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Im Dunkeln sehen - Über den Umgang mit den Ungewissheiten des Glaubens (Teil 2)

16. August 2016 von

Dies ist der zweite Teil einer Serie. Hier ist der erste Teil.


„In der Lüge begeht der Geist Verrat an sich selbst.“

  • Martin Buber, Gut und Böse

Keiner will je an eine Lüge glauben. Wenn wir an etwas glauben, glauben wir, dass es wahr ist – etwas, worauf wir uns verlassen können, das uns nicht enttäuscht. „Das Herz kann nicht etwas anbeten womit der Verstand nicht übereinstimmt“, schreibt Robert Thomas Fertig. Ebenso wenig kann der Verstand in etwas ruhen, was das Herz nicht umfassen kann.

Genau so war es mit dem Glauben von Johannes dem Täufer – den Jesus rechtschaffen und heilig nennt, den größten aller Propheten vor ihm (Mk 6,20; Mt 11,11). Als Johannes im Gefängnis war, sandte er seine Jünger zu Jesus, um ihn zu fragen: „Bist du der Eine, der kommen soll, oder sollen wir auf jemand anderen warten?“ (Mt 11, 2-3). Jesus antwortete: „Geht zurück und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Frohe Botschaft verkündet.“ (Mt 11,4-5). Jesus verstand Johannes‘ Frage. Seine Anfrage erschien ihm sinnvoll, denn das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel sondern Unglaube. Johannes‘ Frage entsprang nicht einem Mangel an Glauben, sondern kam aus der Tiefe des Glaubens. Anstatt Johannes also zu tadeln, hat Jesus dessen Schüler angewiesen, ihm die Beweise seiner Messianität zu berichten. Jesus hat vollkommen verstanden, dass hinter dem Fragen von Johannes ein ernstes und leidenschaftliches Verlangen, ja eine Bereitschaft stand, zu glauben.

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Foto von Darius Clement

Johannes’ Glaube schloss das Überprüfen nicht aus. Glauben hat seine eigenen Gründe, wie Pascal es einmal ausdrückte, aber es hat Gründe. Wenn Abraham also bereit war, Isaak als Opfer zu geben, so tat er das, weil er „Grund zur Annahme hatte, dass Gott den Tod überwinden konnte“ (Heb. 11,19). Sein Glaube war kein leichtsinniger, blinder Sprung. Er war auf das Versprechen des Einen gegründet, der, durch Sarah, seine Vertrauenswürdigkeit bewiesen hatte.

Und was ist mit dem „zweifelnden Thomas“? Hat Jesus nicht gesagt, „Hör auf zu zweifeln und glaube“? Hat er nicht erklärt, „selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“? Ja, gesegnet sind die, die glauben, ohne die Hände und die Seite von Jesus berührt zu haben. Nichts desto weniger erscheint Jesus dem Thomas genauso, wie er dem Rest der Jünger erschienen ist, um ihnen genau seine Hände und seine Seite zu zeigen. Er kam, wie der Apostel Johannes später schrieb, „damit sie glauben mögen, dass er der Christus war“ (Joh. 20,31). Jesus hielt Thomas seine durchbohrten Hände nicht als Zurechtweisung hin, sondern als Gnade. Wie die anderen Jünger, die Jesus verlassen hatten, musste auch Thomas den auferstandenen Herrn selbst erleben. Als das geschehen war, konnte er seinen gekreuzigten Herrn anzubeten.

Echter Glaube ist so sehr ein Feind von Fanatismus und Intoleranz wie die größte Skepsis. Aus dem Grund eignet sich ein Glaubender nicht nur das an, was überweltlich gegeben ist, sondern alles, was zum menschlichen Wesen gehört, einschließlich der rationalen, intuitiven und moralischen Dimensionen der Existenz. Die Gewissheit des Glaubens steht jedem Stolz fern, sei er intellektuell oder nicht. Elton Trueblood spricht vom Glauben als einer Art „geheiligtem Skeptizismus“. Es ist offen für kritisches Hinterfragen, bedenkt gegenteilige Perspektiven, heißt wahre Einsichten willkommen und – das ist wohl das Wichtigste – stellt sich aufrichtig seinen eigenen Fragen. Wie G. K. Chesterton es einmal ausdrückte, “ Nur einen offenen Geist zu haben ist nichts; der Zweck ist, seinen Geist zu öffnen, so wie man seinen Mund öffnet, um ihn wieder zu schließen und auf etwas Festes zu beißen.“

Der Glaube sucht das Verstehen: er ist offen, weil er wahrhaftig sein will. Als der Apostel Paulus nach Athen kam, hat er sich alle Götzen sehr genau angeschaut. Als er einen Altar bemerkte, der dem „unbekannten Gott“ geweiht war, nutzte er die Philosophie der Stoa und der Epikureer, um einen Anknüpfungspunkt zu finden und dann seine Zuhörer anzusprechen. Ein Glaube, der retten kann, ist offen für ein weites Spektrum der Wahrheit, obwohl er nie offen für das Unechte und Falsche ist. Er wird die Gegenansprüche von verschiedenen Standpunkten aufgreifen und sogar untersuchen, aber nicht, weil er alles als eins oder gleich ansieht, sondern weil er weiß, dass Gott unter allen Menschen und in allen Dingen am Werk ist (Apg, 14,14-18).

Es ist ein Fehler zu denken, dass Glauben sich vor Kritik oder Fragen schützen sollte. Gegensätzlichkeit, ja selbst Widerspruch kann ein Instrument der Reifung sein, und wenn das so verstanden wird, kann der Glaube die Herausforderung annehmen. Ein Narr ist nicht wer zweifelt, sondern wer etwas glaubt, was er oder sie nie infrage gestellt hat. Letzten Endes ist es nicht Glaube, der Intoleranz hervorbringt, sondern Angst., Im Gegensatz zu der Sicherheit des Glaubens, kommt die Gewissheit der Engstirnigen nicht aus dem freien Vertrauen, zu wissen und tun, was recht ist, sondern aus Angst vor der Demütigung, nicht mehr als unfehlbar dazustehen.

Zu glauben erfordert Mut. Aber das ist nicht auf den Glauben beschränkt. In den Screwtape Letters weist C.S. Lewis darauf hin, dass Mut „die Form einer jeden Tugend an ihrem Erprobungspunkt ist, also an dem Punkt ihrer höchsten Wirklichkeit. Keuschheit, Ehrlichkeit oder Barmherzigkeit, die unter Belastung nachgibt, wird nur bedingt keusch oder ehrlich oder barmherzig sein. Pilatus war so lange barmherzig, bis es riskant wurde.“ Wenn wir es schwierig finden zu glauben, kann es sein, dass wir eigentlich davor zurückschrecken, zu zweifeln – die Dinge einer Überprüfung zu unterziehen, die fälschlicherweise Anspruch auf unser Leben erheben. Diese Angst, unter dem Deckmäntelchen des Glaubens, begegnete mir das erste Mal, als ich über die Kriegsfrage nachzudenken begann. Als studierter Philosoph, ebenso als typischer Amerikaner, habe ich geglaubt, dass Töten, wenn auch bedauerlich, manchmal  notwendig und gerechtfertigt sei. Wenn ich allerdings meinen Glauben ernst nehmen und mich an die Heilige Schrift halten wollte, so empfand ich, müsse ich mindestens meine Überzeugungen im Licht dessen nachprüfen, was Jesus lehrt. Vielleicht müsste ich meine moralische Einstellung in Bezug auf das Töten ändern – wie viele andere meiner Ideen.

Nach einem Jahr ernsthaften Nachforschens begann ich einige Schlussfolgerungen zu ziehen. Es war genauso, wie ich gedacht hatte, dass es manchmal richtig ist, zur Waffe zu greifen – besonders wenn es um die Verteidigung von Unschuldigen ging. Aber dann begegnete mir John Howard Yoders Buch Die Politik Jesu. Als ich halb durch war, schwirrte mir der Kopf. Ich war so überrumpelt von Yoders Argumenten gegen die Anwendung von Gewalt, dass ich einfach unfähig war zu verarbeiten, was er sagte. Es war, als ob ich niemals zuvor über die Kriegsfrage  nachgedacht hätte. Ich musste entweder ganz von vorne beginnen, sorgfältig jedes von Yoders Argumenten analysieren und dabei meine eigenen überdenken, oder darauf vertrauen, dass ich dieses Thema ausreichend abgehandelt hatte – und Yoder beiseitelegen. Ich entschied mich für Letzteres. Diese Entscheidung basierte nicht auf dem Wunsch, die Wahrheit herauszufinden, sondern auf der Angst, falsch zu liegen und mich ändern zu müssen. Tief in meinem Innern spürte ich, dass meine Argumente wackelig waren.

Wenn Sokrates richtig lag mit dem ungeprüften Leben und dass ein solches Leben nicht lebenswert ist, dann gilt das mit Sicherheit auch für einen Glauben, der nie geprüft wurde. Wer sich allem Zweifel verweigert, wer es also ablehnt, in dieser Spannung der Unsicherheit zu leben, der „glaubt“ nur aus Gewohnheit. So ein Glaube ist nicht nur ungeprüft sondern eine Flucht; er ist leblos und unecht. So etwas ist, wie Sartre es ausdrücken würde, „schlechter Glaube“.

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Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Esopus im US-Bundesstaat New York, wo er an der Mount Academy...

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