Welt

Die Auswirkungen von Krieg auf Glaube und Freiheit

9. August 2018 von

Heinrich Arnold giving speech

Die folgende Rede hielt ich am 27. Juli 2018 auf einer Podiumsdiskussion des Ausschusses für verantwortungsvolle Außenpolitik. Wir beschäftigten uns mit dem Thema „Der Einfluss des Krieges auf die Religionsfreiheit in vergangenen Konflikten“ und ich verband dieses Thema mit der Geschichte der Bruderhofgemeinschaften.

Wie beeinflusst der Krieg die Freiheit der Menschen, insbesondere die Freiheit den Glauben zu leben und zu praktizieren? Der Glaube formt das moralische Gewissen eines Volkes. Wenn Gläubige sich gegen Unrecht wehren, wenn Unrecht von einem Staat, insbesondere einem kriegsführenden Staat, begangen wird, ist Verfolgung unvermeidlich.

Wenn man über die Auswirkungen des Krieges nachdenkt, ist die erste Frage: „Was ist Krieg?“ Es gibt viele Kriege – den Krieg gegen Hunger, gegen Krankheit, gegen Drogen, gegen Rassismus, gegen Gewalt, gegen den Völkermord der Abtreibung. Es gibt das Ringen um die Erhaltung der Familie und Ehe nach biblischem Vorbild und zum Schutz der Religionsfreiheit. Gläubige Menschen sollten die Spezialeinheiten an den Fronten dieser ideologischen Kriege sein. Der Apostel Paulus wies uns an, „die ganze Rüstung Gottes anzulegen, damit ihr gegen die Pläne des Teufels bestehen könnt“ (Eph. 6,11).

Was uns heute zusammenbringt, ist eine gemeinsame Besorgnis und Abneigung gegen die Kriege, die durch den Nationalismus und kulturelle, religiöse und politische Auseinandersetzungen hervorgerufen werden, und die von Gier und Hass angetrieben werden. Die Geschichte ist voll von diesen Kriegen, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie irgendwann aufhören würden. Platon sagte zu Recht: „Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.“ Diese Kriege verursachen Tod, Zerstörung und Leid ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld. Sie sind alle auf Lügen aufgebaut; der griechische Tragiker Aischylos bemerkte: „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ Wir hassen solche Kriege.

Wenn die Diplomatie versagt, wenden Staaten Gewalt an – aber die Kirche muss einen anderen Weg finden. Jesus hat uns den Weg der Liebe gezeigt.

Wie können wir Kriege aufhalten? Wenn die Diplomatie versagt, wenden Staaten Gewalt an – aber die Kirche muss einen anderen Weg finden. Jesus hat uns diesen Weg gezeigt: Liebe. Da es unmöglich ist, Liebe gesetzlich zu verordnen, müssen wir Krieg gegen die Ursachen des Krieges führen, ein Mensch nach dem anderen, angefangen bei uns selbst. Mahatma Gandhi wies uns an, „die Veränderung zu sein, die wir in der Welt sehen wollen.“ Es liegt in der menschlichen Natur, zurückzuschlagen und Rache zu nehmen, wenn uns Unrecht geschieht, aber Jesus lehrte uns, „eure Feinde zu lieben und denen Gutes zu tun, die euch hassen“ (Matthäus 5,43). Deshalb ist meine Kirche eine Friedenskirche, und deshalb bin ich ein Kriegsdienstverweigerer, auch wenn ich das Engagement und das Opfer der tapferen Männer und Frauen,die im Militär dienen, würdigen möchte.

Eberhard Arnold with other Bruderhof members
Eberhard Arnold (mitte)

Dieser Glaube, besonders in Zeiten des Krieges, hat historisch zu den Einschränkungen der Freiheit geführt, unseren Glauben als christliche Gemeinschaft zu praktizieren. Ich habe das nicht persönlich erlebt, weil mir der Segen zuteilwurde, mein ganzes Leben in den USA zu leben, während eines halben Jahrhunderts relativen inneren Friedens und Sicherheit. Für meine Vorfahren war dies jedoch nicht immer der Fall.

Der Bruderhof wurde nach dem Ersten Weltkrieg von meinen Urgroßeltern Eberhard und Emmy Arnold in Deutschland gegründet. Eberhard studierte Philosophie und Theologie und war ein gefragter Redner und Autor. Er verbrachte zwei Wochen an der Westfront als Nachschubfahrer, bevor er wegen schlechter Gesundheit entlassen wurde. Aus dem Wunsch heraus, seinen Dienst für das Vaterland fortzusetzen, meldete er sich als freiwilliger Helfer in einem Lazarett.

Die Geschichten, die er von den verwundeten Soldaten hörte, überzeugten ihn, dass ein Nachfolger Jesu Christi nicht mit gutem Gewissen am Krieg teilnehmen kann. Die Kirchengemeinde, die er begann, sollte eine Alternative zu Kapitalismus, Militarismus und Machtpolitik sein. Im Juni 1920 veröffentlichte er den folgenden „Aufruf“:

Wir richten nicht die, welche zur Gewalt greifen, wollen vielmehr in positiver Arbeit dem Geiste der Liebe dienen, der einmal alle Gewalt aufheben wird. Wir bekennen uns, vom lebendigen Christusgeiste getrieben, zum Reich der Liebe und der Brüderlichkeit und wollen mitarbeiten an der Umwandlung der Gesellschaft und an der Aufrichtung eines Bruderbundes aller Völker.

Eberhard identifizierte sich mit den Täufern des 16. Jahrhunderts. Grundlegend für die täuferische Weltanschauung ist die Lehre der zwei Reiche: der Welt, in der die Ordnung durch Gewaltanwendung aufrechterhalten wird, und dem Reich Christi, das durch Frieden und Vergebung gekennzeichnet ist. Peter Walpot, einer ihrer frühen Apologeten, schrieb um 1570: „Das Schwert ist das absolute Gegenteil der wahren Liebe, die das erste Gebot in der Kirche Christi ist.“

Als Adolf Hitler Anfang 1933 an die Macht kam, begann mein Urgroßvater, sich gegen seine repressive Politik auszusprechen. Er arbeitete mit anderen, die gegen Hitler waren: Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller und Karl Barth. Aber anstatt mit Gewalt zu reagieren, glaubte er, dass er berufen war, das Evangelium Christi zu bezeugen, sogar vor den Nazis:

[Unsere] Berufung ist die Vertretung des Reiches Gottes und der Gemeinde Jesu Christi in allen ihren Auswirkungen. Das bedeutet, dass ... wir allen übrigen Verhältnissen und Umständen und Beziehungen gegenüber diese Sache vertreten und infolgedessen in einen starken und entscheidenden Gegensatz zu der uns umgebenden Welt kommen, auch in einen Gegensatz zu einer Staatsordnung, die mit Militär und Gewalt vorgehen muss (...) Wir versagen der Obrigkeit, die von Gott verordnet ist, nicht unsere Ehrfurcht. (Röm 13,1) Wir haben aber einen ganz anderen Auftrag, welcher eine ganz andere Gesellschaftsordnung mit sich bringt als es in Staat und Gesellschaft möglich ist.

Die erste spürbare Konsequenz der einsetzenden Verfolgung war die Auflösung der Privatschule des Bruderhofs, da sie sich weigerte, Nazi-Propaganda und Rassenhass zu lehren. Alle schulpflichtigen Kinder wurden heimlich in die Schweiz und nach Liechtenstein geschickt, wo ein kleiner Bruderhof gegründet wurde. Wirtschaftliche Verfolgung folgte, als das NS-Regime die Existenzgrundlage und die Ressourcen der Gemeinschaft einschränkte und beschlagnahmte.

Am 9. November 1933 (drei Tage vor der Reichstagswahl) schrieb Eberhard einen Brief an Hitler. Dem Befehl Christi folgend, seinen Feind zu lieben, sprach er ihn als „Unseren geliebten Reichskanzler Adolf Hitler“ an, und forderte eine Erlaubnis, dass der Bruderhof in Deutschland bleiben dürfe, um mit Liebe und Hingabe zu arbeiten und dem Nächsten und dem Land zu dienen, während man sich gleichzeitig weigerte, am Militärdienst teilzunehmen oder mit dem obligatorischen „Heil Hitler“ zu grüßen. Er beendete den Brief mit:

Wir bitten Gott von Herzen, dass er [Hitler] zu Gottes gegebener Stunde aus einem geschichtlichen Werkzeug höchster Staatsobrigkeit zu einem Gesandten des erniedrigten Christus werde.

Genau eine Woche, nachdem dieser Brief persönlich in der Reichskanzlei abgegeben wurde, wurde der Bruderhof von 150 SS- und Gestapo-Truppen gestürmt. Alle Bewohner wurden verhört und der Ort wurde nach Waffen durchsucht. Nur durch die Gnade Gottes wurden sie nicht erschossen oder ins Konzentrationslager gebracht, sondern durften noch weitere drei Jahre in Deutschland bleiben, bis die Gestapo im April 1937 den Bruderhof gewaltsam auflöste, ihren gesamten Besitz beschlagnahmte, drei der Verantwortlichen verhaftete und den anderen Mitgliedern 24 Stunden Zeit gab, das Land zu verlassen oder inhaftiert zu werden. Zuvor war mein Urgroßvater an einer Sepsis nach einer Beinbruchoperation in einem Krankenhaus gestorben – unter Umständen, die manche verdächtig finden. Einen Tag vor seinem Tod hatte er lautstark im Fieberwahn gerufen: „Hat Goebbels schon Buße getan?“

Heini Arnold
Johann Heinrich Arnold (rechts)

Mein Großvater, Johann Heinrich, und die anderen jungen Männer des Bruderhofs mussten fliehen, weil sie sich weigerten, Militärdienst zu leisten. Dies war gefährlich, da Kriegsdienstverweigerung Gefängnis oder Tod bedeutete. Am Tag nach der Hochzeit machten mein Großvater und meine Großmutter sich auf den Weg. An der Grenze gelang es ihr, den Beamten zu überreden, ihm ein Visum für die „Flitterwochen“ nach England zu gewähren. Wie durch ein Wunder konnten sich alle Mitglieder in England wieder zusammenfinden, wo später mein Vater, Johann Christoph, geboren wurde.

Ab 1939 befand England sich im Krieg mit Deutschland, und die deutschen Pazifisten wurden mit wachsendem Misstrauen betrachtet. Eine humorvolle Episode war, als die lokalen Behörden dem Tipp eines Nachbarn nachgingen, dass sie heimlich deutsche U-Boote in einem Baggersee auf dem Grundstück bauten. Sie fanden nur Schlamm und Kies. Trotz der Sympathie des Innenministeriums wurden sie schließlich zur Auswanderung gezwungen. Paraguay in Südamerika war das einzige Land, das sie einreisen ließ. Dort sind meine Eltern aufgewachsen.

Christoph Arnold speaking at a podium
Johann Christoph Arnold

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den USA eine Volksbewegung für Frieden und Leben in Gemeinschaft. Viele haben sich vom Bruderhof inspirieren lassen, auch diejenigen, die lieber Zivildienst geleistet oder im Gefängnis gesessen als im Militär gedient hatten. Infolgedessen wurde 1954 im Bundesstaat New York der Woodcrest-Bruderhof gegründet.

Woodcrest wurde mit Besuchern aus allen Gesellschaftsschichten überrannt. Eleanor Roosevelt kam für ein paar Stunden vorbei und blieb für ein Mittagessen mit Lammragout. Dorothy Day kam vom Catholic Worker in New York City. Neue Mitglieder kamen hinzu: Akademiker und Arbeiter, Reiche und Arme, Religiöse und Atheisten. Alle wurden von einer Lebensweise angezogen, die die Probleme lösen konnte, die sie in der Gesellschaft erlebt hatten: ein Mittel gegen den Krieg.

Während des Vietnamkrieges, zur Zeit der Wehrpflicht, beantragten junge Bruderhof-Männer den Status von Kriegsdienstverweigerern. Mit der freundlichen Hilfe von General Hershey, der die Wehrdienstbehörde leitete, konnte unsere Kirche alternative Dienstprogramme in Schulen und gemeinnützigen Projekten wie einem christlichen Verlag einrichten. So hat mein Vater seinen Ersatzdienst geleistet.

Die Waffe der Vergebung ist so alt wie die Menschheit, muss aber immer wieder neu entdeckt werden.
—J. Christoph Arnold

In seinen späteren Jahren diente mein Vater, der durch eine Begegnung mit Martin Luther King Jr. und durch die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre nachhaltig geprägt worden war, in unserer Kirche als Prior, also gewissermaßen als oberster Seelsorger. Er schrieb und sprach häufig über die Themen Vergebung, Frieden und Versöhnung und reiste in zahlreiche Konfliktgebiete.

Ich möchte mit einem Auszug aus einer Rede schließen, die er 2004 auf einer internationalen Friedenskonferenz in Mailand gehalten hat:

Aber genug vom Krieg. Ich möchte lieber darauf eingehen, wie jeder von uns den Kreislauf der Gewalt durchbrechen und eine friedlichere Welt aufbauen kann. .... In jedem Konflikt werden Sie auf beiden Seiten Menschen finden, die daran arbeiten, die Gewalt zu beenden – mit einer Waffe, die so alt ist wie die Menschheit, aber immer wieder neu entdeckt werden muss. Es ist die Waffe der Vergebung. Leider kommen die, die diese Waffe führen, nur selten in die Schlagzeilen. …
Lassen Sie uns für alle Verwundeten in den neuen Kriegen beten, die unsere Welt zerreißen – und nicht nur für die Unschuldigen, sondern auch für diejenigen mit bösen Absichten; für die Opfer des Krieges und seine Profiteure; für die Soldaten und die Zivilisten, die Hurra-Rufer und die Abweichler. Beten wir für unsere Staatsoberhäupter und Regierungen, aber auch für die Mütter der Toten. Beten wir für diejenigen, die in bombardierten Krankenhäusern liegen, aber auch für diejenigen in Militärkrankenhäusern. Lassen Sie uns beten, dass sie alle Frieden finden. Denn wie Martin Luther King Jr. einmal sagte: „Das Gericht Gottes hängt über unserer Welt. Und wenn wir nicht lernen, wie Brüder und Schwestern zusammenzuleben, werden wir als Narren untergehen.“

Noch heute leben die Bruderhofgemeinschaften eine Alternative zu Krieg, Militarismus und Privateigentum. Wir sind dankbar, dass Länder wie die USA uns die Freiheit gewährt haben, nach unserem Glauben zu leben. Heute beten wir, dass die Werte und Freiheiten, auf denen diese Nation, die USA, gegründet wurde, weiterhin geschützt und gestärkt werden. Ja, es wird „Kriege und Kriegsgerüchte“ geben, solange Macht und Mammon unsere Welt antreiben; aber wir können nach der Politik des Reichs Gottes leben, dem Weg Jesu Christi, der die Welt auf den Kopf stellen kann. Es wird Krieg geben; aber lassen Sie uns um des Lebens willen unsere Kräfte sammeln und diesen Krieg gegen Hass, Egoismus, Unterdrückung und gegen den letzten Feind – den Tod – führen. Und lassen Sie uns unsere Waffen sorgfältig wählen und das Schwert des Gebetes und der erlösenden Liebe schwingen.

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J. Heinrich Arnold

J. Heinrich Arnold serves as a senior pastor for the Bruderhof in the United States and abroad.

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