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Mut

25. Januar 2018 von

Wer den Bruderhof kennt, wird wissen, dass die meisten unserer Gemeinschaften ziemlich groß sind (zwei- bis dreihundert Leute) und in ländlichen Gegenden liegen. Wir haben aber auch eine gewisse Anzahl von kleineren Gemeinschaften in Städten. Die erste dieser Gemeinschaften wurde im Dezember 2003 in Camden gegründet, einer Stadt an der Ostküste der USA im Bundesstaat New Jersey. Damals galt Camden als „gefährlichste Stadt Amerikas“ – und es hat diesen Titel bis heute erfolgreich verteidigen können. Ian war in Camden von Anfang an dabei und wird in ein paar Posts über seine Beteiligung an der Gründung der kleinen Gemeinschaft reflektieren.

Hier ist Ians erster Post, wo er das Bauteam vorstellt, das in diesem Blog Post vorkommt.


„Ian, sieht aus, als ob das Holz hier abgekratzt werden muss“, sagte mein Boss Stan Routledge. „Fang mit den Platten an.“ Also beugte ich mich um sieben Uhr morgens über einen Stapel Kanthölzer, um sie vom Eis zu befreien. Dabei kam ich ordentlich ins Schwitzen, während meine Füße und Finger langsam einfroren. Der mieseste Job auf der Baustelle. Zu allem Überfluss kreisten meine Gedanken unentwegt um den morgendlichen Streit und darum, wessen Schuld es war, dass mir das Telefon geklaut worden war, unterpolstert von dem elenden Gefühl, das man hat, wenn man beklaut worden ist – als ob mir einer in den Bauch getreten hätte. Man fühlt sich wie ein Opfer. Ich wollte mich aber nicht wie ein Opfer fühlen. Die Luft war winterlich erstarrt, schwer von gefrorener Feuchtigkeit und der Vorahnung, dass es wohl nie wieder Frühling werden würde. Stan rief vom ersten Stock zu mir herunter und erkundigte sich, ob ich den ganzen Tag dafür brauchen würde, und ich solle bitteschön die ganzen Balken zu ihm hinaufbringen, wenn ich fertig sei. Es war einer dieser Tage, an denen man sich zwingen muss, einen Handgriff nach dem anderen zu machen.

Stan Routledge muss wohl gewusst haben, dass ich dabei war, meinen Mut zusammenzuraffen und um eine Lohnerhöhung zu bitten. Ich merkte es an dem, was er nicht sagte, als er mit seiner Arbeit innehielt, um mir dabei zuzuschauen, wie ich irgendeine Prozedur verpfuschte, die er im Schlaf hingekriegt hätte. Als ich mich gerade herabbückte, um einen Nagel ins obere Ende des Balkens unter mir zu schlagen, sagte er plötzlich: „He Ian, weißt du noch, wie du mir gesagt hast, du seist viel mehr wert als elf Dollar die Stunde? Also, lern lieber erstmal, den Hammer richtig zu schwingen, damit du überhaupt so viel wert bist.“ Dazu gab es nicht viel zu sagen. Ich ging hinunter, um Old Stan (dem alten Mann aus der Crew, nicht dem Boss) die Platten hinaufzureichen, und half ihm dann dabei, den Boden zu verlegen.

construction worker

Für Old Stan, das bekam ich allmählich mit, war es eine Ehrensache, nie die Fassung zu verlieren. Beachtliche Leistung in einer Umgebung, in der ständig alles Mögliche schiefging. Es machte ihm Spaß, dabei zuzuschauen, wenn anderen Leuten der Kragen platzte; ein kaum merkliches Lächeln umspielte seinen Mund, wenn er sich von einer eskalierenden Situation abwandte und sich wieder voll konzentriert an seine Arbeit machte. „War ja klar“, lautete seine sarkastische Analyse, wann immer etwas den Bach hinunterging. Ich wusste auch, dass er auf eine beiläufige Art rassistisch war, genau wie Stan Routledge und die anderen Männer, die wir bei der Arbeit kennenlernten. Nichts gegen Schwarze, solange er sie nicht sehen musste. Das N-Wort war der bevorzugte Kraftausdruck, wenn ein Nagel verbogen oder ein Balken zu kurz abgesägt wurde. Trotz alledem arbeiteten Brandon und ich beide gern mit Old Stan. Er nahm sich Zeit, um uns die Grundfertigkeiten beizubringen, die auch durch die größte Begeisterung und Anstrengung nicht zu ersetzen waren, und es machte Spaß, etwas zu lernen und so zu tun, als wäre ich ein richtiger Zimmermann.

„Mit der Nagelpistole musst du aufpassen“, sagte er eines Morgens zu mir. „Das ist ein Werkzeug, vor dem du Respekt haben solltest. Jeder findet es toll, die Nägel ins Holz zu jagen wie mit einer Maschinenpistole, aber ich habe schon Unfälle mit solchen Dingern mit angesehen, die willst du dir nicht ausmalen.“

Eine halbe Stunde später schoss sich Fred damit in die Hand.

Old Stan sah erst ihn an, dann mich. „War ja klar“, sagte er. Indessen hielt Stan Routledge dem armen Fred eine Standpauke: „Wenn du denkst, ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus, hast du einen an der Waffel. Entweder du schaffst dich selbst ins Krankenhaus oder du gehst zurück an die Arbeit!“

Und da saß Fred auf einem Holzhaufen und hielt sich die Hand, umwickelt mit einem Lappen, unter dem das Blut hervorquoll. Ich konnte ihn durch zwei Stockwerke da unten sitzen sehen, wie er vor sich hinmurmelte, und vollbrachte einen großartigen Akt der Feigheit, indem ich nicht hinunterging, um ihn zu fragen, wie es ihm ging. Ich hatte zu viel Angst davor, was Stan Routledge dazu sagen würde.

Die Mittagspause war eine volle halbe Stunde und das Beste am ganzen Tag: Nach sechs Stunden Arbeit war es ein gutes Gefühl, dass nur noch drei vor uns lagen. Außerdem hatte sich der Körper inzwischen ziemlich auf die Strapazen eingestellt. Wir setzten uns hin und machten uns über unsere Brötchen und den Kaffee her. Dabei unterhielten wir uns, und ich erzählte die Geschichte von meinem geklauten Telefon.

„Übel“, sagte Old Stan. „Das ist das blödeste Gefühl überhaupt, wenn einem was geklaut wird, oder? So was geht einfach nicht. Ich habe eine Menge Geduld, aber bei Diebstahl ist bei mir Ende. Ich werde euch eine Geschichte erzählen.

Ich hatte immer einen Haufen Fahrräder, habe ich auch immer noch“, fuhr Old Stan fort. „Ich habe eins, meine Frau hat eins, jedes meiner Kinder hat eins; Geländefahrräder, wir machen immer als ganze Familie Radtouren. Na ja, eines Tages ruft mich ein Freund an und sagt: ‚Du wirst es nicht glauben, aber ich habe gerade deine Fahrräder durch meine Straße fahren sehen.‘ Und siehe da, tatsächlich hatten die Mistkerle sie mir alle geklaut. Es waren noch Kinder, Jugendliche. Also, wir haben die Bullen gerufen und sie aufgespürt, und ich habe meine Fahrräder wiedergekriegt, aber sie waren im Eimer, es waren nicht mehr dieselben Fahrräder wie vorher. Ich habe sie dann verscherbelt und mir neue gekauft.

Das Ganze hat mich mächtig gewurmt. Was für ein Hirni klaut einem kleinen Kind ein Fahrrad? Diese kleinen Halunken kamen vor Gericht und wurden verurteilt, aber das war denen völlig egal. Ich habe sogar angeboten, den einen, der die ganze Sache geplant hatte, für mich arbeiten zu lassen, um mitzuhelfen, den Schaden wieder auszugleichen, aber davon wollte er nichts wissen. Man fühlt sich so machtlos, wen einem so was passiert. Dann eines Tages rief mich ein anderer Freund an und sagte: ‚Ich habe Neuigkeiten für dich. Ich habe ein paar Autoteile in die Zeitung gesetzt. Rate mal, wer heute Nachmittag um drei kommt, um sie sich anzuschauen?‘ Genau, derselbe Typ, der mir die Fahrräder geklaut hatte.

Also, ich habe meine Kumpels zusammengetrommelt, und als der Grünschnabel auftauchte, um sich die Autoteile anzuschauen, warteten wir schon auf ihn. Er hatte nicht einmal eine Chance, aus seinem Auto auszusteigen. Ich sage euch, wir haben ihn grün und blau geschlagen, haben ihm die Autofenster zertrümmert und herumgestanden und Bier getrunken, ihm die Flaschen über den Kopf gezogen und Bier über ihn geschüttet und auf ihn gepisst. Aufgehört haben wir bloß, weil dann die Bullen auftauchten; mein Nachbar, das Arschloch, hatte den Lärm gehört und den Notruf gewählt. Der Bulle schaute sich an, wer das war; er kannte den Jungen und wusste gleich, wieso wir das gemacht hatten, und er sagte: ‚Willst du Anzeige erstatten, Junge?‘ Der Bursche saß nur da in seinem Auto, besudelt mit Blut und Bier und Urin, umgeben von Glassplittern, und sagte: ‚Ich will nur nach Hause.‘ Die Bullen haben kein Wort mehr darüber verloren. Sie wussten, dass der Kerl nur bekommen hatte, was er verdiente.“

Vielleicht bedeutet Mut einfach, genug Rückgrat zu haben, um sich von seinen Freunden oder seinem Boss schief ansehen zu lassen

Mir wurde ganz schlecht von der Geschichte. Das sage ich nicht nur so, mir war wirklich zum Kotzen. Brandon merkte ich an, dass es ihm genauso ging. Hier war dieser Mann, den wir kannten und mochten, und er erzählte diese Geschichte beinahe mit einem Lächeln, so als rechnete er damit, dass ich Beifall dazu klatschen würde. Ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe, nur dass ich den Kopf geschüttelt habe. In dem Moment fiel mir keine angemessene Antwort ein. Old Stan hatte die Geschichte erzählt, wie um eine Frage zu stellen; er wollte sehen, wie wir darauf reagieren, und es machte mir noch tagelang zu schaffen, dass mir keine bessere Antwort einfiel, irgendetwas, was nicht selbstgerecht war, aber trotzdem ein Weg, die verzweifelte Hand zu erfassen. Die Gedanken kamen immer wieder, überlagerten alles andere, was um uns her und in unserer Gemeindegruppe vor sich ging, auch als wir uns wieder aussöhnten und um Verzeihung baten und erneut versuchten, in der Gemeinschaft zu leben und uns umeinander zu kümmern. Was hatten wir anzubieten? Nicht bloß Worte – es musste schon mehr sein.

Monate später sprach Brandon Old Stan noch einmal auf die Sache an und fragte ihn, warum er das gemacht hattee. „Ich hatte die Wahl“, sagte Old Stan. „Als mein Freund mich anrief, wusste ich, ich konnte entweder hingehen und den Kerl zusammenschlagen und mich für den Rest meines Lebens deswegen mies fühlen, oder ich konnte zu Hause sitzenbleiben und mir vorkommen wie ein Arschloch. Ich hatte keine Lust, mir wie ein Arschloch vorzukommen.“

Ich weiß noch, dass ich in dieser Zeit viel über Mut und Feigheit nachdachte und redete, und darüber, was uns dazu bringt, uns so zu verhalten, wie wir es tun. Wie findet man den Mut, bei den wenigen Gelegenheiten, etwas wirklich Lohnendes und Wichtiges zu tun, die man im Leben bekommt, entschieden zu handeln? Es ist ein glorreicher Traum, sich vorzustellen, wie man die Brücke bis zum letzten Atemzug verteidigt, und doch kann es sein, dass warhaft mutiges Handeln das Gegenteil von glamourös ist. Vielleicht geht es einfach nur darum, genug Rückgrat zu haben, um sich von seinen Freunden oder seinem Boss schief ansehen zu lassen, und schon daran bin ich oft genug gescheitert.


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Über den Autor

IanBarthHorizontal

Ian Barth

Ian lebt auf dem Darvell-Bruderhof in East Sussex (England) mit seiner Frau Olivia und vier Söhnen.

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