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Hoffnung bricht durch: Reflexionen über das Großstadtleben

23. Mai 2019 von

London: ein kalter, feuchter Morgen in der Stadt. In unserer Straße staut sich der Verkehr und ein Fahrer flucht in Richtung eines Busses, der hilflos zwischen geparkten Fahrzeugen eingekeilt ist. Fußgänger strömen mit angespannten Gesichtern vorbei, abgeschottet durch ihre Kopfhörer. Leere Lachgasbehälter sind über den Bürgersteig verstreut: Die armseligen Überbleibsel von dem chemischen High, das jemand in der vergangenen Nacht hier gehabt haben muss. Ich atme tief durch, ziehe meine Jacke an und trete aus der Tür, um eine Besorgung zu erledigen. Innerlich gehe ich auf Distanz zu den mich anschreienden Werbeplakaten und den Polizeisirenen. Plötzlich dringt etwas durch meinen geistigen Neben hindurch: Ein Vogel, der in einem heruntergekommenen Garten hinter einem Zaun singt.

Blühende Blumen in einer städtischen Umgebung

Als ich nach unten schaue, sehe ich grüne Triebe, die sich ihren Weg durch den Asphalt bahnen, und bemerke zum ersten Mal die zarten Blumen, die sich in einem leeren Grundstück festgesetzt haben. An der Straßenkreuzung bemerke ich, dass ein grob aussehender Mann seine Kopfhörer abnimmt und sich nach unten beugt, um einer jungen Mutter zu helfen, die mit dem Kinderwagen ihres Kleinkindes kämpft – ein dankbares Lächeln breitet sich über ihr ängstliches Gesicht aus. Als ein bärtiger Vater vorbeikommt und sichtbar den Moment genießt, als seine Tochter über eine Pfütze auf der Straße springt, durchdringt ein Sonnenstrahl die Wolken.

Warum bin ich hier? Als meine Frau und ich in diesen kleinen städtischen Außenposten geschickt wurden, waren wir von unserer neuen Aufgabe begeistert. Aber als Menschen, die immer den Frieden und die Schönheit des ländlichen Lebens liebten, hatten wir auch ein wenig Angst. Die Stadt wirkte laut, hart und unruhig. Ich war hier selbst vor vielen Jahren Student gewesen, aber sogar damals entfloh ich so schnell wie möglich und stieg immer erleichtert die frische Luft atmend aus dem Zug, der mich zurück aufs Land gebracht hatte. Jetzt, da ich in der Stadt bin, sind diese kleinen Taten der Freundlichkeit und Barmherzigkeit, die ich miterleben kann, die frische Luft, die ich atme.

Über der umgebauten Garage vor unserem Haus befindet sich ein Schild: Bücher der Hoffnung und Inspiration. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich neugierige Fremde, die in den Büchern herumstöbern, wie zum Beispiel Hab keine Angst und Wer vergibt, heilt auch sich selbst. Später läutet es an der Tür und ein junger Mann kommt herein, der einfach bei einer Tasse Tee über seinen Kampf mit Hoffnungslosigkeit und Sucht erzählen will. Aber als er geht, scheint er ermutigt, weiterzumachen.

HinweisEine Notiz, die vor einigen Tagen in der Spendenbox für Bücher hinterlassen wurde

(„Diesen Ort zu finden hat einen sehr düsteren Tag wirklich ein wenig heller gemacht. Ich wünschte, ich hätte mehr Geld, womit ich Euch unterstützen könnte, aber ich bin nicht reich an Geld. Aber mit der Hilfe von Projekten wie diesem werde ich reicher an Liebe und Frieden. Danke, dass ihr mich daran erinnert habt, dass ich nicht alleine bin. Ich hoffe, ihr habt Freude an den Auswirkungen eurer Gastfreundschaft. Danke.“)

Beim Abendessen sprechen die hier lebenden Studenten über die Herausforderungen, denen sie tagsüber begegnet sind: Lehrer, die versuchen, moralisch fragwürdige Ansichten zu forcieren. Der Druck, der von Pornografie, Mode und Technologie ausgeübt wird. Die Verengung des Blickfeldes auf Karriere, Geld und Erfolg. Wir reden über politische Probleme wie Brexit, wirtschaftliche Unsicherheit, Einsamkeit, Gewalt, Obdachlosigkeit und Abtreibung. Aber wir hören auch von Kontakten zu Menschen, die sich kümmern, die mutig christliche Werte verteidigen oder einfach nur gemeinsam Spaß auf dem Sportplatz haben können. Später an diesem Abend laden wir unsere ganze Anspannung bei einem Four-Square-Spiel ab, dann erzählen wir lustige Anekdoten und reden über unsere Träume und Visionen, während wir am Kamin sitzen.

Mitglieder des Peckham-Bruderhofhaus, einer christlichen Gemeinschaft in LondonPeckham-Bruderhofhaus

Politisch, ethisch und wirtschaftlich gibt es in unserem Umfeld so viel, was uns herunterziehen kann, und das trifft sowohl auf der individuellen Ebene als auch für die gesamte Gesellschaft zu. In einer Großstadt können diese Kräfte überwältigend scheinen. Und doch sind wir berufen, Menschen der Hoffnung zu sein. Es erinnert mich an den Vergleich zur Geburt, den der Apostel Paulus im Römerbrief verwendet: „Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz wie in Geburtswehen – bis heute.“ (Römer 8,22)

Als Arzt, der viele Geburten begleitet hat, weiß ich, dass die Wehen extrem schmerzhaft und zunächst scheinbar ergebnislos sein können. Und doch trägt die Hoffnung die Erwartende durch, mit dem Wissen, dass die Freude über die neue Geburt das ganze Leiden überstrahlen wird.

Deshalb sollten wir uns selbst und auch gegenseitig daran erinnern, unter allen Umständen Hoffnung zu haben, und uns daran erinnern, dass wir deshalb hier sind – um Mut zu machen, letztendlich für die Hoffnung auf Gottes Erlösung für die ganze Menschheit. Lasst uns niemals die Hoffnung für die Seelen derer aufgeben, die uns anvertraut sind, denen wir begegnen, und für die Milliarden von Menschen, die in dieser gefallenen Welt leben: „Wir dürfen stolz sein auf die sichere Hoffnung, zur Herrlichkeit Gottes zu gelangen. Aber nicht nur das. Wir dürfen auch auf das stolz sein, was wir gegenwärtig erleiden müssen. Denn wir wissen: Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben. Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt zu hoffen. Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött. Denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen. Das ist durch den Heiligen Geist geschehen, den Gott uns geschenkt hat.“ (Römer 5,2–5) Selbst in der Kälte, selbst im Regen, selbst in der Härte der tristen Tage des Lebens bricht die Hoffnung durch.

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