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Gott sei Dank für Feinde

23. Januar 2020 von

Zwei Ritter kämpfen in einer Landschaft, Eugene Delacroix um 1824

Zwei Ritter kämpfen in einer Landschaft, Eugene Delacroix um 1824

Ich brauche Feinde. Überhaupt weiß ich nicht, was Liebe bedeuten sollte, wenn es keine Feinde gäbe.

Jesus sagte dasselbe. „Liebt eure Feinde ... Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso?“ (Mt 5,43–46).

Könnte es sein, dass die Feindesliebe die einzige echte Art von Liebe ist, die es gibt? Könnte es sein, dass wir Feinde brauchen, um zu erkennen, was für ein Feind wir sind? Der Apostel Paulus schreibt: „Als wir noch Sünder waren, ist Christus für uns gestorben“ (Röm 5,8). Was ist ein Sünder anderes als ein Feind Gottes? Gottes Liebe ist die Art von Liebe, die Feinde einschließt – auch uns.

Dale tauchte eines Abends zu einer Bibelstunde auf, die ich leitete. Er stellte einige ernsthafte Fragen bezüglich meines Verständnisses von sozialer Gerechtigkeit in der Bibel. Ich versuchte, ihm kurz zu antworten, und er schien relativ zufrieden zu sein. In der nächsten Woche tauchte Dale wieder auf, diesmal mit ein paar Freunden. Ich hatte kaum angefangen, als die Fragen begannen, auf mich einzuprasseln. Dann brach die Hölle los. Dale begann eine regelrechte Hetzrede gegen mich, in der er mich beschuldigte, ein falsches, humanistisches, nach Kommunismus riechendes Evangelium zu lehren. Ich geriet schnell in die Defensive und begann, Punkt für Punkt meine Ansichten zu verteidigen. Im Handumdrehen war die Situation komplett verfahren. Innerlich kochte ich vor Wut und beendete unser Treffen so schnell ich konnte. Dale ging.

Könnte es sein, dass die Feindesliebe die einzige echte Art von Liebe ist, die es gibt? Könnte es sein, dass wir Feinde brauchen, um zu erkennen, was für ein Feind wir sind? 

Am nächsten Tag rief Dale mich an. Er wollte sich zum Mittagessen treffen. War das eine Falle? Würde das Geschimpfe weitergehen? Ich wappnete mich mit allen möglichen Argumenten und Verteidigungsstrategien. Meine theologischen Geschütze waren geladen und entsichert.

Dale begann damit, sich für die Störung zu entschuldigen, die er verursacht hatte. Obwohl er meine Ansichten immer noch für völlig falsch hielt, tat es ihm leid, dass er so aggressiv gewesen war. Dann erzählte er von seiner Vergangenheit – wie sein Vater in Vietnam in Fetzen gesprengt worden war, wie seine Mutter sich zu Tode getrunken hatte, wie er es geschafft hatte, mit einem Stipendium der Armee einen College-Abschluss zu machen, und wie stolz er war, jetzt bei den Streitkräften zu arbeiten. Irgendwann im Gespräch wurden seine Augen feucht und er sah mich mit einem hilflosen, jungenhaften Ausdruck an. Dann sagte er, er müsse gehen.

Dale kam nie wieder zur Bibelstunde. Obwohl ich ihn seitdem nicht mehr gesehen habe, hat er mich irgendwie nie verlassen. Tatsächlich habe ich auf meinem Weg viele andere „Dales“ kennengelernt. Und einer davon bin ich selbst. Denn in meiner Begegnung mit Dale erkannte ich, dass ich auch gebrochen bin, und in meiner Gebrochenheit kann ich anderen auf die Nerven gehen und bedrohlich wirken. Ich erkannte, wie sehr ich mich hinter einer „Wir gegen sie“ -Mentalität verbarrikadierte und dadurch Gottes Gnade daran hinderte, ihr volles Werk in meinem Feind und in mir selbst zu tun.

Für mich gehört es zur Feindesliebe, den Feind in mir zu erkennen. Denn ich bin letztlich ein aufbegehrender Mensch, ein Gegner der unergründlichen, bedingungslosen Liebe Gottes. Durch meinen Egoismus bin ich häufig mit mir selbst auf Kriegsfuß – und viel zu häufig auch mit anderen. Aber das ist der Grund, warum Jesus mich aufruft, meine Feinde zu lieben. Wenn ich mir die Mühe mache, sehe ich nicht nur mich selbst, sondern entdecke die Menschlichkeit und Schönheit derer, die „gegen mich“ sind. In Wirklichkeit sind mein Feind und ich eins.

Diese Erkenntnis ist einer der Gründe, warum ich in christlicher Gemeinschaft lebe. Indem ich mich mit potenziellen „Feinden“ umgebe, kann ich lernen, worum es bei echter, bedingungsloser Liebe geht. Aber wenn ich mich, wann immer ich will, von anderen distanziere, nach meinen eigenen Vorstellungen lebe und meine Beziehungsoptionen offen und unverbindlich halte, lebe ich in der Illusion, dass ich wirklich weiß, wie man liebt.

Das Neue Testament gebietet uns zu vergeben, so wie uns vergeben wurde. Dies sollte uns dazu bringen, uns in wirklich feindliches Territorium zu begeben: dort, wo Gottes vergebende Liebe ihr Werk tun kann. Echte Liebe ist nicht für Schwächlinge, oder für diejenigen, die der Welt entfliehen wollen. Nein. In Gemeinschaft riskieren wir, verletzt zu werden und andere zu verletzen. Und trotzdem ist dies genau die Art und Weise, wie wir einander nahekommen können, so dass Gottes Liebe uns verwandeln kann.

Wir meiden Gemeinschaft und die Feinde, die uns dort so nahe kommen, weil wir Angst haben, uns von Gott verändern zu lassen. Aber vollkommene Liebe vertreibt die Angst.

Feindesliebe ist wie Feuer. Sie verbrennt das Fleisch und verzehrt das, was sich in den Ecken und Ritzen unserer Verleugnung versteckt – alles, was sich Gott entgegenstellt. Es ist die reinigende Kraft von Gottes Vergebung. Aber damit ein solches Feuer brennen kann, muss es Brennstoff geben: die Gegenwart anderer, die echt genug sind, um den Feind in ihrem Inneren zu erkennen und zu bekehren. Wir meiden Gemeinschaft und die Feinde, die uns dort so nahe kommen, weil wir Angst haben, uns von Gott verändern zu lassen. Aber vollkommene Liebe vertreibt die Angst.

Wir werden immer Feinde haben. Die Frage ist, werden wir sie lieben, so wie Gott uns liebt, oder nicht? Wenn wir das tun, müssen unsere Feinde keine Gegner und Widersacher bleiben; sie können sogar unsere engsten Gefährten werden. Anstatt unseren Feinden auszuweichen, lasst uns in Demut auf sie zugehen und das Wunder erleben, das geschehen kann, wenn wir uns der Not des anderen öffnen und sein Herz finden. Solche Liebe ist ein Wunder - ein Wunder, das Gott uns geben will, wenn wir es nur annehmen würden. Gott sei Dank für Feinde! Feinde können Wunder bewirken.

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Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore und seine Frau Leslie leben in Denver, Colorado, wo sie mit Freunden und Besuchern eine kleine...

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