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Wie passen Eigentum und Gemeinschaft zusammen?

4. Juli 2019 von

Wie passen Eigentum und Gemeinschaft zusammen? Es ist interessant; keiner von uns, der Mitglied des Bruderhofs ist, „besitzt“ etwas, und dennoch ist ein Gefühl von Verantwortlichkeit unerlässlich für das Wohl der Gemeinschaft: Ein gewisser Stolz auf den Zustand des Hauses, in dem man lebt, den Platz, wo man draußen isst, oder den Zustand der Nähmaschine, die man benutzt. Das Stereotyp, dass all das, was jedem gehört, eigentlich niemandem gehört und entsprechend behandelt wird, trifft besonders auf Werkzeuge und Geräte zu. Jemand muss bereit sein , den Müll aufzuheben, den Mäher abzuspritzen oder alle Zaunwerkzeuge wegzuräumen, auch wenn er das Chaos nicht selbst verursacht hat. Jemand muss dem Kerl, der die Heckenschere im Regen draußen gelassen hat, ordentlich die Meinung sagen, sonst kann man sicher sein, dass er es das nächste Mal wieder tun wird.

Olivia und ich haben versucht, unseren Kindern beizubringen, was es bedeutet, sich für etwas verantwortlich zu fühlen. Auf eine gewisse Weise verstehen sie die ganze Idee von Privateigentum natürlich sehr gut, und damit einhergehend den Reiz, sich etwas zu nehmen, was jemand anderem gehört und wie toll man so andere provozieren kann. Aber Besitz im Sinne eines Verantwortungsgefühls, so wie ich es oben beschrieben habe, ist nicht so leicht zu vermitteln. Zumindest für unsere Kinder geht darum, ihnen beizubringen, auf etwas Stolz zu sein, damit sie sich richtig darum kümmern.

Ein junger Mann, der auf dem Bruderhof, einer christlichen Lebensgemeinschaft, den Boden fegt

Auch wenn er noch nicht alt genug ist, um selbst eine Kettensäge zu verwenden, habe ich meinen Sohn, der jetzt ein Teenager ist, beigebracht, wie man eine Kette schärft; es liegt einfach in der Natur der Sache, dass die Sägen meistens schmutzig und stumpf weggeräumt werden. Außerdem ist es eine Fähigkeit, auf die man stolz sein kann. Eine gut geschärfte Säge zieht ihren eigenen Weg durch das Holz und schießt einen Strahl sauberer, quadratischer Späne zurück. Eine stumpfe Säge sitzt nur im Holz, wird heiß und jault; der Benutzer jault dann meistens auch. (Natürlich darf mein Sohn die Kettensäge nicht selbst benutzen. Ich bin es, der sie benutzt, und ich jaule nicht.)

Keiner von uns, der Mitglied des Bruderhofs ist, „besitzt“ etwas, und dennoch ist ein Gefühl von Verantwortlichkeit unerlässlich für das Wohl der Gemeinschaft: Ein gewisser Stolz auf den Zustand des Hauses, in dem man lebt, den Platz, wo man draußen isst, oder den Zustand der Nähmaschine, die man benutzt. 

Das Schärfen einer Säge kann ein meditatives Erlebnis sein: die Stille der Werkstatt, das Quietschen des Schraubstocks beim Einspannen der Schiene, das Geräusch der Rundfeile, die sich tiefer und tiefer in die Zähne frisst. Ein Sägezahn besteht aus einer weichen Stahllegierung mit einer harten Chromschicht. Wenn die Feile neu ist, gräbt sie sich tief ins Material ein und von der Schneide des Sägezahns rieselt ein kleiner Regen von Metallspänen, die im Licht glitzern. Diese Tätigkeit erfordert etwas Konzentration, aber nicht viel Überlegung; jeder Handgriff wird hunderte Male wiederholt, immer wieder. Ich muss an das großartige Gedicht von Carl Sandberg denken, das man einfach nicht übersetzen kann: “Psalm of Those Who Go Forth Before Daylight.”

Früher versuchte ich immer, jeden Zahn genau gleich zu feilen, indem ich die gleiche Anzahl von Hüben für jedem Zahn benutzte, um sicherzustellen, dass die Säge gleichmäßig schneiden würde. Viele Kettenhersteller empfehlen diese Methode noch immer. In den letzten Jahren habe ich allerdings eine andere Methode gelernt: Jeder Zahn wird gefeilt, bis er scharf ist, und dann auf die richtige Tiefe eingestellt. Das bedeutet, dass selbst wenn ein paar Zähne beschädigt werden und stark abgefeilt müssen, können die unbeschädigten Zähne lang bleiben und die Säge schneidet weiterhin hervorragend. Mir gefällt die Analogie: Individualismus mit einem gemeinsamen Ziel als Antwort auf den Sozialismus.

Ich habe wirklich keine Ahnung, welcher Arbeit mein Sohn eines Tages nachgehen wird; wer weiß, ob er wie ich eine heimliche Freude daran haben wird, große Bäume umzukippen und Leuten auf die Nerven zu gehen. Ich nehme mal an, dass er sich einige Mühe wird geben müssen, um seine eigene Richtung im Leben zu finden. Ich hoffe jedoch, dass er, wo immer er in ein paar Jahren landet, mit Stolz auf sein Zimmer, seinen Schreibtisch oder seinen Arbeitsplatz zeigen kann und sagen kann: „Das ist meines.“

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Über den Autor

IanBarthHorizontal

Ian Barth

Ian lebt auf dem Darvell-Bruderhof in East Sussex (England) mit seiner Frau Olivia und vier Söhnen.

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