Jesusnachfolge

Nachfolge • Geistliches Leben • Gebet
Gütergemeinschaft • Glaube • Umkehr

Jesusnachfolge

Ein Kreuz und eine Rose

11. April 2019 von

„Du wirst es nicht leicht finden, Solomon zu sehen“, flüsterte mir eine Krankenschwester zu, als ich meine Visite als Seelsorgerin im Hospiz begann.

Das Licht der Nachmittagssonne schien wie ein Fächer durch die Jalousien, als ich die Tür zu Raum 10 öffnete. Ich zögerte, weil ich unsicher war, ob Solomon nicht bereits gestorben sein könnte.

Leise klopfte ich an.

„Hallo.“ Die Antwort war warmherzig, die Stimme jugendlich und knabenhaft. „Komm rein.“

Ich blieb auf der Türschwelle stehen. Obwohl Solomon gerade einmal vierzig Jahre alt war, war sein Körper bis aufs Skelett abgemagert. Seine Wangen und Kieferknochen traten deutlich hervor und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Über dem durch bösartige Darmobstruktionen aufgeblähten Bauch zeichneten sich die Rippen seines Brustkorbes ab.

Ein breites Lächeln erhellte Solomons Gesicht, als er sich mir zuwandte. Er war groß, und als er noch gesund gewesen war, muss er gut ausgesehen haben. Aber jetzt war sein Körper durch die Krankheit entstellt und sein Gesicht von Schmerz gezeichnet. Wären da nicht sein schwarzes Haar und seine vielen Tätowierungen gewesen, hätte ich ihn für einen alten Mann gehalten.

Ich setzte mich auf einen Stuhl neben seinem Bett und schaute in Solomons lebhafte Augen. Er hatte so starke Schmerzen, dass er nur leise und mit großer Anstrengung sprechen konnte. Aber Solomons Geist war klar. Ich war beeindruckt von der Schärfe und Tiefe seiner spirituellen Erkenntnisse. Er schwebte wie entrückt zwischen Leben und Tod und dachte über den Sinn des Lebens nach – und über das kommende Leben.

Sterbende drücken sich sehr direkt aus, und Solomon war keine Ausnahme. An diesem Nachmittag schien ihn viel zu beschäftigen und seine Gedanken hatten etwas Dringliches – als ob er das Rätsel des menschlichen Lebens ergründen wollte, bevor seine Zeit auf Erden zu Ende war.

Gleichmütig beschrieb Solomon den Krebs, der die Knochen seiner Wirbelsäule und seine Bandscheiben auffraß. Der Krebs war in seine Leber, seine Lunge und seinen Darm eingedrungen und hatte einen Oberschenkelknochen so geschwächt, dass er spontan gebrochen war.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man jemanden trifft, der in der Blüte seiner Tage von einer heimtückischen Krebserkrankung dahingerafft wird und dennoch Frieden ausstrahlt. Aber nachdem er seine Situation mit Gelassenheit akzeptiert hatte, bewegte sich Solomon über diese Welt hinaus und seine Gedanken untersuchten die Grenzen der menschlichen Existenz jenseits der physischen Materie.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man jemanden trifft, der in der Blüte seiner Tage an Krebs leidet wird und dennoch Frieden ausstrahlt.

Es war alles so schnell passiert. Noch vor wenigen Monaten hatte Solomon das gehetzte Leben eines Großstädters geführt, vor allem mit seiner Arbeit und als alleinerziehender Vater mit der Erziehung seines siebzehnjährigen Sohnes beschäftigt. Er und sein Sohn stünden sich ungewöhnlich nahe, sagte er mir. Nach einem kürzlichen Besuch bei seiner Mutter wurde Solomon krank. Es fing an mit Fieber und Schmerzen in Rücken und Bauch, die einfach nicht nachlassen wollten, so dass er ins Krankenhaus ging. Eine Computertomografie seines ganzen Körpers zeigte, dass der Krebs schon in viele seiner lebenswichtigen Organe eingedrungen war. Solomon kehrte nie in seine Londoner Wohnung zurück – er wurde direkt in ein Hospiz überwiesen, um dort palliativmedizinische Versorgung und Sterbebegleitung zu erhalten.

„Als Kind nahm mich meine Mutter immer mit in die Kirche“, erzählte Solomon. „Aber aus eigenen Stücken hatte ich nie etwas mit Religion zu tun… hatte nie das Bedürfnis, um ehrlich zu sein.“ Aber die plötzliche Wendung der Ereignisse hatte Solomon dazu gebracht, tief nachdenken.

„Ich weiß, dass ich sterbe,“ gestand er ein, mehr zu sich selbst sprechend als zu mir. „Es muss mehr im Leben geben als das, was du siehst, aber ich weiß nicht, was es ist.“

Und dann fragte er mich mit einem direkten Blick in meine Augen: „Weißt du, ob ich weiterleben werde, wenn mein Körper aufhört zu atmen?“

Ich spürte sein Bedürfnis sowohl nach einer ehrlichen Antwort als auch nach Trost, so kurz vor dem Tod seines Körpers, und so erzählte ich Solomon von meinem Glauben, dass das Leben in irgendeiner Form im Jenseits weitergeht. Er nickte langsam, sagte aber nichts weiter. Dann schloss er die Augen, seufzte tief und teilte mir mit, dass seine Kraft erschöpft sei.

Ich blieb noch eine Weile still bei ihm sitzen. Seine Nachttischlampe warf Schatten auf seinen zermarterten Körper.

Da ich annahm, dass er schlief, stand ich leise auf. Ich lehnte mich über das Bett und legte sanft meine Hand auf seinen Arm, als ich ihm den Frieden und Trost Gottes wünschte.

Auf dem Weg zur Tür drehte ich mich noch einmal nach Solomon auf seinem Sterbebett um. Seine Augen öffneten sich noch einmal und er flüsterte: „Kannst du mir… weißt du… wo ich ein Kreuz herbekommen könnte, das ich in der Hand halten kann? Ich glaube, es würde mir helfen, ein Kreuz zu halten, wenn der Schmerz unerträglich wird.“

Seine Augen vermittelten die Weite der unsichtbaren Welt, als er mich ansah und doch über mich hinaus.

Seine Bitte erfüllte mich mit Ehrfurcht und ich hielt inne. Zu Hause hatte ich ein Kreuz für Solomon. Es war genau das richtige Kreuz für ihn, in Betlehem von Hand aus Olivenholz geschnitzt.

Als ich kurz darauf mit dem Kreuz in der Hand aus meinem Haus lief, sah ich aus meinem Augenwinkel etwas Rotes aufleuchten. In meinem Garten war eine einzelne tiefrote Rose in voller Blüte.

Als ich Solomon an diesem Tag verließ, hielt er das Kreuz aus Olivenholz fest in seiner Hand umschlossen und schaute auf die blutrote Rose, die bei seinem Bett stand. Ansonsten war der Raum leer. Nur ein sterbender Mann, ein Kreuz und eine rote Rose, die von der Lampe zart beleuchtet wurde.

ein Holzkreuz und eine Rose

Kommentare

Über den Autor

Rebekah Domer

Rebekah Domer

Seit Rebekah auf dem Woodcrest Bruderhof in New York aufgewachsen ist, hat das Leben sie zu vielen verschiedenen Aufgaben...

Biografie lesen
Alle Autoren anzeigen

Bleib in Kontakt

mit dem kostenlosen Voices Blog Newsletter!

Leseempfehlungen

Alle anzeigen

Das könnte dich auch interessieren

Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen