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Im Dschungel: Ein neues Verständnis der Geschichte des Bruderhofs

11. Januar 2018 von

Es ist nur ein Stückchen Erde inmitten einer von Kuhfladen übersäten Wiese, irgendwo in der Mitte einer gigantischen mennonitischen Ranch. Die Reise ist lang. Von Asunción geht es endlose flache Kilometer an Reisfeldern und Palmen entlang, Die Straße und der Morgen dehnen sich, der Horizont verschwindet in einem tropischen Nirgendwo.

Dann dreht der Wagen von der staubigen Erdpiste ab und in einen roten Matsch hinein. Der Dezembermorgen ist ruhig, wenn man von unseren Bemühungen, vorwärts zu kommen, absieht. Eine Helligkeit liegt über allem, zusammen mit den offensichtlicheren Elementen: Moskitos, riesige Kuhfladen und das Gewicht der Sommerschwüle, die uns auf die Haut drückt.

Plötzlich ist die Hecke da, große Christusdorn-Sträucher, hinter der ein kleiner Friedhof verborgen liegt. Der Eingang ist ein einfaches Gatter, niedrig aus rauem Holz und aufschreckend in seiner Bedeutung und Hässlichkeit

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Heute erstreckt sich das Weideland der mennonitischen Ranch bis an den Horizont. Als unsere Leute vor 80 Jahren hier ankamen, was hier ein Dschungel. Sie waren ein zusammengewürfelter kleiner Haufen gewesen, Kriegsflüchtlinge, die aus Nazi-Deutschland entkommen und aus England ausgewiesen worden waren. Sie kamen mit einer Vision von Gerechtigkeit und dem Versprechen, ein Leben lang für Jesus und füreinander da zu sein. Viel mehr hatten sie nicht. Ihre Häuser - und ihre Gräber - trotzten sie dem Dschungel ab.

Zuerst kamen die Gräber. Der pausbackige kleine Daniel Keiderling, 7 Monate alt, war tot, bevor sie überhaupt auf dem Grundstück angekommen waren. Sein winziger Sarg wurde von der mennonitischen Siedlung, wo die Frauen und Kinder campierten, zu der staubigen Baustelle getragen, die später Isla Margarita Bruderhof heißen würde. Noch gab es keine Häuser, das Land war noch nicht einmal gerodet, und schon mussten sie ein Grab ausheben. Die Männer gruben es am Rande einer natürlichen Lichtung, sie hatten keine andere Wahl. Im Laufe des kommenden Jahres würden sechs weitere Babys und Kleinkinder dort begraben werden: Eine Reihe winziger Gräber im Dschungel.

Auf welchem Fundament standen diese Männer und Frauen, die sich Brüder und Schwestern nannten? Sie waren von vielen verschiedenen Nationen, Kulturen und Konfessionen und sprachen nicht einmal alle dieselbe Sprache.

Auf welchem Fundament standen diese Männer und Frauen, die sich Brüder und Schwestern nannten? Sie waren von vielen verschiedenen Nationen, Kulturen und Konfessionen, hatten unterschiedliche Erlebnisse mit dem Schrecken des Krieges gemacht und sprachen nicht einmal alle dieselbe Sprache. Und Armut? Viele waren wohlhabend und gebildet gewesen, Liebhaber von Kunst und Musik, Denker. All das zu verlieren kann auch eine Art zu hungern sein.

Hier im Dschungel ging es ums Überleben, und die länger werdende Reihe der Gräber zeuge von ihrer Hilflosigkeit. Man stelle sich etwa hundert Leute vor, die monatelang unter einem offenen Pavillon leben: in der Hitze, ohne Privatsphäre, ohne ausreichende Hygiene, überarbeitet bis zur Erschöpfung und ahnungslos in dieser fremden tropischen Wildnis. Logik hält einen in einer solchen Extremsituation nicht über Wasser. Sie glaubten an eine Stadt, die hier auf Erden von Gottes Reich künden würde. Sie glaubten daran, dass sie berufen waren, sie aufzubauen, und sie waren bereit, dafür zu sterben.

Edith Arnold hatte kein Haus, als sie von einer einfachen Blinddarmentzündung dahingerafft wurde. Die 33-jährige Mutter drei kleiner Jungen und eines Mädchens, eine gebildete Deutsche, jung und sensibel: Was hatte sie dazu gebracht, alles aufzugeben und sich dieser Gruppe anzuschließen? Was bedeutete ihr dieser gottverlassene Dschungel, dass sie diese Menschen um sich herum liebte, obwohl sie keine Privatspähre und keine Rückzugsmöglichkeiten hatte? Dass sie sich an ihr Versprechen hielt und arbeitete und Windeln wusch, bis sie nicht mehr genug Kraftreserven hatte, um eine Operation zu überleben?

Ich stand an der Stelle, an der ihr Mann Hardy so oft gestanden haben musste. Von dort schaute ich über das Land, das er gesehen haben musste und sein Schmerz muss so groß wie sein Mut gewesen sein. Die Zeit verschwimmt. Da stehe ich mit leeren Händen und sehne mich danach, das Leid von damals lindern zu können.

Neben Edith lagen 15 Kinder begraben, als der nächste Erwachsene starb: Fritz Kleiner, ein 42-jähriger Dichter, Schreiner, Bruder. Er selbst hatte schon für zwei seiner Töchter Särge gebaut und sie hier begraben. Ein anderer junger Vater, der selbst bald einer Tropenkrankheit zu Opfer fallen sollte, versuchte, das Begräbnis von Fritzes zweiter Tochter in Worte zu fassen:

Begräbnis von Emmi Christa
Nicht in Angst und Verzweiflung
Sondern in trotzigem, stillen Protest
Legten wir unser Baby in die Erde:
All die Mütter, ruhig und trauernd,
All die Mädchen, gebrochenen Herzens,
All die Brüder, ernsten Gesichts;
Und wir häuften die Erde auf unser Baby
In trotzigem, stillen Protest.
Dann wendeten wir uns ab, ließen sie allein,
Einsam am Rand des Waldes.
Gingen und zogen von neuem in den Kampf
Gegen den Prinz des Todes und des Dunkels –
Nicht wie die, deren Sache hoffnungslos ist,
Sondern in Gewissheit und Erwartung,
Kämpften wir für das Reich Gottes
Und den Untergang des Bösen.

Heute ist das Land, das sie damals der Wildnis abgetrotzt hatten, nur noch eine Viehweide. Die Gemeinschaften, die sie aufgebaut hatten, sind nicht mehr, nur noch die Gräber sind übriggeblieben. Aber was ich sah, war keine Niederlage. Unsere Heimat ist nicht auf dieser Welt. Wie sind Reisende, Bürger eines anderen Königreichs. Wir sind Verwalter dessen, was uns hier anvertraut wurde, aber wir werden uns in jenem anderen Reich wiedersehen. Dieser Glaube klingt durch alles hindurch, was sie geschrieben, gesagt und gesungen haben.

Ich habe keine direkten Vorfahren hier. Ich bin drei Generationen jünger. Aber ich wollte denen erzählen, die es nicht mehr selbst erleben konnten, dass die Flamme, die sie mit ihrem Leben beschützt haben, noch immer brennt. Es ist keine Erinnerung und kein Traum von einer fernen Zukunft. Meine eigene Existenz ist der Beweis dafür: Diese Bruderschaft hat überlebt und noch viele andere Menschen zu sich gerufen. Die Vision lebt weiter und wird in Realität umgesetzt - hier und jetzt.

Diese zwanzig Jahre in der Geschichte unserer Gemeinschaft sind voller Schwierigkeiten und Versagen. Aber hier auf dem Friedhof von Primavera zu stehen hat mein Verständnis der Geschichte des Bruderhofs für immer verändert. Für diese Generation empfinde ich nur noch Ehrerbietung und Respekt. Die Verirrungen, die einen Schatten auf einige dieser Jahre warfen, vergrößerten den Schmerz, den ihnen die vielen Todesfälle zufügten, noch weiter.

Edith ist mir in diesen Tagen sehr nahe gekommen. Warum? Wir haben wenig gemeinsam. Uns trennen Jahrzehnte, Nationalitäten und Sprachen. Wir sind uns nie begegnet, nicht einmal im Entferntesten. Aber ich erinnere mich an sie und fühle mich im wahrsten Sinne des Wortes von ihr getragen. Sie ist meine Schwester, und es gibt nichts, was diese Tatsache mindern könnte. Eines Tages werden wir uns treffen. Das weiß ich.

Dieses kleine verlorene Stück Weideland da draußen ist eine Festung des Reiches Gottes und derselben Vision, die wir heute in unserem Leben umzusetzen versuchen. Wir stehen nicht alleine da. Diese vierundvierzig Seelen sind unsere Verbündete und unsere Beschützer. Ich liebe sie. Ich bin ihnen dankbar, und ich bin dankbar, dass es sie gibt.


Peter Mommsens Buch Radikal barmherzig schildert die ersten Jahre der Bruderhofgemeinschaft, einschließlich der Jahre in Paraguay und Ediths Tod. (Bei uns sind kostenlose Freiexemplare erhältlich.)

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