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Leben in Gemeinschaft

Neue Wege entstehen beim Gehen

8. Dezember 2020 von

Vor sechs Monaten zogen mein Mann und ich in die Sannerz-Gemeinschaft des Bruderhofs in Hessen. Die Sannerz-Gemeinschaft entstand 2002 in dem Haus, in dem 1920 Eberhard und Emmy Arnold und zusammen mit einigen anderen den ersten Bruderhof gegründet hatten. Wir hatten nie gedacht, dass wir selbst dort einmal wohnen würden. Noch weniger hatten wir uns gedacht, dort zu sein, wenn unsere Gemeinschaft die schmerzhafte Entscheidung treffen würde, das Grundstück zu verkaufen. Aber im Oktober dieses Jahres war es soweit: Das Haus wurde verkauft.

„Den Bruderhof in Sannerz schließen? Das muss ein Scherz sein!“, antworteten viele unserer Freunde und, um ehrlich zu sein, auch einige von uns Mitgliedern. Wie könnten wir diesen historischen Ort verlassen, der so durchdrungen ist von den kostbaren Erinnerungen an die frühen Jahre unserer Gemeinschaft – Jahre, die geprägt sind von großen Mühen und Nöten, schmerzhaften inneren Krisen, der spontanen Freude an jugendlichem Überschwang und hoffnungsvollen Neuanfängen? Auch ich musste mich mit dieser Frage auseinandersetzen.

SannerzDie Sannerz-Gemeinschaft im Juni 2020

Unsere Nachbarn in Sannerz hatten ebenfalls damit zu kämpfen. Es gab alle möglichen Reaktionen: Ärger, Verblüffung, Verständnis und gelegentlich eine Dosis deutscher Sachlichkeit. „Okay, ihr zieht weg, das war’s dann also.“

Viele versuchten zu erklären, warum es ihnen schwer fiel, dass wir gingen: „Aber wir werden eure jungen Leute nicht mehr durch das Dorf wandern sehen! Wir werden ihre offenen Gesichter vermissen, das ist so etwas Seltenes heutzutage.“

„Ich verstehe, dass ihr Gottes Ruf folgen müsst, aber von eurem Haus ging eine Helligkeit aus, die jetzt weg ist ... wir werden sie vermissen.“

„Ich bin immer nach Sannerz gekommen, um neuen Mut zu finden. Ich konnte immer sofort über echte Probleme sprechen, ohne erst drei Tage lang übers Wetter zu reden!“

Ihre Antworten zwangen mich, mich meiner eigenen Frage zu stellen und mich ehrlich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Ich musste erst einmal Ordnung in meine Gedanken und Gefühle bringen, und ich musste über mein Versprechen meiner Gemeinschaft gegenüber und auch über meine Berufung neu nachdenken, um zu einer aufrichtigen Antwort zu kommen.

Die erste Frage der meisten Leute ist „Warum?“ Bei dem Versuch, zu antworten, wurde mir klar, dass viele unserer Nachbarn nicht verstanden hatten, dass unser Bruderhof-Haus in Sannerz nur ein Standort war, ein kleiner Teil einer weltweiten Bewegung, die aus vielen größeren und kleineren Gemeinschaften besteht. Sie wussten nicht, dass die größeren Bruderhöfe, anders als die kleine Gemeinschaft in Sannerz, wie kleine Dörfer sind, in denen wir für alle sorgen, von den kleinsten Babys bis hin zu unseren ältesten Geschwistern. Dort sind Schulen für unsere Kinder und Betriebe, in denen wir zusammen arbeiten, und wo sich um jeden, besonders die Älteren und diejenigen mit Behinderungen, gekümmert wird. Diese Gemeinschaften sind das Zuhause von Menschen wie meinen Schwiegervater Hugo, der am glücklichsten war, wenn er in der Werkstatt der Gemeinschaft arbeiten konnte, was er bis wenige Tage vor seinem Tod im Alter von fast 96 Jahren auch tat.

Seit Jahren hoffen wir, dass es auch in einem der deutschsprachigen Länder Europas so eine größere Gemeinschaft geben könnte. Natürlich dachten wir immer an Deutschland, wo unsere Gemeinschaftsbewegung ihren Anfang nahm. Unerwartet wurden die Bruderhof-Gemeinschaften jedoch eingeladen, einen neuen „Hof“ in Österreich zu gründen, und, na ja ... warum eigentlich nicht?

Aber auch wenn man Jesus in Gemeinschaft nachfolgt, erfordern neue Unternehmungen viel Kraft in materieller, finanzieller und auch spiritueller Hinsicht. Diese Kraft muss irgendwo her kommen. Genau wie man Teig nicht unendlich dünn ausrollen kann, wäre es unklug, wenn wir versuchen würden, überall zu sein. Um diesem neuen Weg zu folgen, müssen wir also bereit sein, einen alten Ort zu verlassen, sogar einen, den wir sehr geliebt haben.

Einer unserer letzten Gäste vor der Schließung wies uns nachdenklich darauf hin, dass die frühen Christen als Jünger des Herrn oder als Anhänger „des Weges“ beschrieben wurden. Das gab mir zu denken. Wenn wir Anhänger des Weges des Herrn sind, wie können wir uns hartnäckig an den Ort klammern, an dem wir zufrieden sind, den wir für am wichtigsten halten? Nachfolge bedeutet, dass ich meine eigenen Ideen aufgebe, nach vorne blicke und von dem Bequemen und Bekannten aufbreche – sogar von der geliebten Heimat – dorthin, wohin Gott mich ruft. Ich möchte Christus nachfolgen – aber bin ich tatsächlich bereit, es auch zu tun?

Ein befreundeter Pfarrer lud uns für einen Nachmittag ein und richtete eine kurze Botschaft an unsere Gemeinschaft. Es war verblüffend: Er wusste nichts von unserem Wegzug aus Sannerz, aber er hätte für seine Ansprache keinen passenderen Text wählen können als 1. Mose 11,31–12,9. Er sprach darüber, wie Abram sein Heimatland verließ und in ein fremdes Land reiste, einfach weil der Herr es ihm befahl. Es war ein Schritt im Glauben. Jeder von uns muss sich fragen: Habe ich diesen Glauben?

Einer unserer Nachbarn gab uns als Abschiedsgeschenk ein Schild, das uns, wie ich finde, in die richtige Richtung weist. „Neue Wege entstehen beim Gehen“ steht darauf.

Sannerz

Nach der Schließung der Sannerz-Gemeinschaft sind mein Mann und ich nach Holzland zurückgekehrt, dem anderen kleinen Bruderhof in Deutschland. Die anderen Bewohner sind entweder an unseren neuen Standort in Österreich oder in Gemeinschaften in Großbritannien oder den USA gegangen.

Es ist nicht immer leicht, weiterzugehen. Aber ich habe darin einen Frieden erlebt, und damit die Freude und Gewissheit, dass Gott nicht nur uns, sondern unsere gesamte Gemeinschaftsbewegung in seinen Händen hält. Es ist schließlich sein Werk, nicht unseres.

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Über den Autor

Veronica B

Veronica Brinkmann

Veronica Brinkmann hat in Deutschland, England und in den Vereinigten Staaten gelebt. Gegenwärtig lebt sie mit ihrem Mann...

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