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Was ist die Aufgabe der Kirche?

6. Dezember 2018 von

In meinen nächsten Beiträgen möchte ich versuchen, etwas von Eberhard Arnolds Vision von der Aufgabe der Kirche in der Welt zu vermitteln. 1920 gründete er den Bruderhof in einem kleinen deutschen Dorf mit, und als er fünfzehn Jahre später starb, bestand diese christliche Gemeinschaft aus fast 150 Männern, Frauen und Kindern. Arnolds zwei letzten Lebensjahre standen im Schatten von Adolf Hitlers Aufstieg zur Macht, und als Seelsorger des Bruderhofs fragte er sich sicherlich manchmal, ob ihre kleine Gruppe von Gläubigen in der Endzeit lebte. Aber ich glaube, dass ihm durch ihren gemeinschaftlichen Glauben eine prophetische Vision gegeben wurde, um die Weltgeschichte aus Gottes Perspektive zu sehen.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es viele ernüchternde Ereignisse, die mich veranlasst haben, den Verlauf der Entwicklung der Menschheit heute in Frage zu stellen. Aber ich schöpfe Hoffnung und Mut aus diesen Worten, die Arnold 1934 an Pfingsten sprach:

Wir stehen heute am Fronleichnamstage noch mitten im Pfingstfest. Die wartende Gemeinde hat das Pfingstfest herabgezogen durch ihren Glauben. Es war eine wartende Schar in Jerusalem, eine kleine Schar, aber eine weltbestimmende Schar, weil der Glaube der Erwartung sie beseelte. Und diese Erwartung war angstvoll geschwängert mit unerhörter Spannung. Jesus war hinweg genommen aus ihrer Mitte, sie waren allein gelassen in der Welt; aber sie glaubten an sein Wort. Und dieses Wort war ihre Erwartung und ihre Gewissheit. (…)

Was erwartete denn die erste Gemeinde? Sie erwartete das Reich Gottes, sie erwartete die Umwälzung aller Dinge und die Umwertung aller Werte. Sie erwartete die gänzliche Veränderung aller Zustände und aller Möglichkeiten, die Umschaltung aller Verhältnisse in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft oder wo es sei. Es sollte eine ganz andere Geltung durchgreifen, ganz anders als alle andere Geltung, die bisher bestanden hatte. Gott sollte zur Geltung kommen, er sollte herrschen, er sollte sich offenbaren. Gott sollte alle andere Herrschaft beseitigen, jene Herrschaften der Lüge, der Unreinheit und des Mordes hinwegfegen und anstelle dessen der Gottesfriede die ganze Welt ergreifen und die Christusgerechtigkeit die ganze Schöpfung durchdringen. Das war die Erwartung der Urgemeinde. (…)

Wohl erkennt die Gemeinde die Notwendigkeit der heute herrschenden Gewalten an: als Notwendigkeit für die Ungerechtigkeit der großen Welt; aber was der Gemeinde selbst anvertraut ist, ist etwas durchaus anderes als die Herrschaft dieser ihr fremden Gewalten. Was ihr anvertraut ist, ist die königliche Gesandtschaft des letzten Reiches. Dieses und jenes königliche Reich unterhält seine Gesandtschaft in Paris, Petersburg, Berlin, Rom oder sonstwo. Wo das Gesandtschaftsgebäude ist, ist ein sacrosankter Boden. Dort kann niemand den Gesetzen desjenigen Staates untergeordnet werden, in dem der Gesandte lebt, sondern in dem Gebäude der Gesandtschaft gilt vielmehr allein das Gesetz des Landes, welches diese Gesandtschaft ausgesandt hat.

Gerade so ist es mit der Gesandtschaft Jesu Christi durch den heiligen Geist seiner Gemeinde. Hier gilt allein das Lebensgesetz des letzten Reiches. Deshalb darf die Gemeinde Christi sich nicht einfach den Gesetzen der heute geltenden Staatsgewalt unterordnen und unterwerfen. Sie hat sie zu ehren; nicht aber hat sie ihr knechtisch oder sklavisch unterworfen zu sein. Die Gemeinde Christi beansprucht für ihr Tun die souveräne Freiheit des königlichen letzten Reiches. Maßgebend für die Gemeinde Christi und für ihre gesamte Lebenshaltung ist und bleibt einzig und allein der Charakter des kommenden letzten Reiches, der Charakter des Reiches Gottes.

Die Gemeinde erkennt die Notwendigkeit der heute herrschenden Gewalten an; aber was der Gemeinde selbst anvertraut ist, ist ganz anders als die Herrschaft dieser Gewalten.

Wenn nun der Gemeinde Christi eine so große Gesandtschaft anvertraut ist, so ergeht ihr Auftrag an alle Menschen, niemanden ausgenommen. Alle Menschen sollen davon erreicht werden. Damit ist nicht etwa gemeint, dass in diesem geschichtlichen Augenblick schon alle Menschen in der Gemeinde Christi leben sollten; sondern es ist gemeint, dass alle Menschen unter den zeugenden Eindruck der Wahrheit kommen müssen, was das letzte Ziel der Menschheitsgeschichte ist, nämlich diese Einheit Christi, die in der Gesandtschaft der Gemeinde Christi offenbar wird. Diese Tatsache trifft alle Menschen im Innersten ihres Herzens, wenn sie auch nicht alle heute und jetzt schon bereit für die Gemeinde Christi sind.

Es ist so, dass der heilige Geist das Zeugnis der Gemeinde an aller Menschen Gewissen als wahrhaftig offenbart. Davon ist niemand ausgenommen; damit sind alle Menschen gemeint. Und wenn man die Bewegungen der Menschen übersehen und nur einigermaßen erfassen könnte, so sähe man bis zu der heutigen nationalsozialistischen Bewegung hin, dass alle Menschen in ihrem innersten Verlangen die Einheit, die Liebe und die Gemeinschaft meinen, niemand ausgenommen. (…)

Dazu ist die Gemeinde in diese Welt und in die Geschichte ihrer Gewalten hineingestellt, dass sie das Herz Gottes, das Allerinnerste seiner Liebe über die ehernen Tritte aller Gewalten triumphieren lässt. So bekennt sie das letzte Ziel des Reiches Gottes als ihren jetzigen Weg. Der Weg der Gemeinde Gottes geht mitten in das Gottesgericht hinein; er geht mitten durch den Zorn Gottes hindurch; aber er steht allein unter dem Zeichen der Barmherzigkeit und der Liebe, als einer Liebe Gottes, die ihre Feinde liebt. Die Gemeinde liebt ihre sachlichen Gegner. Auch an ihnen erkennt sie ein ihnen vorschwebendes Ideal; auch an ihnen fühlt sie den Pulsschlag des erwachten Gewissens; auch sie vermag sie als berufen zu erkennen. (…)

So gilt es, dass der Glaube an die Liebe jetzt und hier einsetzt und dass nichts aufgeschoben wird. Die Berufung der Liebe ergeht an alle; aber nicht alle folgen der Berufung. Der Berufung folgt man nur dort, wo das Persönliche ganz tief genommen, aber völlig hineingenommen wird in die Sache. Als die Sache aber wird offenbar der reine Christus, der ganze Christus. Der ganze Christus als die Sache der Liebe wird offenbar; all sein Wort und all sein Wesen wird offenbar; es gilt, sich zu dieser Sache umzuwenden. Nicht mit einem Teilbild Jesu dürfen wir mehr zufrieden sein, sondern den ganzen Christus in der alles umfassenden Weite und Größe seiner Liebe gilt es anzunehmen. Als König des Liebesreiches beruft und sammelt er die Gemeinde, um von ihr aus seine Gesandten hinaus zu senden in alle Welt. Als die Gesandten seiner Reichsherrschaft rufen und sammeln sie zur Liebe und zur Einheit, zur Gerechtigkeit und zur Brüderlichkeit; denn sie ehren den König.

field of wheat in the sunset

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Über den Autor

Emmy Maendel

Emmy Maendel

Emmy Maendel hat ein besonderes Interesse an der Geschichte des Bruderhofs.

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