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Bildung und Erziehung gegen Hass und für Respekt

8. November 2018 von

people holding a vigil outside Tree of Life synagogue in Pittsburgh after mass shooting
Bruderhof-Mitglieder bei einer Mahnwache vor der „Tree of Life“-Synagoge

Der kaltblütige Mord an elf Juden, die am 27. Oktober im Stadtteil Squirrel Hill von Pittsburgh während Sabbat-Gottesdiensten erschossen wurden, verlangt nach schärfster Verurteilung. Es folgt so dicht auf ähnliche Blutbäder in anderen Gotteshäusern (dabei kommen einem die Amokläufe von Sutherland Springs, Texas, im Jahr 2017 und Charleston, South Carolina, im Jahr 2015 sofort in Erinnerung), dass es nach mehr als nur einer Verurteilung verlangt, nämlich nach einem Nachdenken darüber, was uns als Gesellschaft in einen so schrecklichen Zustand gebracht hat. Immerhin stehen Menschen nicht einfach morgens auf und beschließen, aus dem Haus zu gehen und andere Menschen niederzumähen.

Im Fall dieses speziellen Schützen, Robert Bowers, war das Attentat alles andere als unüberlegt: Er hatte seine Entwicklung zum Hass-Agitator durch seine Online-Tiraden selbst dokumentiert. Und wie es so oft der Fall ist, wenn geistesverwandte Sonderlinge ihr verbales Gift im Internet versprühen, fand er dort ein wohlwollendes Publikum und einen sicheren Ort, um einige sehr verdrehte Ansichten auszubrüten.

Doch wenn man Menschen im Lauf der Zeit beibringen kann zu hassen, kann man ihnen sicher auch beibringen zu lieben. Mit den Worten von Nelson Mandela: „Niemand hasst von Geburt an einen anderen aufgrund seiner Hautfarbe ... Wenn wir lernen können, Rassisten zu sein, können wir es auch wieder verlernen.“

Das bringt mich zurück zu Pittsburgh (oder zumindest zu der ländlichen Gemeinde südöstlich von Pittsburgh, in der ich aufgewachsen bin), und zu dem recht naheliegenden Gedanken, dass – selbst wenn wir nicht jeden Robert Bowers erwischen können, bevor es zu spät ist – die Fragen, die von ihm und seinesgleichen aufgeworfen werden, alles damit zu tun haben, wie wir unsere Kinder und einander zu Aufgeschlossenheit, Fairness, Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Respekt erziehen (oder eben auch nicht).

Ein treffendes Beispiel ist einer meiner alten Lehrer, Mr. Wardle, der mit seinen Klassen Ausflüge nach Pittsburgh machte, um ihnen eben diese Werte beizubringen. Ein Ziel dabei war das berühmte Wahrzeichen der dortigen Universität, die Cathedral of Learning („Kathedrale der Gelehrsamkeit“). Dort gab es eine Führung durch Unterrichtsräume, die so eingerichtet waren, dass sie den kulturellen Hintergrund der Einwandererfamilien zweiter und dritter Generation beleuchteten, die die Stadt bewohnten. Andere Wandertage führten zu den Kohlebergwerken und sogar ein Stahlwerk, um etwas über die Armut der hart arbeitenden Slowaken und Iren zu lernen, auf deren schmerzendem Rücken der industrielle Wohlstand der Region aufgebaut worden war.

„Niemand hasst von Geburt an einen anderen aufgrund seiner Hautfarbe ... Wenn wir lernen können, Rassisten zu sein, können wir es auch wieder verlernen.“
–Nelson Mandela

In der näheren Umgebung besuchten wir Dr. Parker, einen College-Dozenten in unserer Nachbarschaft, der mehrere Kinder adoptiert hatte, unter ihnen ein koreanisches und ein afroamerikanisches Kind. Im Englischunterricht betonte Mr. Wardle, wie wichtig es ist, nicht nur in der eigenen Muttersprache zu kommunizieren, sondern auch in anderen, und brachte uns ein klein wenig Latein und Esperanto bei, die „universelle“ Sprache, die nach dem 2. Weltkrieg in Europa populär war und die er als junger Mann erlernt hatte.

Später, an der Uniontown High School (ebenfalls in der Nähe von Pittsburgh) setzte sich die gleiche unaufdringliche moralische Bildung fort, und zwar durch die dezente, aber eindeutige Haltung der dortigen Lehrerschaft. In unserem Schulbezirk gab es jede Menge Rassismus und Antisemitismus, ebenso wie einen aktiven Regionalverband des Ku-Klux-Klans, und so begegneten unsere Lehrer der Existenz von ethnischen Rivalitäten (und gelegentlich echtem Hass) auf dem Campus, der ziemlich multikulturell war, meist ganz sachlich. Die Schülerschaft bestand aus armenischen Juden, Zeugen Jehovas, italienischen Katholiken, schwarzen Baptisten, Syrern, Iranern, Deutschen, Polen und Tschechen, und es war nicht ungewöhnlich, dass zwischen den Stunden auf Fluren und in Treppenhäusern Beleidigungen wie „Spic“ oder „Dago“ (Schimpfwort für hispanisch- bzw. italienischstämmige Personen) hin und her flogen. Doch wehe dem Schüler, der so leichtsinnig war, ein solch abfälliges Wort im Klassenzimmer zu äußern, in Hörweite von Mr. Bierbower, Mrs. Gelotti, Mr. Slampak oder Mrs. Grote. Ein vernichtender Blick und die Feststellung, noch nie so einen „ignoranten“ Menschen wie den Übeltäter getroffen zu haben, machte unmissverständlich klar, wo sie standen und was sie von ihren Schützlingen erwarteten.

Eine solche (vergleichsweise) geordnete und freundliche Ära scheint heute unerreichbar fern zu sein – heute, in unserer explosiv polarisierten Zeit, in der jede erdenkliche Gruppe und Untergruppe offenbar jemanden gefunden hat, den sie hassen kann – und das, obwohl in jedem Bereich des öffentlichen Lebens (ironischerweise hauptsächlich im Bildungsbereich) endlos die Rede davon ist, wie wichtig Inklusion, Toleranz und Vielfalt sind.

the word peace written on a building

Was kann man also angesichts einer Tragödie wie der von Pittsburgh tun? Entsetzen, Entrüstung, Trauer, öffentliche Mitleids- und Solidaritätsbezeugungen und Gebete: all das hat seinen Platz. Doch kann es ein weiteres Sabbat-Massaker verhindern?

Die vorhersehbare Reaktion von Präsident Trump – „Wir brauchen mehr Waffen“ – ist ein Thema, das ich hier nicht weiter vertiefen will. Es möge die Feststellung genügen, dass Bowers ein Arsenal von 21 Schusswaffen auf seinen Namen registriert hatte; und unabhängig von den besonderen Umständen bedeutet der Versuch, Waffengewalt mehr Waffengewalt entgegenzusetzen, immer, sich auf ein Wettrüsten einzulassen. Und hinsichtlich des Arguments, dass bessere Sicherheitsvorkehrungen die Antwort sind, möchte ich einfach die Antwort eines Mitglieds der Pittsburgher Synagoge wiedergeben, die in mehreren Zeitungen zitiert wurde. Die Frau sagte, sie sei nicht bereit, sich mit einem Leben in einem Land abzufinden, wo der Besuch eines Gotteshauses bedeutet, mehr oder weniger eine verbarrikadierte Festung zu betreten.

Dann ist da noch die gesamte Frage nach dem Internet und den Personen, die es bevölkern, zumindest jenen unglücklichen Seelen, für die das Surfen in den dunkleren Ecken des Internets ein Lebensstil ist. Solange der Krebs der Isolation weiter an ihnen als Individuen – und allgemein an dem bereits fadenscheinigen sozialen Gewebe unserer Kultur – frisst, solange Facebook-Freunde mehr als echte Freunde zählen und die „Community“ keine reale Gemeinschaft, sondern eine Online-Chatgruppe bedeutet, werden die gestörten Einzelgänger, die Verschwörungstheoretiker und leicht zu beeindruckenden Exzentriker weiterhin langsam aber sicher das Netz mit ihrer Wut füllen und sich dabei zu Soziopathen und Massenmördern entwickeln.

Entsetzen, Entrüstung, Trauer, öffentliche Mitleids- und Solidaritäts­bezeugungen und Gebete: all das hat seinen Platz. Doch kann es ein weiteres Sabbat-Massaker verhindern?

Dies sind natürlich nicht nur amerikanische Probleme. Ich habe in Deutschland, wo ich seit einigen Jahren lebe, mehr Antisemitismus erlebt als je in den USA. Das krasseste Beispiel war für mich, als ich mit einer Gruppe von Gästen aus Übersee nach einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald nach Hause fuhr. Wir hatten dort das Museum und verschiedene Gedenkstätten besucht; doch auf dem Heimweg kamen wir an einer Gruppe junger Männer vorbei, die in voller Neonazi-Montur steckten: Springerstiefel, kahlrasierte Köpfe und schwarze Lederjacken mit der bezeichnenden Zahl 88 (für den 8. Buchstaben im Alphabet und als Kürzel für „Heil Hitler“).

Und Gotteshäuser haben schon heute oft sehr scharfe Sicherheitsvorkehrungen. In Berlin unternahmen ein Freund und ich den vergeblichen Versuch, die mehrgeschossige Synagoge in der Oranienburger Straße zu besichtigen. Wir konnten nicht hineingehen, weil wir unseren Besuch nicht angekündigt hatten, und spontane Besuche sind nicht erlaubt. Ebenfalls in Berlin besuchten meine Frau und ich einen von Mauern umgebenen jüdischen Friedhof zusammen mit jüdischen Freunden, und jeder von uns musste einen Sicherheitsbereich passieren. Dort musste jeder männliche Besucher als Zeichen des Respekts vor dem Judentum eine Kippa aufsetzen, um den Friedhof selbst betreten zu dürfen. In München ist „Ohel Jakob“, die Hauptsynagoge der Stadt (eröffnet im November 2006 am Jahrestag der Kristallnacht) mit dem nahegelegenen Gemeindezentrum durch einen unterirdischen Tunnel verbunden und hat unter anderem kugelsichere Fenster.

All diese Sicherheitsmaßnahmen sind hier in Deutschland verständlich genug, doch in den USA? Natürlich lassen sich die USA nicht fair mit Deutschland vergleichen. Und doch ... ganz gleich, wie klein der Anteil der amerikanischen Bevölkerung, der wirklich antisemitisch oder rassistisch ist, sein mag, ist es doch immer ein Fehler, die Macht einer Minderheit, die Mehrheit zu beeinflussen und zu infizieren, zu unterschätzen. Wie Martin Luther King Jr. einmal sagte: „Wir werden in dieser Generation ... nicht nur für die hasserfüllten Worte und Gewalttaten der schlechten Menschen Buße tun müssen, sondern auch für das schreckliche Schweigen und die Gleichgültigkeit der guten Menschen ...“ Mit anderen Worten, wir müssen weiterhin die Stimme erheben.

Das bringt mich zurück zu der „offensichtlichen“ Rolle, die Bildung und Erziehung hierbei spielen. Ich setze das Wort „offensichtlich“ in Anführungszeichen, weil sie nicht immer so offensichtlich ist. Tatsächlich lässt sich über die Notwendigkeit, die Stimme zu erheben und einander zu erziehen, meist viel leichter reden, als beides in der Praxis umzusetzen. Selbstverständlich ist es ganz natürlich, einen Mann wie Robert Bowers zu verurteilen. Doch was ist mit diesem Bekannten oder Kollegen oder Familienmitglied, der oder die bestenfalls blind oder unsensibel ist – und schlimmstenfalls gemein, sogar unverhohlen niederträchtig?

Vigil outside Tree of Life synagogue in Pittsburgh

Wie oft haben Sie es jemandem nachgesehen, dass er oder sie etwas Anstößiges getan hat, einfach weil Sie die betreffende Person kannten und nicht die Situation durcheinanderbringen wollten, indem Sie selbstgerecht oder verurteilend erscheinen, und weil Sie sich nicht mit der anschließenden negativen Reaktion auseinandersetzen wollten? Wenn Sie schon einmal in einer Situation waren (wie ich), in der jemand etwas sagte wie „Der schachert wie ein Jude“, einen Schwarzen „Bimbo“ nannte oder von „Flüchtlingsverstehern“ spricht, und dann noch von einem anderen Gesprächsteilnehmer verteidigt wurde, werden Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Es ist immer bequemer, so etwas durchgehen zu lassen, Entschuldigungen zu suchen oder jovial zuzustimmen, dass das Gesagte eigentlich nicht so herüberkommen sollte und im Grunde nur harmloses Geplänkel war. Selbst wenn das nicht stimmt.

Der Theologe Eberhard Arnold schrieb im Deutschland der 1920er-Jahre, zwölf Jahre vor dem Aufstieg Adolf Hitlers, dass Gedanken nie nur neutrale Gespinste sind, sondern Kräfte, die stets danach drängen, durch Taten verwirklicht zu werden, und dass sie, sobald sie sich zu Worten und Taten entwickelt haben, die sehr reale Kraft besitzen, zu schaden oder zu heilen, zu zerstören oder aufzubauen, zu zerreißen oder zu vereinigen.

Deshalb beschloss ich, Maik (Name geändert), der in meinem deutschen Dorf vor einigen Jahren die alljährlichen traditionellen Festlichkeiten zum Maifeiertag mit Kommentaren über die anwesenden dunkelhäutigen Menschen gestört und einem solchen Zuschauer den Hitlergruß gezeigt hatte, zur Rede zu stellen. (Natürlich unter vier Augen; in einer Gruppe hätte es nie funktioniert.) Ein gemeinsamer Freund sagte zu mir, Maik hätte ein paar Gläser zu viel getrunken und es eigentlich nicht so gemeint; eine andere Person warnte mich, Maik sei ein idiotischer Nazi und es wäre am besten, solche Leute einfach zu ignorieren. Dazu muss gesagt werden, dass Maik an jenem Tag nicht zum ersten Mal seine politischen Tendenzen hatte durchblicken lassen (von denen einige ziemlich beunruhigend sind), und ich mich fragte, wie weit er wohl beim nächsten Mal gehen würde.

Gedanken sind nie nur neutrale Gespinste, sondern Kräfte, die stets danach drängen, durch Taten verwirklicht zu werden.

Also sagte ich ihm einige Wochen später abends bei einem Bier, was ich dachte. Ich hörte ihm natürlich auch zu. Zuerst war er wütend; ungefähr zehn Minuten später hatte er sich beruhigt und verstand mein Anliegen. Er gab mir die Hand, entschuldigte sich und versprach, so etwas nie wieder zu tun oder zu sagen. (Er hat sein Wort gehalten.)

Differenzen mit einem Bekannten auszudiskutieren ist keine Heldentat: Es ist ein wichtiger Teil jeder menschlichen Beziehung, besonders, wenn es echte Probleme zu bewältigen gilt. Natürlich ist es ein Aufwand, sich die Zeit zu nehmen, sich tatsächlich gemeinsam hinzusetzen und es anzugehen. Doch es steht zu viel auf dem Spiel, um es nicht zu tun – sich mit dem Bösen abzufinden und mit blödsinnigen Sprüchen wie „So ist die Welt nun einmal“ zu trösten. Wenn die Welt tatsächlich so ist, liegt es in unserer Verantwortung, sie zum Besseren zu verändern, und das erfordert Taten. Vielleicht würden wir öfter in Aktion treten, wenn wir uns daran erinnern würden, dass die Zeit, die wir mit einem anderen Menschen verbringen, sich manchmal im Nachhinein als Frage von Leben und Tod herausstellt.

In diesem Sinn noch eine letzte Geschichte, die im Nachhall des Massakers von Pittsburgh bekannt wurde. Verschiedenen Nachrichtenquellen zufolge waren mindestens drei der Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die den verletzten Schützen in dem Krankenhaus versorgten, in das er gebracht wurde, nachdem er sich der Polizei ergeben hatte, Juden – ebenso wie der Leiter des Krankenhauses, Dr. Jeffrey K. Cohen. Wichtiger noch: Dr. Cohen ist Mitglied der Synagoge, in der die Schießerei stattfand, und er kannte neun der Opfer, die nicht überlebten. Erstaunlicherweise hielt ihn das nicht davon ab, Bowers persönlich am Krankenbett zu besuchen und sich zu vergewissern, dass seine Schmerzen unter Kontrolle waren. Als eine Lokalzeitung ihn fragte, wie es ihm bei der Begegnung mit Bowers und dessen Behandlung ging, sagte Dr. Cohen: „Wir sind dazu da, um kranke Menschen versorgen. ... Wir sind nicht da, um zu urteilen. ... Wir sind nicht da, um zu fragen: ‚Sind Sie versichert? Sind Sie nicht versichert?‘ Wir sind dazu da, um uns um Menschen zu kümmern, die unsere Hilfe brauchen.“


Chris Zimmerman wuchs in der Nähe von Pittsburgh auf, hat aber die letzten acht Jahre in Deutschland verbracht. Kommentare

Über den Autor

Chris and Bea Zimmerman

Chris Zimmerman

Chris Zimmerman und seine Frau Beate leben in Holzland, einer Bruderhof-Hausgemeinschaft in der Nähe von Jena.

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