Leben in Gemeinschaft

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Camden, New Jersey: Gelernte Lektionen

22. Februar 2018 von

Seit ich angefangen habe, über die Anfänge unserer Gemeinschaft in Camden zu bloggen, haben sich eine Reihe von Leuten mit Rückfragen an mich gewandt: Haben wir einen Weg zu einer Einheit als Gemeinschaft gefunden? Wie hat sich das Verhältnis zur Nachbarschaft und am Arbeitsplatz entwickelt? Wie geht die Geschichte aus? Da ich vorhabe, die Serie mit diesem Posting zu beenden, obwohl das Materials ausreichen würde, um noch lange weiterzumachen, will ich versuchen, wenigstens ein paar der offen Fragen beantworten.


Die Bruderhof-Gemeinschaft in Camden bestand nicht lange; sie löste sich nicht ganz ein Jahr nach ihrer Gründung auf. Dafür gab es eine Menge Gründe, doch der entscheidende war die Gefährlichkeit der Umgebung. Jeder von uns hatte eine Reihe von ziemlich rauen Begegnungen mit labilen Suchtkranken und wütenden Dealern. Einmal wurden einige Mitglieder der Gemeinschaft von einem Mann mit einem Baseballschläger die Straße entlang gejagt. Neben der Sorge um unsere eigene Sicherheit sahen wir keine Möglichkeit, hier eine sichere Umgebung für Kinder oder ältere Leute zu schaffen, und eine Gemeinschaft ohne Familien ist einfach nicht komplett. Die Entscheidung zu gehen fiel uns nicht leicht, zumal wir einige Leute aus der Nachbarschaft kennengelernt und ins Herz geschlossen hatten, doch als wir gingen, hatten wir uns immerhin zumindest in mancher Hinsicht verändert.

Zwischen Zeiten der Uneinigkeit und des Unfriedens, erlebte ich Gemeinschaft so intensiv, wie ich es noch nie erlebt hatte und auch seitdem nicht mehr erlebt habe.

Auf mancherlei Weise war Camden nur der Anfang. Noch bevor wir dieses Viertel verlassen hatten, war bereits eine Gemeinschaft in Kingston im Staat New York entstanden, und inzwischen gibt es mehr als ein halbes Dutzend städtischer Bruderhof-Gemeinschaften an verschiedenen Orten. Man kann sagen, dass wir unterwegs einiges gelernt haben und immer noch am Lernen sind. Für mich persönlich gibt es ein paar große Themen, die mir seither beständig zu denken geben.

Ein großer Schock für mich war, dass es alles andere als beschaulich ist, bei der Gründung einer kleinen städtischen Gemeinschaft mitzuwirken. Da die meisten von uns in Camden den größten Teil unseres Lebens in Bruderhofgemeinschaften verbracht hatten, dachten wir, wir wüssten, wie man das macht mit der Gemeinschaft. Aber wie wir dann herausfanden, hatten wir keine Ahnung. Fern von erfahreneren Gemeinschaftsmitgliedern entdeckten wir eine Menge Dinge über uns selbst, vor allem, dass jeder von uns voll war mit allen möglichen Meinungen, Ambitionen und egoistischen Zügen, die eine ständige Gefahr für den Bestand der Gemeinschaft darstellten. Phasenweise war es einfach nur fürchterlich.

flower climbing a fence

Und dennoch gab es natürlich auch schöne Zeiten. Es war schon etwas Besonderes, sich am Ende eines schweren Tages mit der Gemeinschaft zu versammeln, um auszutauschen, was jeder von uns während des Tages erlebt hatte, einander zu ermutigen, gemeinsam zu lesen und zu beten. Zwischen den Zeiten voller Zwietracht und Kämpfe bestand eine Gemeinsamkeit, wie ich sie vorher und hinterher nie erlebt habe – wir empfanden uns als Waffenkameraden.

Ein größerer Schock war es, die Leute rund um unsere Gemeinschaft in Camden kennenzulernen. Uns vom Bruderhof wird ja manchmal vorgeworfen, wir lebten ziemlich isoliert, was meiner Ansicht nach nicht vollkommen unberechtigt ist. Bevor ich nach Camden kam, hatte ich Freunde in der weiteren Umgebung, aber das waren Leute, die mir doch recht ähnlich waren, und es waren auch keine besonders tiefen Freundschaften. In Camden lernte ich eine Menge völlig anders gearteter Leute erheblich besser kennen. Darunter waren natürlich Stan und Old Stan und die anderen Jungs von der Baustelle, die mir manchmal so wie ein Mikrokosmos all der Möglichkeiten vorkamen, wie man sich dazu verleiten lassen kann, allen möglichen Blödsinn zu machen (Drogen, Kriminalität, Scheidung, Gewalt). Auch ein paar Leute aus unserer Nachbarschaft lernte ich kennen: Bones, Skinum, Carl und Reggie, die den harten Kern des Trinkerclubs auf der Veranda vor dem Schnapsladen bildeten; Elias und seine Frau Lobelia, die gleich neben uns wohnten; Florence von der anderen Straßenseite. Dann waren da noch die Leute, die auf der Straße arbeiteten: Jen mit ihrem Zuhälter Ali, Stephanie und Jennifer und die obdachlosen Junkies Ed, Bob und Wild Bill.

Warum das ein Schock war? Weil sie offenbar so anders waren als ich, als wir; weil sie so ein völlig anderes Leben hatten, eine so komplett andere Sicht der Welt. Und weil ich, als ich sie dann kennenlernte, merkte, dass sie im Grunde genauso waren wie ich. Sie sehnten sich genauso nach Liebe und Geborgenheit, träumten genauso von Erfüllung, waren genauso verzweifelt auf Gott angewiesen. Diese Erkenntnis war keine rein persönliche Erfahrung – sie kam zwischen uns Mitgliedern der Gemeinschaft zur Sprache. Warum durften wir so ein glückliches Leben führen, während das Leben anderer so voller Tragik war?

Diese Leute sehnten sich genauso nach Liebe und Geborgenheit, träumten genauso von Erfüllung, waren genauso verzweifelt auf Gott angewiesen wie ich.

Ich will mit dem Anfang enden. Ich weiß noch, wie ich am letzten Tag des alten Jahres nach Camden zog und zu der Gruppe stieß, die bereits dort war, und wie Edgar mit mir einen Rundgang durch die Nachbarschaft und das Haus machte, in das wir ziehen wollten. Es hatte zuvor als Crackhouse gedient, und der Anblick war umwerfend. Es gab natürlich weder Heizung noch Lampen, und die Fenster waren mit Brettern verrammelt, sodass die Führung durch Keller und Erdgeschoss beim Licht einer Taschenlampe stattfinden musste. Dank der Kälte rochen wir wenig von den kleinen Häufchen von Exkrementen in den Ecken und den Flaschen voller Urin, die überall verstreut lagen. Im ersten Stock hatten die ehemaligen Bewohner einfach einen alten Schreibtisch die halbe Hintertreppe hinuntergeschoben und benutzten das Treppenhaus als zentrale Toilette. Einige Wände waren mit Botschaften bedeckt, gekritzelten Worten von zugedröhnten, verängstigten, verzweifelten, enthemmten Leuten. Insgesamt war die Hausbesichtigung nicht gerade ein erbauliches Erlebnis.

Noch am selben Nachmittag jedoch räumten wir eines der Zimmer von allem Unrat frei und machten es sauber. Irgendwo trieben wir ein paar Lampen und Kerzen auf, und am Abend setzten wir uns in diesem Zimmer zusammen und redeten über den bevorstehenden Jahreswechsel und über all das, was vielleicht kommen oder nicht kommen würde; es war unsere erste Zusammenkunft mit allen Mitgliedern der Gemeinschaft. Natürlich kannten wir uns bereits einigermaßen, aber das hier war eine andere Situation, und es gab manches neu zu bewerten: Wie gut kannten wir einander? Konnte dieses Vorhaben gelingen? Gleichzeitig jedoch spürten wir die Begeisterung, die sich immer einstellt, wenn man einen ersten Schritt tut. Wir hielten es für möglich, an diesem Ort als Gemeinschaft zu leben, und glaubten, hier gehörten wir hin.

Unser Gespräch war in vieler Hinsicht eine sehr persönliche Sache. Jeder von uns hatte die Gelegenheit, offen über unser Leben zu reden und die anderen in der Gemeinschaft wissen zu lassen, was uns im tiefsten Herzen beschäftigte. An diesem Abend erzählte ich zum ersten Mal jemandem von Olivia, einer Engländerin, mit der ich Briefkontakt hatte, seit wir uns sechs Monate zuvor begegnet waren.

Schweigend saßen wir in den letzten Minuten des alten Jahres da, während die Kerzen herunterbrannten und die Schatten an den Wänden flackerten, bis schließlich Edgar den Bann brach, indem er auf einem blechernen Mülleimerdeckel zwölf Uhr schlug. Wir lachten, wünschten einander ein glückliches neues Jahr und bahnten uns unseren Weg zwischen Haufen von Kram und Müllsäcken hindurch aus dem Haus. Unter unseren Füßen knirschten Injektionsnadeln und Glasscherben, während draußen auf der Straße jemand eine Pistole abfeuerte und wir die Anwohner einander „Frohes neues Jahr!“ zurufen hörten. Es erschien uns wie ein aufmunterndes Zeichen zum Beginn des Jahres und unseres Vorhabens; hey, es kann nur besser werden.

 


Es gibt viele kleine und städtische Bruderhofgemeinschaften. Willst du mal zu Besuch kommen?


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Über den Autor

IanBarthHorizontal

Ian Barth

Ian lebt auf dem Darvell-Bruderhof in East Sussex (England) mit seiner Frau Olivia und vier Söhnen.

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