagen und Müllverbrennungsanlagen: Ein Wald von Schornsteinen, die Dreck in den Himmel spuckten. Ich erinnere mich an den allgegenwärtigen Geruch von brennender Farbe – woher er kam, habe ich nie herausgefunden. Viele der Straßen waren völlig verlassen, einige Straßenzüge waren schon komplett abgerissen worden: die sichtbaren aber leeren Reste von Träumen, die in einer Art gemeinschaftlichem Hügelgrab zur Ruhe gelegt worden waren. In den verbliebenen Vierteln, die offiziell als Wohngebiete galten, gab es mehr leere Grundstücke als Häuser, und die meisten der verbliebenen Häuser standen leer. Es gab kein Einkaufszentrum, keine Bank, kein Kino und nichts zu kaufen außer Alkohol.

Die letzte Schule vor Ort wurde als gemeinnütziger Verein von einem katholischen Orden am Leben gehalten. Von einem der Lehrer dieser Schule hörte ich folgende Geschichte: Er wollte versuchen, die Kinder dazu zu bringen, an all die Menschen in der Welt zu denken, und daran, wie gut sie es hatten verglichen mit Kindern, die in Kriegs- oder Hungergebieten leben mussten.

„Stellt euch vor“, sagte er, „wie würde es sich anfühlen, wenn Flugzeuge über uns fliegen würden, die Bomben auf uns werfen?“

Eines der kleinen Kinder meldete sich: „Ich glaube, wenn ein Flugzeug mit Bomben über uns fliegen würde, dann würden die wahrscheinlich denken, dass unsere Gegend schon bombardiert worden ist.“

camden, NJ
Camden, New Jersey

Waterfront South war, wo diejenigen hinkamen, die nichts mehr anderes übrig hatten. Junkies bauten sich kleine Unterstände und Buden oder brachen einfach in ein leerstehendes Haus ein und wohnten dort, bis sie rausgeschmissen wurden. Prostituierte boten sich an den Ecken des Broadway für 5 Dollar an. Oft wurden sie von den LKW-Fahrern bezahlt, die zum Hafen herunter fuhren. Den Zuhältern ging es nicht viel besser als den Prostituierten. Gewalt war an der Tagesordnung. Es war nicht gefährlich, weil es um so viel Geld gegangen wäre. Es war gefährlich, weil jeder hier völlig am Ende war und verzweifelt versuchte, mit allen Mitteln wieder nach oben zu kommen.

Ich habe die klare Erinnerung, wie ich an einem Samstagnachmittag am Fenster stehe und in der einsetzenden Dämmerung auf die Straße hinausblicke. Es war ein eisig kalter Tag und ich konnte das krampfartige Zucken in Armen, Nacken und Beinen einer Prostituierten sehen, die high auf Crack war und versuchte, in der Mitte der Straße nach Hause zu laufen. Ich kannte den Ausdruck „Crack kills“, aber bevor ich nach Camden kam, hatte ich noch nie gesehen, was es mit einem Menschen macht, wie es ins Hirn eindringt und es kaputtmacht und quält, bis alles, was übrigbleibt, ein wildes Verlangen nach etwas ist, von dem du weißt, dass es dich umbringt. Du hasst, es zu nehmen und du hasst es, ohne es zu sein. Dein Leben ist in Fetzen und du weißt es, aber du kannst dich nicht dazu zwingen, aufzuhören. Ich habe einen Freund, ein Drogenberater, der behauptet, dass die Entzugssymptome, wenn jemand aufhört, nicht durch die Droge ausgelöst werden, sondern davon, dass man plötzlich vor den Trümmern seines Lebens steht. Und es gibt nichts, was man gegen diesen Schmerz machen könnte.

Das ist der Hintergrund, vor dem wir versuchten, zu neunt eine Gemeinschaft zu gründen: drei jung verheiratete Ehepaare und drei alleinstehende Männer. Alle von uns waren unter 30, weiß, hoffnungslos idealistisch und naiv und hatten keine Ahnung vom Straßenleben. Dafür hatten wir ziemlich viel Angst. Manche von uns hatten große Angst. Diejenigen von uns, die weniger Angst hatten, waren einfach zu dumm, um unsere Situation zu begreifen. Zu dumm zu begreifen, dass deine Frau vergewaltigt werden könnte. Dass dein Mann erschossen werden könnte. Dass wir von einem Wahnsinnigen high auf Crack angegriffen und ausgeraubt werden könnten. Als ich damals in Camden gelebt habe, hätte ich behauptet dass es egal ist, wie gebildet oder aufgeklärt oder liberal man ist – es gibt einen Punkt, wo Weiße Angst vor Schwarzen haben, und dass, der, der das leugnet, sich entweder etwas vormacht oder hat noch nie in einer nur von Schwarzen bewohnten Gegend gelebt hat. Das ist nichts Rationales. Angst ist nicht rational.

Wir konnten unsere Nächsten nicht lieben, bis wir nicht gelernt hatten, einander zu lieben.

In einen der ersten Monate nach unserem Einzug liefen Wilson und Eric, beide jung verheiratet, den Broadway hinunter, hinter einem Mann und einer Frau mit einem dreijährigen Kind, das hinter dem Paar herlief. Der Mann hatte seine Hand am Kopf der Frau, seine Finger in ihre Haare gekrallt. Alle paar Schritte schlug er den Kopf der Frau gegen den Maschendrahtzaun, an dem sie entlangliefen. Sie schrie und weinte und das kleine Kind lief hinter ihnen her. Wilson und Eric sahen sich an. Was sollten sie machen? Sich einmischen? Die Polizei rufen? Bevor sie reagieren konnten, war das Paar um eine Ecke gebogen und eine Mauer versperrte ihnen den Blick.

Mord und Gewalt schafften es nicht immer, in die Lokalpresse zu kommen, nur die spektakulären Fälle häuslicher Gewalt schafften das, wie der, wo eine Frau von ihrem Ehemann (auf Crack) mit 37 Messerstichen ermordet wurde. Wie soll man auf so etwas reagieren?

War es da verwunderlich, dass Eric, als er eines Tages nach Hause kam, plötzlich seiner Frau gegenüberstand, die in einer Hand eine Taschenlampe und in der anderen Hand eine Dose Pfefferspray hielt? Wir hatten wirklich Angst.

Jeder reagiert anders auf eine Situation. Manche scheinen überhaupt nicht zu reagieren. Vernon und Brandon waren Brüder, 18 und 19 Jahre alt. Sie schienen es nicht zu raffen: Toto, ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr in Kansas sind. Es trug nicht dazu bei, die bestehenden Spannungen zu entschärfen, wenn Leute vergaßen, die Wohnungstür abzuschließen oder auf der Straße stehenblieben und gafften, wenn sich ein Konflikt zusammenbraute. Im Laufe der Zeit merkten wir, dass es vieles gab, was wir nicht voneinander wussten. Jeder von uns war mit einer anderen Mischung von Befürchtungen, Hoffnungen und Erwartungen in dieses Haus am Broadway gezogen.

Gleichzeitig mussten wir herausfinden, warum wir überhaupt hier waren. Was war der Sinn der ganzen Übung? Wir mussten uns auf einen Sinn einigen, um gemeinsam handeln zu können. Das war nicht ganz leicht, besonders nicht für Wilson, der die Gruppe leitete und versuchte, alles zu koordinieren. Eines Abends ging ich aus dem Haus und stieß auf Wilson und Eric, die sich miteinander unterhielten.

„Das hier ist der reine Wahnsinn“, meine Eric gerade, „ich weiß überhaupt nicht, was zum Teufel wir hier zu suchen haben? Weißt du, was diese Leute hier brauchen? Die brauchen Arbeit. Die sollen sich 'ne Arbeit suchen. Und das werden die nie machen, egal, was wir hier machen. Heute Nachmittag stand da diese Frau vor diesem Haus da drüben und schmiss einen Backstein nach dem anderen durch die Fenster nach den Leuten da drinnen. Wie sollen wir denn mit solchen Leuten reden?“

Eine halbe Stunde später ging ich aus der Hintertür nach draußen, hin zu dem Haus, wo ich mit ein paar Freunden wohnte. Da war Edgar, der mit Wilson sprach:

„Ich glaube, wir müssen uns einfach ein bisschen entspannen und locker machen“, meine Edgar. „Diese Leute hier sind nicht so anders als wir selbst. Wir müssen sie einfach kennenlernen und aufhören, Angst vor ihnen zu haben. Ich glaube übrigens, dass viele von denen Jesus viel näher sind als wir. Sie wissen, dass ihr Leben ein Trümmerhaufen ist. Sie wissen, dass sie Hilfe brauchen. Sie haben nichts mehr, an dem sie sich festhalten können.“

In dieser Situation hatten beide Recht. Es war nicht so, dass es zwei Lager innerhalb unserer Gemeinschaft gegeben hätte, aber jeder von uns war innerlich angespannt. Und wir begriffen mehr und mehr, dass wir trotz aller geschlichteten Streitigkeiten noch immer dringend Einheit brauchten und Frieden mit Gott und miteinander, einen Frieden, der nicht auf logischen und maßvollen Diskussionen beruht, sondern auf Gott.

Dann wurde mir mein Handy geklaut.

Es war meine Schuld, dass ich mein Handy und meine Jacke im Auto gelassen hatte, aber niemand konnte sich daran erinnern, wer vergessen hatte, es abzuschließen. Es ging nicht wirklich um den Verlust des Handys, es war eher die Vorstellung, dass wir aus Nachlässigkeit ausgeraubt worden waren. Irgendwer nahm die Dinge hier nicht ernst genug.

Wie war das mit dem Tropfen und dem schon vollen Fass? Die Unklarheit, was die genaue Abfolge der Ereignisse angeht, führe ich auf traumatisch bedingten Gedächtnisschwund zurück. Die Nerven lagen bloß und alle rosaroten Brillen zerkratzt am Boden. Niemand wurde handgreiflich, aber es waren keine schönen Szenen. Wir saßen zusammen am Frühstückstisch und alles schien uns um die Ohren zu fliegen. Woran ich mich am klarsten erinnern kann, ist die Schwere in der Atmosphäre, als wir aufstanden, um zur Arbeit zu gehen. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie Eric Brandon und mich im Minivan fuhr. Es war eisig kalt und der Himmel erwachte gerade zu einem bleiernen Grau.

Am Ende haben wir die Dinge bereinigt, ich schreibe ein andermal darüber. Wir haben gelernt, einander zu lieben und unsere Nachbarn zu lieben. Es war wie bei der Echternacher Springprozession: Zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Das wichtigste waren die Beziehungen bei uns in der Gemeinschaft. Wir konnten unsere Nachbarn nicht wirklich lieben, bis wir nicht gelernt hatten, einander wirklich zu lieben.

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Über den Autor

IanBarthHorizontal

Ian Barth

Ian lebt auf dem Darvell-Bruderhof in East Sussex (England) mit seiner Frau Olivia und vier Söhnen.

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