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Den Tod wieder selbst in die Hand nehmen: Betrachtungen zu Glaube, Leid und Suizid

12. Juni 2017 von

Kürzlich war in einem Artikel über selbstbestimmtes Sterben in Kanada („At His Own Wake, Celebrating Life and the Gift of Death“, New York Times) die Rede davon, dass wir „den Tod wieder selbst in die Hand nehmen“. Man veranstaltet ein Fest, zündet Kerzen an, spricht Segensworte – und dann kommt der Arzt mit der Spritze in der Hand, und ein Leben wird beendet.

Da ist ein kranker Mann, der nicht mehr lange zu leben hat. Da sind Adlerfedern und Gebetsmäntel. Gute Freunde, gutes Essen, man nimmt sich in die Arme, es gibt Tränen. Aber gleich wird jemand getötet werden, und selbst die Ärztin, die dem Sterbenden das tödliche Medikament verabreicht, gibt das zu. „Aber so sehe ich das nicht“, sagt sie trotzig. „Es ist mein Job. Ich mache ihn gut.“

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. War denn der Tod jemals in unser Ermessen gelegt, und ist es eine gute Idee, dass wir ihn auf diese Weise selbst in die Hand nehmen? Als Arztassistent, der sich gut fünfundzwanzig Jahre lang um Sterbende gekümmert hat, bin ich überzeugt: Es ist keine.

Wann – und wie – wir sterben, lag noch nie in unserem Ermessen, sondern stets fest in den Händen eines allmächtigen, allwissenden Schöpfers. Das heißt nicht, dass der Tod nicht scheußlich wäre: Seit Jahrhunderten bezeichnen Christen ihn als den „letzten Feind“, und genau das ist er auch. Daher das heutige Streben nach einem schmerzlosen Tod – einem „perfekten“ Tod, wie die Times es nannte – und das vermeintliche Bedürfnis nach Euthanasie auf Verlangen, wie sie in Kanada und den Niederlanden bereits legal ist, aber in absehbarer Zeit auch in einem amerikanischen Krankenhaus (oder Hospiz) in Ihrer Nachbarschaft zu haben sein wird.


Wann – und wie – wir sterben, lag noch nie in unserem Ermessen, sondern stets fest in den Händen eines allmächtigen, allwissenden Schöpfers.


Fürsprecher der „medizinischen Sterbehilfe“ sprechen mit ehrfürchtiger Dankbarkeit über diejenigen, die ihr den Weg gebahnt haben: Die Kalifornierin Brittany Maynard zum Beispiel – die junge Frau, die 2014 den Entschluss fasste, lieber ihr Leben zu beenden, als an ihrem Hirntumor zu leiden – wurde von Medien wie CNN und der Zeitschrift People als „außergewöhnlich“ und als „Heldin“ gefeiert.

Auch Ärzte überbieten sich gegenseitig mit Euphemismen. Sie vergleichen den Tod mit der Geburt (sicher, da gibt es Ähnlichkeiten, aber auch große Unterschiede). Sie nennen ihn ein „Geschenk“. Und sie bezeichnen die „Behandlungen“, die sie vorgenommen haben, als „etwas Schönes“.

Reuben Zimmerman mit seiner Frau Margrit kurz vor ihrem Tod
Reuben und Margrit Zimmerman

Doch diejenigen unter uns, die an ein Leben nach dem Tod glauben – und für die der Körper mehr ist als eine Ansammlung pulsierender Zellen, ein bloßes Gemenge aus Blut und Fleisch und Knochen –, wissen, dass die Antwort auf die Todesqualen nicht in einer Midazolam-Spritze liegt, sondern in einem lebendigen Glauben, der alle menschlichen Gedanken über das Leid und unsere Fähigkeit, es zu ertragen, übersteigt. Für uns zeigt sich Mut nicht in der Entscheidung, sich dem Leid zu entziehen, sondern darin, anzunehmen, was uns auferlegt ist, und darauf zu vertrauen, dass es nicht mehr sein wird, als wir tragen können.

Meine eigene Frau Margrit war ein Beispiel dafür. Als sie mit dreiundvierzig Jahren an Dünndarmkrebs erkrankte, setzte sie sich zweiundzwanzig Monate lang zur Wehr, bis klar wurde, dass sie nicht gewinnen konnte. Von diesem Punkt an sah sie dem Tod unverwandt und mit einer gelassenen Tapferkeit, die von weit außerhalb ihrer selbst kam, ins Gesicht.

„Hast du Angst?“, fragte ich sie einmal, einige Wochen vor dem Ende. „Nein“, sagte sie, „ich glaube nicht. Ich glaube, Jesus kommt mich abholen.“

Im Dezember 2014 feierten wir unsere Silberhochzeit, und im Januar konnte sie nur noch Joghurt und Brühe zu sich nehmen. Im Februar war es dann nur noch schwacher Tee, ergänzt durch Honig und Kaffeesahne. Im März starb sie.

Wurde sie medizinisch fachgerecht versorgt? Selbstverständlich. Und es gibt keinen Grund, warum andere in ihrer Situation nicht ebenso gut versorgt werden sollten. Aber mit Blick auf die Begeisterung derer, die die aufkommende Euthanasie praktizieren, muss man sich fragen, warum wir die kostengünstigen und zumeist wirkungsvollen Maßnahmen der Palliativpflege, die sich in der konventionellen Medizin erst vor Kurzem durchgesetzt haben, nun plötzlich wieder aufgeben.

„Das ist mein Job. Ich mache ihn gut.“ In den Niederlanden ist es ebenso: Man spricht von Barmherzigkeit und Würde und freier Entscheidung und Menschlichkeit – während man Menschen tötet, die den Lebenswillen verloren haben oder sich davor fürchten, Gott zu dem Zeitpunkt zu begegnen, den er wählen wird.

Die gegenwärtige Debatte dreht sich vielfach um die Gedanken der Autonomie und der Unabhängigkeit. Es geht doch schließlich um meinen Körper! Wie also kommst du dazu, mir zu sagen, ich solle mich noch zehn Jahre lang mit Multipler Sklerose herumquälen – oder mit Herzkrankheiten, Diabetes, psychischen Erkrankungen oder rheumatoider Arthritis? Aber ist unser Leben wirklich unser Eigentum? Und kehren wir uns nicht von Gott ab, wenn wir ihm sagen, dass es vorbei ist – dass wir Schluss machen und auf keinen Fall den begonnenen Lauf vollenden werden?

In ihren letzten zehn Tagen hat Margrit schrecklich gelitten, doch sie hat nie die Miene verzogen oder geklagt. Stattdessen strahlte sie Frieden und Liebe aus, oft mit glänzenden Augen, bis ihr letzter qualvoller Atemzug kam.

Umringt von ihrer Familie – ihren Eltern, meinen Eltern, ihren Geschwistern und unseren fünf Kindern – ging sie nach Hause. Es wurde gesungen und gebetet, es gab reichlich Tränen, und oft beteten wir, sie möge gehen dürfen – sie möge irgendwie erlöst werden. Doch nie, nicht einmal einen flüchtigen Moment lang, zogen wir in Betracht, die Dinge irgendwie zu beschleunigen oder selbst in die Hand zu nehmen.

Wir warteten auf Gottes Augenblick, wie man geduldig auf die natürliche Geburt eines Babys wartet. Und wir wussten, wie am Bett einer werdenden Mutter gejubelt wird, wenn das Kind zum Vorschein kommt, würde Margrit im Himmel mit Gesang empfangen werden, wenn sie ihren Jordan überquerte.

Ihr Tod war nicht der einzige, bei dem ich dabei war, und sie hält auch kein Friedens- oder Tapferkeitsmonopol. Glaube mag ein Geschenk sein – eines, das wir modernen Menschen allzu oft geringschätzen oder gar verachten –, aber es steht uns allen zur Verfügung.


Wir warteten auf Gottes Augenblick, wie man geduldig auf die natürliche Geburt eines Babys wartet. Und wir wussten, dass Margrit im Himmel mit Gesang empfangen werden würde, wenn sie ihren Jordan überquerte.


„Hab keine Angst“, sagt der Psalmist: „Auch wenn du durchs finstere Todestal wanderst, fürchtest du kein Unglück.“ Genauso macht auch Jesus seinen Nachfolgern Mut: „Ihr werdet bedrängt werden, aber ich habe überwunden!“ „Habt keine Angst; in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, die ich für euch bereitet habe.“ Und das Beste: „Ihr werdet leben, auch wenn ihr sterbt.“

Niemand möchte unnötig leiden. Aber ganz vermeiden können wir Schmerz und Leid auch nicht. Sogar Jesus selbst – Gottes eigener Sohn – musste durch die bitteren Qualen des Kreuzes hindurch, und durch diese Tortur wurde die Welt erlöst.

Können wir uns einbilden, billiger davonzukommen? Alice von Hildebrand sagt, dass das Leid zu einem Vorrecht wird, wenn wir es so betrachten: Wir leiden gemeinsam mit dem Erlöser: „Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach“, fordert er uns auf – „und ich werde euch die Krone des ewigen Lebens geben.“

Wo lebendiger Glaube fehlt, ist es vollkommen verständlich, dass Menschen den Tod wieder selbst in die Hand nehmen wollen. Doch als Nachfolger Christi, die den Auftrag haben, allen Menschen die gute Nachricht zu verkünden – und die wissen, um mit dem Apostel Paulus zu sprechen, dass es „einen noch besseren Weg“ gibt – können wir dabei nicht schweigend zusehen.

 


 

Reuben Zimmerman ist Arztassistent. Er lebt in Woodcrest, einer Bruderhofgemeinschaft in Rifton, New York.
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