Welt

Zeitgeschehen • Nachrichten • Politik
Kultur • Bücher • Filme

Welt

Der ganze Gehsteig ist eine Bühne

20. August 2020 von

note

Jodie hatte als Erste die Idee. Sie ist die Frau aus Jamaica, die eine Straße weiter wohnt. Sie hing einen handgeschriebenen Flyer an einen Baum vor ihrem Haus: „30. Mai, 18 Uhr, für jeden, der kommen kann ” stand darauf. „Kommt, macht mit, wenn wir unseren Gehsteig in eine Bühne verwandeln. Warum? Weil es Spaß macht!” Sie dachte, ein eimaliges Event mit offener Bühne könne man sicher und ohne Bedenken durchziehen. Wir wollten dabei sein!

Der Flyer gab keinerlei Auskunft über besondere Voraussetzungen, nur die wage Bitte, der Beitrag solle aufführbar sein. Teilnehmer sollten Masken tragen und adäquaten Abstand halten. Wir machten uns an die Arbeit und suchten ein passendes Lied: Es sollte schön, fröhlich und umsetzbar sein. Wir hatten nur einen Tag, um uns vorzubereiten. Also musste es etwas Einfaches sein. Sorgfältig durchsuchten wir unsere Playlisten, um einen Song zu finden, den wir meistern könnten.

Mir fiel das Lied „Simple Man“ von der Band Lynyrd Skynyrd ein. Es ist ein melodischer Rocksong aus den Südstaaten der USA, mit Schlagzeug und durch Gitarrensoli abgerundet. Der emotionale Text feiert Liebe, Bescheidenheit und ehrliche Herzensgüte. Er schien perfekt zu passen. Wir packten unser Keyboard und unsere Gitarre aus, druckten den Text aus und verschwanden im Proberaum (unserem Keller).

Nach einer Stunde hatten wir eine solide Darbietung auf die Beine gestellt. Sie war nicht perfekt, aber doch feinfühlig und ergreifend. Um zehn nach fünf starteten wir los und gingen mit unserem Keyboard, unserer Gitarre und einer robusten Trommel die Straße runter. Wir bauten alles am Rande des Gehsteigs auf. Da wir kein Mikrofon zur Verfügung hatten, beschlossen wir, so laut wie möglich zu singen – den Refrain gemeinsam und die Strophen einzeln. Wir nahmen uns vor, so laut wie möglich zu singen.

Langsam füllte sich die Straße. Viele, so schien es, hatten den Flyer gelesen. Andere sahen das Keyboard und die Trommel und blieben daher neugierig stehen. Mir fiel ein rothaariger Mann auf, der in unsere Straße einbog. Gutgelaunt ging ich auf ihn zu und sagte, „Conan O’Brien, du bist auch hier! Herzlich willkommen!“ Herzlich willkommen!“ Er sah mich an und lachte: „Ja, den hab′ ich schon mal wo gehört.“

Jeder trug eine Maske. Die Teilnehmer hielten bedacht den Abstand zueinander ein. Um sechs Uhr hatten sich schon fast hundert Leute versammelt. Ich blickte in die Menschenmenge. Jeder sah gespannt zu. Das Gefühl von Freundschaft, von Familie hing in der Luft. Unsere Moderatorin begann zu sprechen.

„Herzlich willkommen, allerseits“, sagte Jodi. „Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid!“. Sie lieferte eine beeindruckende Einleitung – begeistert, ehrlich, tiefsinnig. „Wir alle leiden unter dieser Krise“, sagte sie. „Unter diesen mühsamen gesetzlichen Vorschriften, aber ich habe einen unaufhörlichen Rhythmus des Lebens entdeckt – ein Pulsieren unter der Haut, das sich in ein Lied verwandeln möchte.“

 Die Vorführungen begannen. Wir waren an zweiter Stelle. Schon rief uns Jodie auf. Sie stellte uns vor, dann legten wir los.

Wir haben es nur so herausposaunt! Lynyrd Skynyrd wäre stolz auf uns gewesen. Alle waren begeistert. Tobender Applaus übertönte das Ende des Songs.

Die Darbietungen waren ganz unterschiedlich – es gab Gedichte, Lieder und Gedanken. Jede Nummer erhielt den gleichen tobenden Applaus. Eine Frau berichtete von einer Nachbarin, die seit dem Lockdown von ihrer Feuerleiter aus singt. Sie konnte bei ihrem Erzählen ihre Tränen nicht zurückhalten. Noch nie habe ich mich als emotionalen Mann empfunden. Als ich aber die bewegten Gesichter um mich herum sah, überkam mich eine Welle der Emotion. Jeder konnte sich mit ihrer Geschichte identifizieren. Ihre Gefühle waren unsere Gefühle. Ich habe noch nie so ein gebanntes Publikum bei solch einem spontanen Event erlebt.

Jodi beendete das Event mit einem Gebet. Bevor alle auseinander gingen, standen wir alle noch eine Weile mit sicherem Abstand herum und sprachen miteinander. Telefonnummern wurden ausgetauscht, neue Freundschaften geschlossen. Wir gingen begeistert und bewegt nachhause.

Das Coronavirus, so hoffe und glaube ich, wird noch viele solcher Events hervorbringen. Gesellschaftliche Ereignisse bestimmen das zwischenmenschliche Miteinander; jeder sehnt sich nach Beziehung. Jodie inspirierte uns, unsere Augen und unseren Mund zu öffnen, nach weiteren Möglichkeiten zu suchen, die uns zusammenbringen.

Wir haben beschlossen, nächsten Samstag wieder ein Event mit offener Bühne zu veranstalten – dieses Mal vor unserem eigenen Haus. Kommt doch vorbei!

Kommentare

Über den Autor

smiling man

Donald Boller

Donald lebt im Bruderhof-Haus in Harlem, New York.

Biografie lesen
Alle Autoren anzeigen

Bleib in Kontakt

mit dem kostenlosen Voices Blog Newsletter!

Leseempfehlungen

Alle anzeigen

Das könnte dich auch interessieren

Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen