Jesusnachfolge

Das wichtige Zeugnis von homosexuell empfindenden Christen

2. August 2018 von

Als ich dreizehn Jahre alt war, starb mein Vater an AIDS. Infiziert hatte er sich in einer außerehelichen homosexuellen Beziehung. Wenn ich also als intolerant bezeichnet werde, weil ich Jesus nachfolge, dann tut es mir tief in meiner Seele weh. Ich habe meinen Vater sehr geliebt – die meisten meiner glücklichen Kindheitserinnerungen sind mit ihm verbunden. Wir haben zur Musik von Carly Simon getanzt. Wir haben Schwarzwälder Kirschtorte gebacken. Wir haben in warmen Sommernächten zusammen in Schaukelstühlen in den Himmel geschaut und über die Schönheit von Gottes Schöpfung gestaunt.

Aber ich habe ihn vor allem geliebt, weil er mich mehr als irgendein anderer Mensch in meinem Leben zu Jesus geführt hat. Als ich neun Jahre alt war, hat er mir die Bibel geschenkt, die ich noch heute benutze. Er wollte, dass ich verstehe, wie wichtig ist, Jesus nachzufolgen – komme was wolle. Er litt sehr an seiner AIDS-Erkrankung, aber er meinte zu mir, dass es für ihn sein Verrat an Christus noch viel schmerzhafter sei. Er wusste, dass er gesündigt hatte, und es tat ihm sehr leid. Ich konnte seine Buße, seine Umkehr und schließlich seine kindliche Freude, als er wusste, dass ihm vergeben worden war, selbst miterleben. Es ist bis heute das wichtigste Vorbild meines Lebens.

Als ich von der homosexuellen Neigung meines Vaters erfuhr, war ich schockiert – nicht wegen irgendwelcher starren moralischen Prinzipien, sondern weil er so lange so einsam gewesen war in seinem Ringen damit. Er kam aus einer sehr evangelikalen Familie mit einer sehr militärischen Tradition. Sein Verhältnis zu seinem Vater, der einer Eliteeinheit angehört hatte, war schwierig gewesen. Er war kein Macho und kein Supersportler wie sein Bruder. Er war einfach anders.

In jenen Jahren war Homosexualität ein absolutes Tabu, und mein Vater konnte weder zu Hause noch in seiner Gemeinde darüber sprechen. Er fühlte sich auch zur Nachfolge Jesu berufen und wollte als ihm als Pastor dienen. Aber wer hätte in den 1970er Jahren einen homosexuell empfindenden Pastor akzeptiert? Also machte er „das Richtige“: Er heiratete, zeugte zwei Kinder und wurde Pastor einer Quäkergemeinde.

Aber er konnte seine homosexuellen Empfindungen nicht abschütteln. Er kannte Gottes Gebote und wusste, dass auf einem schwulen Parallelleben kein Segen liegen würde, aber es gab keinen Ort, an dem er seine Bürde hätte teilen oder um Hilfe bitten können. Er war mit seiner Situation vollkommen alleine gelassen, als er schließlich der Versuchung nachgab.

Die Kirchen haben meinen Vater damals im Stich gelassen und auch heute lassen sie Leute wie ihn im Stich, aber so müsste es nicht sein. Ich habe Ed Shaws Buch The Plausibility Problem in dieser Frage als sehr hilfreich empfunden. Shaw, ein zölibatär lebender, homosexuell empfindender Pastor, wirft den Kirchen mangelnde Unterstützung von homosexuell empfindenden Christen vor. Jeder von uns, so behauptet er, erlebt Versuchungen, und jeder von uns braucht Hilfe, um sie zu überwinden. Alle Christen brauchen die Unterstützung ihrer Glaubensgeschwister, um Jesus nachzufolgen. Viele Kirchen und Gemeinden weigern sich aber, über homosexuelles Empfinden zu sprechen, weil sie Angst haben, als homophob abgestempelt zu werden, oder sie ermutigen Menschen mit homosexuellen Empfindungen dazu, schwul bzw. lesbisch zu leben. Das ist derselbe Geist der Kompromittierung, und er führt dazu, dass die meisten homosexuell empfindenden Christen nicht die Unterstützung bekommen, die sie bräuchten.

painting of Jesus and his disciples on a storm sea

Ed Shaw behauptet, dass die Kirchen für ihn keine Hilfe sind, sondern sein Leben zusätzlich schwieriger machen, indem sie vage oder sogar verlogen sind, wenn es um Sünden wie Scheidung und Wiederheirat geht. Wenn sie nicht klar aussprechen, welche Opfer für wirkliche Jesusnachfolge erbracht werden müssen. Er beschreibt, was er „Küchenboden-Momente“ nennt, wenn er das volle Ausmaß spürt, das ihn kostet, für seine Überzeugungen einzustehen. „Was mir hilft, wieder vom Küchenboden aufzustehen, ist, andere Christen zu sehen, die ebenfalls auf das schnelle Glück verzichten, um Gottes Wort treu zu bleiben. Am meisten Mut, Gottes Gebote bezüglich Sex zu gehorchen, gibt es mir, wenn ich sehe, dass auch andere Christen einen Preis für ihren Gehorsam zu zahlen bereit sind. Ein guter Freund war bereit, seinen geschäftlichen Ruf zu opfern, um für die Wahrheit einzustehen. Ein anderer Freund ist mit seiner Ehefrau zusammengeblieben, wo fast jeder andere aufgegeben hätte – weil er weiß, dass Gott Scheidungen verabscheut. Alle von ihnen sind die Art von Menschen, die mich am meisten haben spüren lassen, dass ich mein Leben so leben kann, wie ich es mache, und ich danke Gott für sie.“ Solche Opfer, die uns miteinander verbinden, sind wichtig dafür, dass Kirchen und Gemeinden als Orte wahrgenommen werden, an denen homosexuell empfindende Jesusnachfolger willkommen sind.

Die Gemeinde verliert ihre Stimme und ihre Autorität, wenn sie an homosexuell empfindenden Menschen höhere Anforderungen stellt als an andere: jeder von uns ist an das Wort Gottes gebunden. Wir können nicht einerseits Ehebruch ignorieren, Scheidung und Wiederheirat oder Sex vor der Ehe rechtfertigen und gleichzeitig homosexuelle Beziehungen verurteilen: die Bibel enthält eindeutige moralische Urteile gegen all diese Verhaltensweisen. Keiner von uns wählt sich seine Dämonen aus, sondern sie suchen uns heim, und deswegen muss die Gemeinde die Menschen annehmen, die sich scheinbar unveränderbar und ständig von Menschen ihres eigenen Geschlechts angezogen fühlen. Die Gemeinde muss der Ort sein, an dem sie Hoffnung und Wahrheit finden können.

Mein Vater hat bis zu seinem Tod nach einer Gemeinde gesucht, die ihn unterstützt hätte. Eine Gemeinde, die ihn nicht verteufelt, sondern sich darauf konzentriert, mit Liebe und gegenseitiger Fürsorge der Bergpredigt folgend zu leben – sieben Tage pro Woche. Zum Glück hat Ed Shaw eine Gemeinde gefunden, die wie eine Familie für ihn ist, und die ihm in den einsamen Stunden beisteht, wenn er, genau wie andere Singles, keinen Partner und keine eigenen Kinder hat, die ihn zu Hause erwarten. Auch ich habe eine Gemeinde gefunden, die für mich wie eine Familie war, als ich zum Bruderhof kam. Hier können wir, mein Mann Daniel und ich und unsere drei Kinder, einander helfen, Gottes Willen über unseren Willen zu stellen und unsere Treue zu Jesus über unser Streben nach Glück. In meiner eigenen Gemeinde habe ich erlebt, wie homosexuelle Mitglieder im Single-Sein oder in gottgewollter Ehe Frieden und eine Antwort auf ihre Suche gefunden haben. Wenn mein Vater so eine Unterstützung gehabt hätte, hätten sich die Dinge ganz anders entwickeln können.

Wir dürfen uns nicht auf bestimmte Sünden oder bestimmte Menschen einschießen. Wenn wir Jesus höher stellen als all unsere Eigeninteressen, kann alles Erlösung finden.

Homosexuell empfindende Menschen, die Jesus nachfolgen möchten, sind vielleicht die wichtigsten Glaubenszeugen unserer Zeit. Die Tapferkeit und Kompromisslosigkeit, mit der sie für die Gute Nachricht einstehen, kostet sie persönlich einen hohen Preis. Was sie fordern, ist der Beistand der Gemeinde. Die Gemeinde muss da sein für Leute wie meinen Vater – und für jeden von uns. Wir alle sind Sünder, egal ob wir homosexuell oder heterosexuell empfinden. Wir dürfen uns nicht auf bestimmte Sünden oder bestimmte Menschen einschießen. Die Wahrheit ist für uns alle dieselbe: Wenn wir Jesus höher stellen als all unsere Eigeninteressen, kann alles Erlösung finden.

Der Apostel Paulus spricht von dieser wichtigen Einheit und betet für den Tag, an dem wir Jesus in seiner ganzen Fülle erfassen: „Denn wir sollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein – ein Spielball von Wind und Wellen im Meer zahlreicher Lehren. Sie sind dem falschen Spiel von Menschen ausgeliefert, die sie betrügen und in die Irre führen. Dagegen sollen wir an der Wahrheit festhalten und uns von der Liebe leiten lassen. So wachsen wir in jeder Hinsicht dem entgegen, der das Haupt ist: Christus. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch alle stützenden Sehnen. Dabei erfüllt jedes einzelne Teil seine Aufgabe – entsprechend der Kraft, die ihm zugeteilt ist. So wächst der ganze Leib heran, bis er durch die Liebe aufgebaut ist.“ (Eph 4,14-16) Wenn eine bestimmte Gruppe von Gläubigen sich verurteilend gegen eine andere Gruppe von Gläubigen wendet, wird das Schiff der Kirche im Sturm kentern. Aber wenn Sünder – egal, was ihre Sünde ist – sich in ihrer Bedürftigkeit nach Buße, Umkehr und Gnade einig wissen, dann wird die Kirche gestärkt werden.


Bild: Rembrandt van Rijn, Christus im Sturm auf dem See Genezareth Kommentare

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