Leben in Gemeinschaft

Arbeit • Einfachheit • Erziehung
Fürsorge • Erfüllung • Freude

Leben in Gemeinschaft

Gastbeitrag: Reflexionen eines Unternehmers in Peru

31. Oktober 2019 von

Wandern in Peru

Mein Tag beginnt ziemlich früh: Morgens um viertel vor Vier wirft mich das kreischende Piepsen meines Weckers aus dem Bett und bringt mich auf meine Füße. Von draußen vor der Schlafzimmertür höre ich das Jaulen und Scharren meiner drei großen Hunde, die auf ihren Lauf vor Sonnenaufgang warten. Vorsichtig, um meine schlafende Frau nicht zu wecken, ziehe ich mein Laufzeug an und gehe auf Zehenspitzen ins Badezimmer, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich öffne die Schlafzimmertür und habe plötzlich mein ganzes Gesicht voll mit glücklichen Hunden, dann gehe ich die Treppe hinunter und aus dem Haus. Die kühlen Morgenstunden in Peru sind wunderbar. Die Wege und die Straßen sind frei von Verkehr, meine Hunde rennen umher, schnüffeln herum und erkunden alles, und ab und zu erscheint eine Gestalt in der Dunkelheit – ein anderer Frühaufsteher.

Zurück vom Lauf gehe ich schnell in die Trockensauna, um zu schwitzen und zu lesen. Dann eine knackige kalte Dusche und ein kräftiger Cappuccino, bevor ich mich um Viertel vor sechs in meinem Home-Office niederlasse, um die zahlreichen Unternehmen, an denen ich beteiligt bin, voran zu bringen. Es ist eine großartige Weise, den Tag zu beginnen.

Als Unternehmer in Peru bin ich ständig dabei, nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, nach einem Lösungsansatz, der noch nicht ausprobiert wurde oder nach einem noch nicht gefundenen Weg durch ein scheinbar unüberwindbares Problem. Überall, wo ich hinsehe, gibt es Chancen und Probleme. Es ist ein wunderbares Leben.

Ich bin der Generaldirektor einer Vielzahl von kleinen Unternehmen – einer Kleinbrauerei, zweier Bierstuben, eines Restaurants, einer Bergsteigeragentur, einer Firma, die Energieriegel herstellt, und einer Plattform, die Kleinkredite vergibt: Sie alle florieren unter den wachsamen Augen eines zuständigen Vorgesetzten oder Administrators. Das gibt mir den Luxus, meine Tage relativ frei von lästigen Terminkalendern und vorgegebenen Verpflichtungen zu haben, die über die generelle Verantwortung hinausgehen, dafür zu sorgen, dass jedes Unternehmen das hat, was es braucht, und dass die Verantwortlichen sorgfältig ausgewählt und gut ausgebildet sind und die vor ihnen liegenden Aufgaben verstehen. Ich kann zwischen den Unternehmen hin und her wechseln, bei der Lösung von Problemen helfen und die gelegentlich ausbrechenden Brände löschen oder an der Entwicklung eines neuen Unternehmens arbeiten.

Nur wenige Menschen haben diesen Luxus und ich bin sehr dankbar für die Flexibilität, die ich genieße. Das Streben nach dieser Unabhängigkeit, das meine Begeisterung für die Gründung eines eigenen Unternehmens geweckt hat, hat sich in der Fabrik und der Autowerkstatt des Bruderhofs unterbewusst entwickelt.

Ich bin auf dem Bruderhof aufgewachsen, einer Lebensgemeinschaft, deren Wurzeln auf die Zeit in Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg zurückreichen. Als Kinder lernten wir, hart zu arbeiten, denn sowohl mit unserer Schulklasse als auch mit unseren Familien unternahmen wir viele Projekte – sowohl drinnen als auch draußen. Diese Erfahrungen sind Gold wert – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Weise, wie auf dem Bruderhof das praktische mit dem schulischen Lernen kombiniert wurde, war meiner Meinung nach hervorragend. Es hat uns Kindern beigebracht, wie man unangenehme Arbeit einfach durchzieht und auch dann hart arbeitet, wenn man keine Lust darauf hat. Als junger Mann arbeitete ich in der Möbelfabrik des Bruderhofs, wo ich Komponenten aus Holz bearbeitete und Möbel montierte. Daraus wurde mir klar, dass Fabrikarbeit einfach nicht das ist, wozu ich bestimmt bin. Die Zeit in der Fabrik war endlos lang – so fühlt man sich wahrscheinlich, wenn man im Gefängnis sitzt. Manchmal lief die Zeit sogar rückwärts. Als Johnny Scott, der Leiter der Autowerkstatt, mich einlud, die Monotonie der Fabrik zu verlassen und mit ihm in der Werkstatt zu arbeiten und Motoren zu reparieren und Bremsbeläge an den Bussen und Lastwagen der Gemeinschaft zu ersetzen, wusste ich, dass ich den Jackpot geknackt hatte und schwor, dass ich das Beste daraus machen würde. Ich lebte ganz in meiner neuen Aufgabe.

Johnny war ein kleiner drahtiger Mann voll grenzenloser Energie und Optimismus, von dem man ebenso schnell gelobt wie getadelt wurde. Die Lernkurve war steil. Er hatte etwas, das mich dazu brachte, ihm gefallen zu wollen. Ich würde alles tun, was er wollte und noch mehr. Es war das genaue Gegenteil zu einigen meiner ehemaligen Chefs in der Fabrik, die es trotz aller Bemühungen irgendwie geschafft hatten, einen fast unfreiwilligen Wunsch in mir zu wecken, ihre gut gemeinten Regeln zu umgehen und allen Versuchen zu entkommen, meine junge, rastlose Seele zu leiten.

Während mich mein Weg inzwischen über die Grenzen des Bruderhofs hinaus geführt hat, denke ich dreißig Jahre später noch immer dankbar an die Werte, die ich in den zwei Jahren mit Johnny gelernt habe. Ich habe gelernt, wie man zielorientiert arbeitet und die Verantwortung für seine Fehler übernimmt. Ich habe gelernt, stolz auf die Arbeit eines guten Tages zu sein. Ich habe gelernt, wie man zur Arbeit kommt. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, ein Beispiel zu setzen und von Leuten zu erwarten, dass sie ihm folgen. Ich habe gelernt, dass es immer wieder Probleme geben wird, und dass es oft Spaß macht, sie zu lösen. Ich habe gelernt, dass man sich Zeit nehmen muss, um ein Problem zu verstehen, bevor man es lösen kann. Ich habe gelernt, dass man die Wahrheit sagen muss und sich nicht dauernd beklagt. Ich habe gelernt, dass man keine Angst davor haben darf, sich dreckig zu machen und unter etwas zu kriechen, um zu sehen, was wirklich los ist. All dies sind wertvollen Lektionen, an die ich mich seitdem erinnere.


Ted Alexander lebt mit seiner Frau Jenni in Huarez, Peru.

Bild mit Genehmigung des Autors verwendet.

Kommentare

Bleib in Kontakt

mit dem kostenlosen Voices Blog Newsletter!

Leseempfehlungen

Alle anzeigen

Das könnte dich auch interessieren

Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen