Leben in Gemeinschaft

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Leben in Gemeinschaft

Es braucht ein Kind, um Gemeinschaft aufzubauen

21. Februar 2020 von

Kyle und seine Frau Katie hatten bereits ein Kind. Dann bekamen sie noch eines. Unsere als Logan Street bekannte Gemeinschaft im Zentrum von Denver wuchs. Ein stetiger Strom von Mittzwanzigern, eine Mischung aus Singles und jungen Ehepaaren, begann, sich unserer christlichen Lebensgemeinschaft anzuschließen. Was als eine Doppelhaushälfte angefangen hatte, wuchs auf mehrere Häuser entlang einer Straße an. Wir teilten Wohnraum, Fahrzeuge, Lebensmittel und unser Leben miteinander. Es war der spannende Neubeginn einer Gemeinschaft, und die vielen Unsicherheiten, die mit dem Leben in einer Großstadt einhergehen, ließen unsere Herzen und unseren Glauben wachsen. Wir lernten, wie man zusammenlebt und wie man die Liebe Christi zu denen bringt, die von der Gesellschaft abgeschrieben worden waren.

Ein paar Jahre später verließen Kyle und Katie die Gemeinschaft. Unter anderem erwarteten sie nun ein weiteres Kind. Außerdem fühlten sie sich wie Außenseiter: sie waren die einzige Familie mit Kindern. Rick und Helen, die ihr erstes Kind erwarteten, wollten auch weg, um näher bei Ricks Eltern zu sein. Also zogen sie auch aus. Wir waren traurig, aber wir verstanden sie – es war irgendwie natürlich, dachten wir. In der Zwischenzeit kamen mehr Singles zu uns. Dann heiratete Jay und zog in einen Vorort, der ein besseres Umfeld für eine Familie bot.

Unsere Gemeinschaft fing an, abzubröckeln. Gemeinschaft und Familie passten irgendwie nicht zusammen. Wir lösten uns schließlich auf.

Viele Jahre später fanden meine Frau und ich uns in einer ähnlichen Umgebung wie in Denver wieder. Diesmal war es in der Innenstadt von Albany, New York. Unser großes viktorianisches Haus lag direkt an einer der verkehrsreichsten Straßen der Stadt. Außerdem lag es in einem der zwielichtigsten Viertel. Aber das war egal. Unsere Gemeinschaft war eine Mischung aus älteren und jüngeren Menschen, frisch Verheirateten und Singles, außerdem Kindern jeden Alters. Es war eine lebhafte Gruppe, voller Vitalität und Chaos, die sich aber dennoch zu einem Leben der Jesusnachfolge entschlossen hatte. Einige von uns arbeiteten in unserem neu gegründeten Schildergeschäft; andere gingen zur Schule; einige arbeiteten im nahegelegenen Krankenhaus; andere arbeiteten ehrenamtlich für gemeinnützige Organisationen.

Das Leben war erfüllt und intensiv. Trotzdem wäre es uns nie in den Sinn gekommen, dass unser Leben in Gemeinschaft mit den Bedürfnissen von Familien in Konflikt stehen könnte. Ich hatte etwas gelernt, was ich in Denver noch nicht gewusst hatte: Was für Kinder gut ist, ist auch für die Gemeinschaft gut.

Was für Kinder gut ist, ist auch für die Gemeinschaft gut.

Ein Teil des Grundes, warum sich unsere Gemeinschaft in Denver aufgelöst hatte, war, dass wir zu „verkopft“ gewesen und unseren erwachsenen Vorstellungen nachgelaufen waren. Hohe Fluktuation und mangelnde Bindung an die Gemeinschaft waren auch nicht gerade förderlich. Dennoch hatten wir am meisten unter einer Unfreiheit gelitten, die aus unserem Stolz entstanden war, aus übermäßigem Analysieren unserer Probleme, Misserfolge und Konflikte und aus dem Versuch, im Namen der Relevanz Avantgarde und Hip zu sein. Kindlich zu sein war nicht cool. „Radikal“ zu sein umso mehr.

Hätten wir Kinder in unserer Mitte gehabt und hätten wir uns verpflichtet gefühlt, von ihnen zu lernen, wäre es vielleicht ein Ausgleich für unsere sehr kleinen und komplizierten Vorstellungswelten gewesen. Das Sprichwort „Man braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“, ist wahr. Aber in Gottes Welt braucht es ein Kind, um eine Gemeinschaft großzuziehen.

Bruderhofkinder laufen über eine Wiese

Die Wahrheit dieser Aussage habe ich in Albany unmittelbar erlebt. Anstelle von langen, anstrengenden Versammlungen, auf denen wir uns unseren emotionalen Müll durchwühlen und jede Entscheidung aus jeder nur denkbaren Perspektive durchdenken, haben wir Erwachsene – jung und alt, Single oder verheiratet – es einfach genossen, gemeinsam wie Kinder zu sein. Das lag daran, dass die Kinder in unserem Haus uns auf Jesus hingewiesen haben. Folglich haben wir viel gesungen, getanzt, Spiele und Streiche gespielt, Geschichten gelesen und Wanderungen unternommen, die jeder bewältigen konnte. Auch unsere Begegnungen mit Nachbarn und Fremden änderten sich: sie wurden einfacher und sanfter, wirklich gegenseitig und jeder konnte mitmachen. Unsere Kinder schafften es irgendwie, selbst bei den Depressivsten und Verzweifeltesten das Gold zum Vorschein zu bringen, das so tragisch unter Schichten der Sünde begraben worden war.

Je mehr wir die Kinder in unsere Gemeinschaft einbezogen, desto mehr Freude und Hoffnung erlebten wir gemeinsam. Sie wollten im Park gegenüber Fußball spielen oder Schlittschuhlaufen gehen. Das Schmutzige und Schlüpfrige haben sie gar nicht wahrgenommen. Sie wollten um den Maibaum tanzen, „um das Haus herumlaufen“ spielen, den Osterhasen jagen, egal, ob hochbezahlte IT-Profis und Regierungsbeamte um uns herum liefen. Es machte ihnen auch nichts aus, wenn ihr Spiel direkt vor den Augen von Pendlern stattfand, die im Stau standen, um ihre Arbeitsplätze in irgendwelchen Großraumbüros zu erreichen. Sie sahen weder die Betrunkenen, noch die psychisch Kranken, noch die einsamen alten Menschen – all jene, die regelmäßig auf dem Bürgersteig an unserem Haus vorbeischlichen. Sie sahen Menschen, die Gott liebte.

Das bedeutet nicht, dass das Leben in Albany stressfrei war. Es gab Sicherheitsprobleme, und die Kinderbetreuung zu Hause erforderte viel Mühe. Ehepaare brauchten Zeit, um die Ereignisse des Tages gemeinsam zu verarbeiten und um einfach nur zu sein. Studenten kamen manchmal erst spät in der Nacht nach Hause. Es gab große Probleme in der Nachbarschaft, die unsere Aufmerksamkeit verlangten: die arbeitslose Mutter nebenan mit ihrem Kind; der kriminelle Teenager, der jeden zweiten Tag vom anderen Ende des Viertels kam, um Essen und Aufmerksamkeit zu bekommen; der autistische Mann, der einige Häuser weiter lebte und Gesellschaft wollte; und so weiter. Aber die eine Sache, die uns im Lot hielt, die unseren Glauben einfach und aufs Wesentliche konzentriert hielt, waren die Kinder.

Wenn Kinder bekommen, was sie brauchen, bereiten sie den Menschen um sie herum Freude. Das fehlt christlichen Gemeinschaften oft. Sie arbeiten hart und dienen ihren Mitmenschen, sie leben nach hehren Prinzipien, sie gehen große Risiken ein und bringen noch größere Opfer – aber oft versäumen sie es, die Freude am gemeinsamen Leben zu erleben. Wenn Kinder jedoch willkommen geheißen werden, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ihr natürliches Staunen in die Gemeinschaft einzubringen, mitzuteilen, was sie erleben, ein Lied zu singen, das sie gelernt haben, ein Gedicht zu rezitieren oder über eine besondere Erfahrung zu berichten, wird die erneuernde Gegenwart der Güte Christi spürbar. Ihre Freude ist ansteckend.

Kein Wunder, dass im Reich Gottes die „Geringsten“ die Größten sind. Ein Leben in Gemeinschaft ist wirklich möglich, aber nur, wenn die Eigenschaften des kindlichen Glaubens geschätzt und bewahrt werden.

 


Übersetzung eines geänderten und gekürzten Auszugs aus Kapitel 36, „Kinder“, in Called to Community: The Life Jesus Wants for His People, Plough Publishing House, 2016

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Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore und seine Frau Leslie leben in Denver, Colorado, wo sie mit Freunden und Besuchern eine kleine...

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