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Medizin ohne Geld: Wo das Verhältnis zwischen Arzt und Patient nicht von Geld beeinflusst ist

13. September 2018 von

Wie wäre es, wenn das Verhältnis zwischen Arzt und Patient nichts mit Geld zu tun hätte, sondern nur auf gegenseitigem Vertrauen besieren würde? In einem Interview sprechen Monika und Milton darüber. Beide waren viele Jahre lang Ärzte auf dem Bruderhof.


Wie seid ihr Ärzte geworden?

Milton Zimmerman: Als ich vier Jahre alt war, hatte ich rheumatisches Fieber. Der Arzt, der sich um mich gekümmert hat, kam immer wieder zu Hausbesuchen, und er war ein freundlicher Kerl, den ich sehr gerne mochte. Ich dachte: „Hey, wenn ich groß bin, will ich so sein wie er.“ Damit hat es angefangen. Nach Amherst besuchte ich die University of Pennsylvania Medical School, Abschlussjahrgang 1954.

Während des Medizinstudiums fand ich Jesus – oder Jesus fand mich. Das gab eine Richtung für mein Leben vor, und ich suchte nach einer Kirche, die wirklich der Bergpredigt und dem Leben und der Lehre Jesu folgte. Das hat mich dazu gebracht, Pazifist zu werden. Als ich 1957 auf der Suche nach einem Zivildienstplatz war, entschied ich mich für das Bruderhof-geführte Krankenhaus in Paraguay. Zwei Jahre später traten meine Frau und ich der Gemeinschaft bei.

Ich habe sechzig Jahre lang Medizin praktiziert. Bis auf zwei Jahre war das alles als Hausarzt in der Bruderhof-Gemeinde – meistens habe ich Mitglieder der Gemeinschaft behandelt, aber ich habe auch im örtlichen Krankenhaus gearbeitet und in einer Klinik zur Behandlung von landwirtschaftlichen Saisonarbeitern, die hier in der Nähe ist.

Monika Mommsen: Ich habe 41 Jahre lang praktiziert. Schon seit meiner Kindheit wollte ich Krankenschwester werden – ich bin in der Bruderhof-Gemeinschaft aufgewachsen. Aber in meinem letzten Schuljahr, nachdem ich meinen Wunsch geäußert hatte, Mitglied zu werden, fragte die Gemeinde, ob ich Ärztin werden würde, da sie eine Ärztin haben wollte. Das war eine Überraschung, aber ich habe Ja gesagt und ich liebe es seitdem. Nach einem Kunststudium studierte ich am Albany Medical College, Abschlussjahrgang 1975. Von Anfang an war Milton mein Mentor.

Verwendet ihr alternative Therapien?

Monika: Nein, es ist konventionelle, wissenschaftlich fundierte Medizin.

Monika Mommsen und Milton Zimmerman

Gab es damals noch andere Ärztinnen in der Bruderhof-Gemeinde?

Monika: Ja, zwei englische Ärztinnen waren vor dem Zweiten Weltkrieg in England zur Gemeinschaft gestoßen und nach Paraguay mitgekommen, wo sie halfen, ein Krankenhaus zu gründen. Aber sie haben nicht mehr viel praktiziert. Und Dr. Miriam Brailey, eine sehr bekannte Epidemiologin, die an der Johns Hopkins School of Medicine unterrichtet hatte, war auch ein Bruderhof-Mitglied und eine Freundin unserer Familie.

Außerhalb einer gemeinschaftlichen Lebensweise wird die Medizin typischerweise in einem kommerziellen Umfeld praktiziert: Geld fließt zwischen Arzt und Patient, zwischen dem Arzt und seinem Arbeitgeber und von Arzt und Patient zu den Krankenkassen und Versicherern. Welchen Unterschied macht es, Medizin zu praktizieren, ohne dass dabei Geld im Spiel ist?

Milton: Als ich anfing, Medizin zu praktizieren, hatte ich meine eigene Hausarztpraxis in einem halb-ländlichen Gebiet außerhalb von Philadelphia. Ich habe 3 Dollar 50 Cent für einen Praxistermin und 5 Dollar für einen Hausbesuch berechnet. Kannst du dir das vorstellen? Aber ich konnte meine Schulden aus dem Studium innerhalb eines Jahres abbezahlen und es hat außerdem noch viel Spaß gemacht. Man kommt aber nicht drum herum: Der Zahlungsverkehr zwischen Arzt und Patient steht immer im Hintergrund und bestimmt die Beziehung.

„Oft dient die Technologie dem Profit, nicht dem Patienten“

Hier im Bruderhof gibt es keine Zahlungen. Da wir eine gemeinsame Kasse haben, ist Geld sowohl für den Patienten als auch für mich irrelevant und hat keinen Einfluss auf die Behandlungen, die wir leisten. Das ermöglicht ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient in einem Maße, wie es sonst nur selten möglich ist.

Monika: Es befreit uns dazu, uns in erster Linie um jemanden als Mensch zu kümmern. Wir bekommen keine Bezahlung, also beeinflusst das, was ich tue oder nicht tue, nicht mein Einkommen. In einer konventionellen Praxis haben Ärzte heute zehn bis fünfzehn Minuten Zeit für die Behandlung eines Patienten, das sind zwanzig bis fünfundzwanzig Patienten an einem Tag, und es gibt einfach keine Zeit, die sie sich zum Zuhören nehmen können. Hier haben wir diese Zeit und wir werden nicht von der Wirtschaft getrieben. Auch die Beziehung zwischen Kollegen (es gibt etwa ein Dutzend Bruderhof-Ärzte), Krankenschwestern und Mitarbeitern ist eng, weil wir den gleichen Glauben haben und uns dieser Gemeinschaft verpflichtet fühlen. Es bestehen keine Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen zwischen uns.

Dennoch ist meine Praxis nicht nur für Mitglieder der Gemeinschaft. Ich habe auch Patienten aus unserer Nachbarschaft, die kein Geld haben, und ich mache es immer umsonst. Ich habe solche Freude daran – es macht es eigentlich einfacher, sich um jemanden zu kümmern, wenn es kein wirtschaftliches Belohnungssystem gibt.

Im Laufe der Jahrzehnte, die ihr praktiziert habt, haben Forscher immer leistungsfähigere Technologien entwickelt, von Fruchtbarkeitsbehandlungen über experimentelle Krebsmedikamente bis hin zur Lebenserhaltung, die Menschen jahrelang am Leben erhalten können. Was haltet ihr von der Technisierung der Medizin?

Milton: Richtig eingesetzt, können viele der neuen Technologien ein großer Segen sein. Aber so oft dient die Technologie dem Profit, nicht dem Patienten. Die Medizin war früher ein Beruf, aber sie hat sich zu einem Geschäft entwickelt – so offen, so unverhohlen. Die sogenannte Gesundheitsindustrie wird von oben nach unten durch den Mammon angetrieben. (Über die Pharmafirmen rede ich hier überhaupt nicht.) Also führen die Ärzte am Ende zu viele Tests und Behandlungen durch, die nicht wirklich den Patienten zugutekommen. Die Versicherung deckt oft große Operationen und teure Medikamente ab, aber nicht die tägliche Pflege, die beispielsweise für einen älteren Menschen weitaus wertvoller wäre als ein dramatischer Eingriff.

„Es gibt absolut keinen Konflikt, Gott um Heilung zu bitten und gleichzeitig Medizin zu benutzen.“

Ein verwandter Faktor beim Einsatz von Technologie ist der starke Drang der Ärzte, eine Krankheit zu überwinden – „den Kampf zu gewinnen“, indem sie den Patienten heilen. Natürlich kann uns dieser Antrieb motivieren, unser Bestes zu geben, um jemandem zu helfen. Sie kann aber auch die Entscheidungsfindung des Arztes negativ beeinflussen, wenn das „Gewinnen“ wichtiger wird als das Wohl des Patienten. Zum Beispiel starb meine Schwiegertochter vor drei Jahren an Krebs. Bei ihrem letzten Besuch bei einem Onkologen wurde sie mit ein paar barschen Worten „Ich habe Ihnen nichts mehr zu bieten“ abrupt entlassen. Der Onkologe erkannte, dass er nicht mehr „gewinnen“ konnte und hörte von diesem Moment an auf, sich um die Patientin zu kümmern. Sie und ihr Mann gingen weg und fühlten sich am Boden zerstört.

Aber es gibt immer noch etwas, was wir für einen Patienten tun können. Das erfuhr ich schon früh, nachdem ich in der Gemeinschaft zu praktizieren begann, als eine Mutter ein Kind mit hohem Fieber zu mir brachte. Ich überprüfte ihn – alles war in Ordnung; es war nur eine Virusinfektion, die ihren Lauf nehmen würde, und der Junge war nicht in Gefahr. Ich sagte zur Mutter: „Er braucht keine Antibiotika, hier gibt es nichts mehr zu tun.“

Sie stemmte die Hände auf ihre Hüften und sah mich mit einem durchdringenden Blick an und sagte: „Ist das alles, was sie dir in der Uni beigebracht haben? Was dieses Kind braucht, ist Aspirin, Saft und Liebe. Sag mir nicht, dass es nichts mehr zu tun gibt!“ Und sie hatte Recht – wir können nicht immer Heilung anbieten, aber wir können immer Fürsorge und Pflege anbieten.

Milton Zimmerman with a longtime friend and patient
Milton Zimmerman mit einem langjährigen Freund und Patienten

Wie hat sich eure Herangehensweise an die Medizin verändert?

Milton: Ich habe gelernt, dass Menschen zu dienen, weil man sie liebt, alle Ideale von Professionalität und humanistischer Ethik einschließt und übertrifft. Zu oft ist Professionalität ein wenig wie Diplomatie: Diplomatie ist, höflich zu lügen, und in ähnlicher Weise kümmert sich der Profi um seine Patienten, als ob er sie lieben würde. Wenn man sie wirklich liebt, erfüllt und übertrifft man professionelle Standards.

Monika: Ich stimme zu. Als ich mit dem Medizinstudium begann, schrieb mir mein Vater, dass ich es ganz als Dienst am anderen tun sollte, in der gleichen Demut, die das Beispiel Jesu zeigt, der seinen Jüngern die Füße wäscht. Ein Arzt zu sein, sollte nichts mit dem eigenen Ego zu tun haben.

Zuhören ist wirklich wichtig. Über psychische Krankheiten habe ich das meiste von meinen Patienten gelernt – zum Beispiel um zu verstehen, wie es ist, an Depressionen zu leiden. Ich hatte eine Patientin in den Vierzigern, die eine bipolare Störung hatte, und sie erzählte mir, wie es sich anfühlte – eine viel bessere Beschreibung als aus einem Lehrbuch.

Welchen Rat würdet ihr Medizinstudenten geben, die sich da­rauf vorbereiten, heute Medizin zu praktizieren?

Milton: Lernt von euren Patienten. Vor 65 Jahren wurde mir im zweiten Jahr des Medizinstudiums gesagt: „Verbringe so viel Zeit wie möglich auf der Station mit Patienten. Lass dich nicht in Büchern versinken.“ Das ist immer noch der Fall, obwohl es hier und da vergessen worden ist.

”Wir als Ärzte helfen nur bei einem Heilungsprozess, den Gott bewirkt.“

Zweitens, habt keine Angst, Medizin im Kontext des Glaubens zu praktizieren – das öffnet mehr Türen und Möglichkeiten zur Heilung als der Versuch, Medizin ohne Glauben zu praktizieren. Glaubt also, betet, studiert die Bibel und die Lehrbücher und lasst die Technologie nicht zu einer Barriere zwischen euch und dem Patienten werden. Arbeitet mit der Familie, mit dem Pfarrer und der Gemeinde – eine Gemeinde kann ein fantastisches Netz sozialer Unterstützung sein.

Monika: Demut ist wichtig. Wenn ihr aus dem Medizinstudium kommt, seid ihr jung und voller Energie - und ihr habt auch eine Menge Arroganz in euch hineingepumpt, besonders wenn ihr akademisch gut wart. Ihr müsst diesen Stolz ablegen, denn Demut bringt Mitgefühl. Ihr müsst lernen, den ganzen Menschen zu sehen, nicht nur die medizinische Diagnose. Eine Person ist so viel mehr als nur die medizinischen Aspekte: die Seele und der Geist, der ganze soziale Aspekt der Familie.

Milton: Wenn wir uns um jemanden kümmern, helfen wir als Ärzte nur bei einem Heilungsprozess, den Gott bewirkt. Das zu wissen, verändert unsere Einstellung zu unserer Arbeit – das ist es, was der Medizin ihren Wert verleiht.


Das Interview, das hier ausschnittsweise veröffentlicht ist, wurde geführt von Peter Mommsen. Die ungekürzte Fassung ist hier.

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