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Im Dunkeln sehen - Über den Umgang mit den Ungewissheiten des Glaubens (Teil 1)

18. Mai 2016 von

Dieser Blog Post ist der erste einer fünfteiligen Serie.


Glaub mir: Es lebt mehr Glauben in einem ehrlichen Zweifel
als in den meisten Glaubensbekenntnissen.

—Alfred Lord Tennyson

Meine erste Begegnung mit einem bekennenden Atheisten war an der Universität. Steve hatte einen Artikel in der Studentenzeitung geschrieben, in dem er den Glauben an Gott mit dem Glauben an den Weihnachtsmann verglich. Ich war erstaunt darüber, dass jemand wirklich so etwas glauben konnte, und entschied mich, Steve zu treffen und zu sehen, ob er es wirklich ernst meinte.

Wir haben mehr als eineinhalb Stunden gesprochen. Er stand zu dem, was er geschrieben hatte. Für ihn war das ganze Unternehmen der Religion eine Erfindung – rational unverzeihlich! Er hatte keine wissenschaftliche Rechtfertigung. Als ich Steve fragte, warum er so viel von der Wissenschaft hielt, und warum er glaubte, dass nur ihr vertraut werden könnte, hatte er Schwierigkeiten, mir eine angemessene „wissenschaftliche“ Antwort zu geben. Er konnte nicht empirisch belegen, dass die wissenschaftliche Methode allein ausreichte, um die Wahrheit zu finden. Er vertraute einfach darauf, dass Wissenschaft zuverlässig sei und letzte Fragen entscheiden könne, dass moderne Wissenschaft funktioniere und dass nach und nach die grundlegenden Probleme des Menschen behoben werden könnten.

 Im Verlauf unserer Unterhaltung dämmerte es Steve, dass sein Glaube an die Wissenschaft auch ein Glaube war, ähnlich einem religiösen Glauben. Er gab offen zu, dass er, egal was ich auch anführen würde, um ihn von der Unzulänglichkeit der Wissenschaft zu überzeugen, er nicht anders darüber denken würde – ein ziemlich entlarvendes Eingeständnis seinerseits, und ich entschied, es auf sich beruhen zu lassen.

Buds on a cherry tree stand out against a dark background

Wie Steve ist jeder von uns gläubig. Auf merkwürdige Weise leben wir alle „durch den Glauben“. Glaube ist eine treibende Kraft der menschlichen Existenz selbst. Paul Tillich hat darauf hingewiesen, dass wir alle ein äußerstes Anliegen haben – einen Gegenstand höchster Bindung, von dem und für den wir leben. Oder, wie G.K. Chesterton gesagt hat, wenn Leute behaupten, nicht an Gott zu glauben, „fangen sie nicht an, an nichts zu glauben; sie glauben an irgendetwas.“ Wir alle sind Gläubige. Glaube ist nicht eine menschliche Möglichkeit. Bewusst oder unbewusst lebt jeder von uns durch gewisse Glaubens-Bindungen.

Wir setzen nicht nur bestimmte Dinge über das Leben voraus, sondern haben Überzeugungen, die, wenn wir ehrlich sind, unser Faktenwissen überschreiten. Ohne diese Überzeugungen wären wir nicht im Stande, Dinge zu verknüpfen und unsere Welt zu einem Universum zu machen. Die Frage ist dann also nicht, ob wir glauben, sondern was und wie wir glauben. Auch ein reiner Rationalist glaubt. Sein Glaube an die Vernunft ist mehr, als die Vernunft an sich erfüllen kann.

Wir sind was wir glauben, aber was sollen wir glauben? Ein Teil der Antwort liegt paradoxerweise in der Rolle des Zweifels. Ein wahrer Glaubender ist ein guter Zweifler. In der Tat, wie gut oder tief eine Person glaubt, hängt davon ab, wie gut er oder sie zweifelt. Wenn Glaube sieht, sieht er in der Dunkelheit. Auf eigenartige Weise kann der Funke des Zweifels das Feuer des Glaubens entfachen. Solch ein Funke bedeutet Konflikt und Reibung und manchmal Krise, aber wenn wir das bejahen, kann es uns ermöglichen, uns inmitten der Unsicherheiten des Lebens zu bewegen.

William James hat einmal gesagt: „Bei einigen Leuten ist der Glaube eine dumpfe Gewohnheit, bei anderen ein akutes Fieber.” Echter Glaube ist nie ereignislos oder automatisch; er ist so fest und tief, wie er erprobt und geprüft worden ist. Obwohl zu glauben eine bewusste Handlung ist, die auf einem verbindlichen Entschluss beruht, ist ein lebendiger Glaube gewöhnlich die Frucht schwerer Kämpfe und tiefen Suchens und dementsprechend voller Narben. Das ist so, weil das Ziel des Glaubens die Wahrheit ist: die Wirklichkeit, so wie sie ist, selbst wenn sie nur undeutlich zu erkennen ist.

Ob es gerechtfertigt ist oder nicht, wir glauben, dass unsere tiefsten Überzeugungen, jener Glaube, den wir nicht beweisen können, auf den wir uns dennoch völlig verlassen, gut und richtig ist. (Röm 12,9) Instinktiv flieht der Glaube vor der Falschheit, so sicher wie er den Unglauben meidet. Deshalb sind Zweifel und Glaube miteinander verwandt in dem Streben nach Wahrheit. Anders ausgedrückt: echter Zweifel ist die Leidenschaft des Glaubens für die Wahrheit. In des Glaubens Kern gibt es ein Zweifeln, das die Sehnsucht des Herzens, das Bedürfnis des Verstandes und die Forderung des Willens ernst nimmt, dass das, was wir glauben, tatsächlich vertrauenswürdig ist.

Einen Glauben zu schmieden, der den Dingen widersteht, die ihn untergraben wollen, schließt Infragestellung und Kampf ein. Nur dann gewinnt man die Gewissheit des Friedens. Und selbst wenn man diese Gewissheit besitzt, wird der Glaube selbst nach weiterer Verfeinerung streben; er wird immer wieder geprüft und gereinigt werden. Und das bedeutet: Zweifel. Mit Worten von George McDonald:

Zweifel sind die Boten des lebendigen Gottes, um das ehrliche Herz wach zu rütteln. Sie sind das erste Klopfen an unsere Tür von Dingen, die wir noch nicht verstanden haben, aber verstehen sollen. Ihnen widerfährt normalerweise dieselbe ungastliche Aufnahme wie Engeln, die nicht in ihrer eigenen Gestalt kommen. Zweifel müssen jeder tiefer gehenden Gewissheit vorangehen. Denn was wir zuerst sehen, wenn wir in unbekannte, unerforschte, unerschlossene Gebiete blicken, sind Unsicherheiten.

Der Apostel Johannes schreibt: „Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, um zu sehen, ob sie von Gott sind.“ (1. Joh 4,1). Ernest Hemingway hat einmal gesagt, dass wir, um ein Leben gut und frei von Täuschung zu leben, einen eingebauten Mist-Detektor brauchen. Nur auf diese Weise können wir eine eingebaute Liebe zu dem besitzen, was kein Mist ist. Echter Glaube, wie die Liebe, verabscheut das Böse und hält fest am Guten (Röm 12,9). Der Glaubende weiß, dass er das Gute und Wahre nur dann erfasst werden kann, wenn das Schlechte und Falsche erkannt wird. Der Unterschied zwischen Glaube und Vernunft ist daher nicht ein Unterschied zwischen Herz und Kopf, sondern liegt in der Bereitschaft des Glaubens, sich anzuvertrauen über das hinaus, was unsere Sinne berühren, sehen, fühlen, tasten und hören können, oder was unser Verstand begreifen kann.

Glaube ist nie eine Selbstverständlichkeit. Paul Tournier bemerkte einmal: „Wenn es keine Möglichkeit des Zweifelns mehr gibt, gibt es auch keine Möglichkeit mehr zu glauben. Gesunde Zweifel bringen uns voran, sie werfen uns nicht zurück – wenn, aber auch nur wenn – wir aus Liebe zur Wahrheit zweifeln.

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Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Esopus im US-Bundesstaat New York, wo er an der Mount Academy...

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