Leben in Gemeinschaft

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Leben in Gemeinschaft

Wir leben nicht in Gemeinschaft, weil es die Umwelt schützt. Das ist nur ein Nebeneffekt.

5. April 2018 von

Ich habe immer noch kleine Schnitte und Wunden an meinen Fingern vom Projekt des letzten Samstags – den Hühnerkäfig fuchssicher zu machen. Letzte Woche gab es eine Tragödie. Unsere Familie hält ein paar Hühner in einem mobilen Freiluftkäfig. Das Prinzip dahinter ist, die Hühner zu „weiden“, indem der Stall jeden Tag an einen neuen Standort versetzt wird. Wir hatten sechs. Der Käfig war mit einem Maschendraht überzogen, den ich für ausreichend hielt; feinmaschig genug, damit die Hühner nicht heraus- und ein Fuchs nicht hineinkonnte. Was ich dabei allerdings nicht bedachte, war die alte Wahrheit, dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist. Die Hühner gewöhnten sich an, ihre Köpfe durch die Drahtmaschen zu stecken, um an das Gras zu kommen. Eines Abends lauerte ein Fuchs darauf und biss einem der Hühner glatt den Kopf ab. Am nächsten Morgen fand ich den enthaupteten Leichnam, umringt von den fünf übrigen Hühnern, die betroffen und ein bisschen konfus in der Gegend herumstanden. „Verlasst nie das Gehege“, ermahnte ich sie. „Da draußen ist ein Dschungel.“

Offiziell sind die Hühner ein Projekt für unseren fünfjährigen Sohn; jedenfalls betrachtet er sie als die Seinen und sammelt jeden Tag die Eier ein. Ich kümmere mich lediglich um die unwichtigen Dinge, wie etwa sie mit Futter und Wasser zu versorgen, den Käfig zu versetzen, ihren Stall auszumisten und sie rundherum zu bemuttern. Wenn er älter wird, soll mein Sohn natürlich mehr Verantwortung übernehmen. Viele der Familien hier in Darvell haben ähnliche Projekte. In unserem gemeinschaftlichen Viehbereich haben wir Pferde, einen Esel, Ziegen, Schweine, eine Milchkuh und Hühner. An den Wochenenden herrscht dort viel Betrieb, wenn die Familien das wöchentliche Ausmisten und notwendige Reparaturen vornehmen. Da der öffentliche Fußweg direkt durch den Wirtschaftshof führt, bekommen unsere Tiere auch eine Menge Besuch von unseren Nachbarn.

Boy with Chickens

Das bringt die Leute zwangsläufig auf skurrile Ideen. Manche meinen, der Hauptzweck unserer Gemeinschaft sei es, selbstgenügsam zu sein und von der eigenen Scholle zu leben, oder sie sei ein ins Extreme getriebener Versuch, umweltfreundlich zu sein (was für ein grauenhafter Gedanke). Andere sehen uns zu Fuß durch die Gegend gehen oder mit Pferdewagen herumfahren und denken, wir seien gegen alles Moderne, und das sei unsere Art der Fortbewegung. In gewisser Hinsicht stört mich das nicht besonders. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Doch in anderer Hinsicht ist es zum Aus-der-Haut-fahren, denn es läuft völlig an dem vorbei, worum es uns eigentlich geht.

Ich will versuchen, das zu erklären. Es gibt eine Menge Aspekte unseres Gemeinschaftslebens, die ganz „korrekt“ sind und die auch die Öffentlich-Rechtlichen ganz großartig fänden: Dass wir einen Großteil unserer Nahrung biologisch selbst anbauen, ist bodenständig und gesund; dass wir mit Holz heizen, erinnert an die alten Zeiten, als das Leben noch einfach war; Recycling und Car-Sharing sind gut für die Umwelt (ja, das alles tun wir wirklich). Der Haken liegt für mich darin, dass eigentlich nichts von alledem besonders wichtig ist. Es ist schön, wenn man so leben kann; es macht sogar eine Menge Spaß, aber das alles ist ein Nebeneffekt: Das Wesentliche ist die radikale Jesusnachfolge. Wenn wir die Bergpredigt lesen, fällt auf, dass so ziemlich alles, was Jesus uns dort aufträgt, damit zu tun hat, wie wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten. Und alle Menschen haben ihre Ecken und Kanten. Anderen vergeben, die zweite Meile mitgehen, Frieden schließen, Leute lieben, obwohl sie einen hassen; das alles ist verflixt schwierig. Schon die Leute zu lieben, die einen auch lieben, ist kein Spaziergang. Manchmal bringen mich Mitglieder meiner eigenen Familie so weit, dass ich am liebsten irgendwo in die Einsamkeit verschwinden und laut schreien möchte. Da ist es doch viel einfacher, fair gehandelten Kaffee zu kaufen und über Donald Trump zu schimpfen.

Im Bruderhof gehen wir von dem Gedanken aus, dass Jesus ernst meinte, was er sagte. Dass die Bergpredigt eine Anleitung zum Leben ist. Schaffen wir das? Nicht immer. Aber wir wissen, dass es möglich ist, und wir versuchen es. Und ist die Erfahrung, sich anzustrengen, zu scheitern, Buße zu tun und wieder neu anzufangen nicht ein wichtiger Bestandteil der Nachfolge? Mir geben die folgenden Sätze von Eberhard Arnold, einem der Gründer unserer Gemeinschaftsbewegung, sehr zu denken:

Euer Leben wird eine Art Vollkommenheit erlangen, wenn ihr auch keine Heiligen sein werdet. Die Vollkommenheit wird in Folgendem bestehen: Ihr werdet sehr schwach sein und viele Fehler machen; ihr werdet ungeschickt sein, denn ihr werdet geistlich arm sein und nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Ihr werdet nicht vollkommen sein, aber ihr werdet lieben. Das ist die Pforte und der Weg. Was immer ihr euch für euch selbst wünschst, das wünscht auch anderen. Wenn ihr von Leuten etwas erwartest, dann gebt dasselbe auch ihnen.

Das ist aufregend. Sich ganz der Achterbahnfahrt der Nachfolge zu überlassen, das ist es, was das Leben in einer christlichen Gemeinschaft lebenswert macht.

Zurück zum Hühnergehege: Ich besorgte mir eine Rolle feineren Maschendraht, um den Käfig damit zu überziehen. Der Draht war dünn und sehr leicht zu schneiden, aber die Rolle war eng gewickelt und wollte sich immer wieder zusammenrollen. Außerdem bohrten sich die spitzen Enden an mehreren Stellen durch die Haut meiner Finger, als ich den Draht zurechtbog. Es war klirrend kalt. Nach zwei Stunden war ich immer noch nicht fertig mit dieser Arbeit, von der ich gedacht hatte, ich würde nur eine halbe Stunde dazu brauchen. Meine beiden größeren Jungs (zwölf und neun) waren mit mir hinunter zur Scheune gekommen, aber sie tobten nur herum, ritten zuerst auf den Ponys und kamen dann herüber, um mir zuzuschauen, wie ich mich mit der Drahtrolle abquälte und leise vor mich hin fluchte.

„Au weia, Papa“, sagte mein älterer Sohn, „guck mal, deine Hand blutet!“

Ich stand langsam auf und schaute ihn lange an. „Sohn“, sagte ich, „das habe ich gemerkt. Jetzt komm her und hilf mir ein bisschen.“

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Über den Autor

IanBarthHorizontal

Ian Barth

Ian lebt auf dem Darvell-Bruderhof in East Sussex (England) mit seiner Frau Olivia und vier Söhnen.

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