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Jesusnachfolge

Echt sein

19. April 2018 von

View of the Arco Valley in the Tyrol by Albrecht Durer
Die Burg Arco im Tirol, gemalt von Albrecht Dürer

Jeder mag Leute, die echt sind.

Und alle lieben es, Leute zu hassen, die unecht sind, falsche Fuffziger, Faker. Besonders, wenn es um Religion geht und um Leute, die behaupten, gläubig zu sein. Macht es nicht Spaß, die Heuchler zu entlarven und das anzugreifen, was wir in ihren Handeln als verlogen ansehen? Das ist nicht ganz grundlos, denn gerade im religiösen Leben (von der Antike bis heute) gab und gibt es so viel Korruption, Missbrauch und Ausnutzung.

Aber kürzlich hielt ich etwas wirklich Echtes in meinen Händen, als ich die Gelegenheit hatte, eine Sammlung handgefertigter Bücher anzusehen, die von täuferischen Missionaren benutzt worden waren. Manche dieser Bücher sind aus dem sechzehnten Jahrhundert. Sie sind voller Bibeltexte und Kommentare, handgeschrieben und hin und wieder illustriert. Diese handtellergroßen Bände waren dafür gemacht, in Kleidung eingenäht oder im Stiefelschaft versteckt zu werden, wenn die Missionare in den Dörfern in Tirol ihrer Tätigkeit nachgingen. Heute liegt das im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien.

Weil Gefangennahme oft den Tod bedeutete, war klein nicht nur praktisch, sondern lebenswichtig. Diese Bücher sind wettergegerbte, von Würmern angefressene Zeugnisse eines beharrlichen Glaubens. Eines hatte eine Inschrift, die mir auffiel, und die Archivarin übersetzte für mich aus dem Mittelhochdeutschen: „Gottes Wort wäre nicht so schwer, wenn es keinen Egoismus gäbe.“

Image of hands holding an old Anabaptist book

Ich habe darüber nachgedacht, wie Glaube und Aufopferung zusammenhängen. Was mich immer anspricht ist, wenn jemand bereit ist, sein Ego loszulassen, freiwillig auf Dinge im Leben zu verzichten, die er gerne mag – Familie, Beruf, materielle Sicherheit – und dann die Kraft zu finden, das Unverzeihliche zu verzeihen oder sich um seinen Nächsten zu kümmern, ohne dafür gelobt oder bezahlt zu werden.

Wir vergöttern unsere Individualität, unser Ego und die Freiheit, alles nach unserem Geschmack zu wählen und umzuinterpretieren. Willensfreiheit und Freiheit von Zwang sind essentiell, wenn wir vor Glaubensentscheidungen stehen, aber wenn wir uns entscheiden, Jesus nachzufolgen, geht es nicht ohne Gehorsam und die Bereitschaft, Opfer zu bringen.

Heute sind die ersten Täufer für uns große Vorbilder und geistliche Wegweiser für unsere Gemeinschaft. Eine der Führungspersonen von damals, Jakob Hutter, schrieb zehn Punkte für Erwachsene auf, die getauft werden wollten – eine Entscheidung, die damals illegal war, weil sie die vorgeschriebene Kindertaufe in Frage stellte. Zahllose Männer und Frauen verloren wegen dieser Entscheidung ihren Besitz oder ihre Familie, viele wurden gefoltert und starben auf fürchterliche Weise.

Heute, 500 Jahre später, weisen Hutter und seine zehn Punkte eine klare Richtung:

Jeder soll zuerst die Kosten sorgfältig überschlagen und erwägen, was er aufzugeben hat. Aber er soll nicht Fleisch und Blut zu Rate ziehen, denn diejenigen, die sich in Gottes Dienst begeben wollen, müssen darauf vorbereitet sein, um der Wahrheit und um des Namens Christi willen verfolgt zu werden oder gar zu sterben, wenn es Gottes Wille ist, sei es durch Wasser, Feuer oder das Schwert. Denn wir haben jetzt Häuser und ein gutes Auskommen, aber wir wissen nicht, was heute oder morgen geschieht. Deshalb soll es niemand um guter Tage willen anfangen. Wer nicht bereit ist, Böses und Gutes zusammen mit allen Gläubigen zu tragen und willig alles anzunehmen, was Gott schickt, der soll es besser bleiben lassen.
Wir drängen niemanden, der sich uns nicht aus eigenem freien Willen anschließen kann. Wir wollen niemanden mit glatten Worten überreden. Es darf kein menschliches Zwingen sein, weder innerlich noch äußerlich, denn Gott will freiwillige Diener haben. Wer es nicht aus der Freude und Lust seiner Seele tun kann, der soll es lassen und bleiben, wo er ist.

Das hilft zu verstehen, was echt ist: Freiwillig. Ohne Zwang. Sei bereit, angegriffen zu werden, sei bereit zu sterben. Es muss von uns selbst kommen, und es ist wirklich besser, wenn wir uns selbst unter die Lupe nehmen, anstatt auf die Bestätigung unserer vermeintlichen Echtheit durch Kirchen oder irgendwelche Institutionen zu warten.

Wenn ich herausfinden will, wie echt jemand ist, dann schaue ich auf sein Lächeln. Wenn er es aus einem freudigen Herzen heraus macht, dann reicht mir das.

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Über den Autor

Jason Landsel

Jason Landsel

Jason wohnt im Bundesstaat New York auf dem Woodcrest Bruderhof.

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