Leben in Gemeinschaft

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Leben in Gemeinschaft

Notizen aus dem Lockdown

30. März 2020 von

grandmother holding baby

Es ist nahezu unglaublich, was innerhalb von nur vier Wochen geschehen ist. Damals war das COVID-19-Virus eine ferne Gefahr, die sich auf Wuhan in China konzentrierte. Jetzt hat dieses Virus das normale Leben auf der ganzen Welt zum Stillstand gebracht, Tausende von Menschenleben gefordert, es bedroht Millionen von Menschen und bringt die Wirtschaft ins Trudeln. Hier im Bundesstaat New York arbeite ich von zu Hause aus, wo meine Familie sich selbst isoliert hat, um ältere und schutzbedürftige Menschen in unserem Mehrgenerationenhaushalt zu schützen.

Ich möchte interessierten Lesern einige Informationen zur Reaktion des Bruderhofs auf COVID-19 geben. Bereits im Januar verfolgten die Bruderhof-Ärzte die Nachrichten über das Virus aufmerksam, wobei unsere Gemeinschaft in Südkorea Ende Februar als erste direkt von den Reisebeschränkungen betroffen war, gefolgt von unserer Gemeinschaft in Österreich. In den USA und in Großbritannien, wo sich die meisten Bruderhof-Mitglieder befinden, viele in Gemeinschaften mit zwei- bis dreihundert Bewohnern, haben wir uns schon bald entschlossen, auf alle Reisen zu verzichten, die nicht unbedingt notwendig sind.

Gleichzeitig führten wir – genau wie unsere Nachbarn – angeregte Diskussionen über die Vor- und Nachteile radikalerer Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Das Markenzeichen unseres gemeinsamen Lebens, inspiriert vom Beispiel der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2 und 4), ist die tägliche Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die gemeinsamen Mahlzeiten und Gottesdienste. Sich als einzelne Familien zu isolieren, schien unserer Berufung zu widersprechen; es ist ein Schritt, den wir in den hundert Jahren unseres Gemeinschaftslebens noch nie vollzogen hatten.

Doch am 12. März kamen wir zu dem Schluss, dass wir entschiedene Maßnahmen ergreifen müssen, um die älteren Menschen und solche mit erhöhtem Risiko unter uns zu schützen und unseren Teil dazu beizutragen, die Pandemie zu stoppen. Wir schlossen unsere Schulen, baten alle Bruderhof-Mitglieder, zu Hause zu bleiben, und hörten auf, uns als Gemeinschaften zu treffen, während wir gleichzeitig versuchten, neue Wege zu finden, uns gegenseitig zu versorgen und uns umeinander zu kümmern. Hier in New York gingen wir noch einen Schritt weiter, indem wir uns an Regierung der jeweiligen Landkreise und des Bundesstaates wandten und ihnen Hilfe beim Aufbau zusätzlicher medizinischer Kapazitäten anboten, um die Auswirkungen der Pandemie in Regionen, in denen wir Bruderhof-Standorte haben, zu mindern.

Obwohl diese Präventivmaßnahmen unserer Gemeinschaften zumeist den staatlichen Maßnahmen vorausgingen und auch über diese hinaus gingen, hat die Krise die entscheidende Rolle hervorgehoben, die die legitime Staatsgewalt beim Schutz der Gesellschaft, insbesondere der Schwächeren, spielen sollte. Auch Christen, die unserer politischen Führung aus verständlichen Gründen skeptisch gegenüberstehen, sollten sich an die gottgegebene Aufgabe des Staates erinnern, wie sie im Römerbrief beschrieben ist. Wenn es um die öffentliche Gesundheit geht, „ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen“ (Röm 13,5).

Der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, rief die Bürger kürzlich dazu auf, „sozial distanziert und spirituell miteinander verbunden“ zu sein. Während wir körperlich zu Hause bleiben, bleiben wir weiterhin mit den Menschen in der Umgebung unserer Bruderhöfe in Verbindung. Anstatt Nachbarn, die sich in Schwierigkeiten befinden, zu Hause zu besuchen, haben wir Abholstellen für Essen eingerichtet und helfen auch anderweitig, wo immer wir können, in Absprache mit den örtlichen Behörden. Während unsere produzierenden Betriebe von der zwangsweisen Schließung unserer Werkstätten und den Auswirkungen der Pandemie auf den Markt hart getroffen wurden, haben wir einige unserer Produktionsanlagen auf die Herstellung von Teilen für COVID-bezogene medizinische Produkte umgestellt. Weiter von zu Hause weg unterstützen wir weiterhin die Arbeit humanitärer Organisationen wie Save the Children. Das Leben im Lockdown ist alles andere als langweilig.

Vater spielt mit Kindern Fotos von Danny Burrows: Sehen Sie hier mehr von seinen Fotos aus dem Leben auf dem Bruderhof.

Was meine eigene Familie betrifft, so genieße ich es trotz der sehr ernüchternden Nachrichten aus aller Welt, meine drei schulpflichtigen Kinder an diesen Frühlingstagen zu Hause zu haben. Morgens improvisieren wir ein bisschen Schule, dann pflegen wir das Gelände ums Haus herum, gehen auf Streifzüge durch den Wald, um Vögel zu beobachten, trainieren den Hund und rufen Freunde in aller Welt an, die nicht aus dem Haus können. (Ist dies nicht die Zeit, die Freude am Telefonieren wiederzuentdecken?) Da wir mehr Zeit für die Familie haben, überlegen wir, wie wir unseren Gemüse- und Obstgarten erweitern und vielleicht ein paar Schweine aufziehen können…

Jesus versichert uns, dass er überall dort gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.Natürlich ist diese Zeit für viele Menschen weitaus düsterer: für diejenigen, die in ihrer Isolation alleine sind, für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, für diejenigen, die um ihre Liebsten trauern oder allein mit dem Tod konfrontiert sind. Und schon bald könnte die Krise noch schlimmer werden. Erst im Nachhinein wird sich zeigen, ob es sich hierbei nur um ein kurzes, wenn auch schmerzhaftes Zwischenspiel handelt, oder ob sie einen tiefgreifenden zivilisatorischen Wandel auslöst. So oder so können diese Tage (Wochen? Monate?) fruchtbar sein, um sich auf die großen Fragen zu konzentrieren: Wie können wir gut zusammenleben, und was gibt dem Leben Sinn? Wir freuen uns darauf, uns zusammen mit Freunden nah und fern an dieser Suche nach den Dingen zu beteiligen, die im Leben am wichtigsten sind.

Anfang dieses Monats argumentierten einige christliche Würdenträger, dass die Kirchen während der Pandemie offen bleiben sollten, als Zeichen der Widerstandsfähigkeit der Kirche und des Widerstands gegen Übergriffe der Regierung. Dies erscheint mir sowohl gefährlich als auch unnötig. Die Kirche ist nach dem Verständnis der Täufer nicht von einem Gotteshaus oder geplanten öffentlichen Versammlungen abhängig, so wertvoll diese auch sein mögen. Stattdessen versichert Jesus uns, dass er überall dort gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (Mt 18,20). Während des Lockdowns gewinnt diese Verheißung direkte praktische Bedeutung, wenn wir uns in kleinen Gruppen oder per Skype oder FaceTime treffen. Christen auf der ganzen Welt können Jesus jetzt beim Wort nehmen und beten, wie es die Jünger in Jerusalem in den Tagen nach dem ersten Ostersonntag taten: verängstigt, versprengt, hinter verschlossenen Türen – und doch wissend, dass er jeden Moment plötzlich auftauchen könnte, sichtbar oder unsichtbar.


Geänderte Fassung von Peter Mommsens Postskript des Herausgebers zum Magazin Plough Quarterly 24. Lesen Sie die vollständige, englischsprachige Fassung hier.

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