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Wie wichtig ist die Religionsfreiheit für Christen heute? Nicht so sehr.

6. Juni 2019 von

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Ich muss etwas gestehen: Für mich ist Religionsfreiheit eine etwas zwiespältige Angelegenheit. Ich weiß, dass mich jetzt vielleicht einige als Ketzer und andere als Heuchler bezeichnen werden, aber ich bin mir nicht so sicher, ob Religionsfreiheit für Christen immer etwas Gutes war.

Wie bitte? Ich lebe in den USA, einem Land, das mir die Freiheit garantiert, meinen Glauben zu praktizieren und meine Überzeugungen offen auszusprechen, und nun habe ich Zweifel an dieser Freiheit? Ist das nicht unlogisch?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Lasst mich eines klarstellen: Mir geht es nicht um Religionsfreiheit als solche, sondern um die Wirkung, die sie auf die Authentizität hat, mit der Christen ihren Glauben leben. Ist Religionsfreiheit notwendig, damit der christliche Glaube gedeihen kann? Gott brauchte sie offenkundig nicht, als er seinen Geist über die erste Gemeinde in Jerusalem ausgoss (Apg 2). Die Apostel und die ersten Christen brauchten es nicht, als sie das Wort Gottes im gesamten Mittelmeerraum verkündeten. Auch viele andere nicht, wie die radikalen Reformer im 16. Jahrhundert in Deutschland oder die Missionare in China im 19. Jahrhundert.

Auch in unserer Zeit ist die Religionsfreiheit keine Voraussetzung für die Verbreitung des Evangeliums gewesen. Die Untergrundkirchen in der Sowjetunion und in China wuchsen trotz staatlicher Unterdrückung. Tatsächlich sind diese Kirchen nach Ansicht vieler Missionsexperten spirituell gediehen – im Gegensatz zu heute. Ich kann nicht umhin, an das zu denken, was in Äthiopien geschah, als von 1974 bis 1992 täuferische Gemeinden verfolgt wurden. Auf dem Höhepunkt ihrer Unterdrückung unter der kommunistischen Regierung, als all ihr Besitz und alle Gebäude beschlagnahmt wurden und sie unter ständiger Gefahr von Razzien lebten, bildeten diese Kirchen Netzwerke von Gruppen von jeweils fünf Personen, und so kamen schließlich dreißigtausend Menschen zu ihren Gemeinden hinzu (siehe Bearing Witness, Kapitel 31).

Natürlich will ich von keiner Gruppe und keiner Regierung für meinen Glauben ins Visier genommen werden. Ich bin dankbar für meine Freiheiten. Aber diese Freiheiten sind für die Gesundheit und das Wachstum der Gemeinde weder notwendig noch immer gut. Genau wie viele andere bin auch ich mir nicht so sicher, ob Konstantin dem Christentum einen Gefallen getan hat, als er es zur offiziellen Religion des Römischen Reiches machte. Die mönchische Bewegung, die daraufhin einsetzte, erinnert daran, dass die politische Sicherheit der Kirche und ihre spirituelle Vitalität nicht dasselbe sind.

Wenn wir ehrlich sind müssen wir eingestehen, dass unsere Religionsfreiheit ein gemischter Segen ist. „Das Blut der Märtyrer“, sagte Tertullian einmal, „ist der Samen der Kirche.“ Ohne diesen Samen, so scheint es, kann kein neues Wachstum entstehen.

Jede Art von Freiheit, die zu Selbstgefälligkeit und Kompromissen führt, die menschliche Ideale – auch politische – mit göttlichen Idealen verwechselt, ist in meinen Augen nichts anderes als ein Fluch.

Sollten wir also auf Verfolgung hoffen? Natürlich nicht! Ich habe zu viele Horrorgeschichten über diejenigen gelesen und gehört, die für ihren Glauben gelitten haben und auch heute leiden. Aber Religionsfreiheit ist nicht alles. Jesus sagte, dass er seine Gemeinde bauen würde und „die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Keine Macht kann die Türen schließen, die Gott selbst öffnet (Offb. 3,8).

Wenn wir uns berufen fühlen, für Religionsfreiheit zu kämpfen, dann ist das okay. Wir sollten denen dankbar sein, die unermüdlich für das Gemeinwohl aller arbeiten. Aber erinnern wir uns, dass es eine viel größere und viel mächtigere Freiheit gibt, die nur in Christus zu finden ist – eine Freiheit, die von allen Staaten und ihren Gesetzen unabhängig ist: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17).

Wohnt der Geist des Herrn in unserer Mitte? Was machen wir dann mit unserer Freiheit? Jede Art von Freiheit, die zu Selbstgefälligkeit und Kompromissen führt, jede Art von Freiheit, die uns schläfrig macht, jede Art von Freiheit, die menschliche Ideale, auch politische, mit göttlichen Idealen verwechselt, ist in meinen Augen nichts anderes als ein Fluch.

Wenn also Verfolgungen kommen (und sie werden kommen), sollten wir nicht vor lauter Angst oder politischer Raserei unseren Weg aus den Augen verlieren. Lasst uns stattdessen an unsere eigentliche Aufgabe denken und die größte Verpflichtung bestätigen, die wir eingegangen sind: Das Reich der Liebe und des Friedens Gottes auf der Erde zu fördern. Denn wenn der Geist am Werk ist, kann kein Rechtssystem den Willen Gottes vereiteln, und kein Rechtssystem ist notwendig, um ihn zu verwirklichen.

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Über den Autor

Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Esopus im US-Bundesstaat New York, wo er an der Mount Academy...

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