Welt

Die Kunst des umwälzenden Dialogs

Ein Tribut an Kardinal Edward Idris Cassidy (1924–2021)

5. Mai 2021 von

Wenn wir das Evangelium leben wollen, müssen wir uns gegenseitig lieben, wie der Herr uns geliebt hat. Wir müssen versuchen, uns miteinander zu versöhnen, was zunächst einmal bedeutet, den anderen zu erkennen, wie er wirklich ist, und zuzugeben, dass es vieles gibt, wofür wir um Verzeihung bitten müssen...
Wir sind Brüder in Jesus Christus und er ist es, der uns zusammenführt, nicht wir, die zusammenkommen, nur weil wir es wollen. Es gibt einen Ruf, näher zusammenzukommen und zu versuchen, die christlichen Werte in einer Welt zu leben, die dieses Zeugnis dringend braucht.
Edward Kardinal Cassidy, 19. September 1996

Als er diese Worte sprach, war Kardinal Cassidy der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen – ein Amt, das er von 1989 bis 2001 in Rom innehatte. Obwohl er sich zu dieser Zeit mitten in einer großen ökumenischen Initiative mit der lutherischen Kirche befand, die 1999 in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre gipfelte, fand er dennoch Zeit, an einem privaten Treffen in der Residenz von Kardinal John O’Connor aus New York mit Vertretern des Bruderhofs, Johann Christoph und Verena Arnold, und meinem Vater, Art Wiser, teilzunehmen.

CEmbedDer Autor mit Kardinal Cassidy.

Bereits drei Wochen später kam Kardinal O’Connor auf den Woodcrest Bruderhof – der erste katholische Kardinal, der jemals einen Fuß auf einen Bruderhof gesetzt hat – zu dem Zweck, wie er es ausdrückte, „gemeinsam zu erforschen, wie wir uns im Glauben und in der Liebe näher kommen können, um das Reich Gottes auf Erden zu verbreiten“. Nach einer mitreißenden Darbietung des Halleluja-Chores aus Händels Messias, die keiner der Anwesenden je vergessen wird, sagte er: „Auch in der St. Patrick’s Cathedral habe ich nie etwas Besseres gehört!“

Ein Kardinal auf einem Bruderhof, der Vergleiche mit einer katholischen Kathedrale zieht? Niemals! So hätte ich gedacht, als ich in den 1960er Jahren in Woodcrest aufwuchs. Ob wahr oder nicht, ich hatte schon früh gehört, dass der Mitbegründer des Bruderhofs, Eberhard Arnold, geschworen hatte, niemals eine katholische Kirche zu betreten. Götzendienst. Zu den Heiligen beten. Marien-Obsessionen. Transsubstantiation. Absolut nicht. Es war nie Arnolds Absicht, eine eigenständige Kirche zu gründen, und in den 1930er Jahren festigte er die Verbindung zwischen der kleinen deutschen Bruderhof-Gemeinschaft, die er mitbegründete, und der fünfhundert Jahre alten Hutterischen Kirche – ein zutiefst vorausschauender Schachzug, der diesen winzigen Trieb auf die täuferische Rebe pfropfte und den Bruderhof wohl vor der Auslöschung durch die Nazis bewahrte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später, als die Beziehung zu den Hutterern nicht mehr zu reparieren war, unternahm Pastor Johann Christoph Arnold etwas, das ich als einen seiner kühnsten Schritte betrachte. In Anlehnung an den Wunsch seines Großvaters, starke Verbindungen mit anderen Gläubigen zu knüpfen, nahm er auf der Suche nach einer gemeinsamen Grundlage Kontakt mit der katholischen Kirche auf. Er fand mehr als nur eine gemeinsame Grundlage. Er fand einen anderen Mann von gleicher Kühnheit und visionärer Kraft in der Person von Kardinal Edward Cassidy.

Als meine Frau Grace und ich Cassidy in seinem Haus in Newcastle, Australien, besuchten, war er neunundachtzig, hatte gerade eine Hüftoperation hinter sich und brauchte dringend einen Gehstock, den er liebevoll „George“ nannte. George hatte die Angewohnheit, genau dann zu verschwinden, wenn man ihn am dringendsten brauchte, und einmal machten wir uns auf die Suche nach dem Deserteur, weil der Kardinal uns das Haus zeigen wollte; George wurde schließlich in der Speisekammer gefunden und unsere Tour ging weiter.

Kardinal Cassidy mag 2013 sein Alter gefühlt haben, aber er war sicherlich durchaus in der Lage, sich lebhaft an die Details des Treffens 1996 in New York zu erinnern, der ersten von mehreren Begegnungen, die er mit den Brüdern und Schwestern des Bruderhofs hatte. Er genoss die Vorstellung – und er wusste, dass sie sich bewahrheiten würde – dass der Beginn des Bruderhof-Katholiken-Dialogs einen massiven Paradigmenwechsel für uns und die katholische Kirche erforderte. Tatsächlich schien er ein heimliches Vergnügen an den Hindernissen zu haben, die mit großer geistiger und geistlicher Anstrengung noch überwunden werden mussten.

Das war sein Charisma, eine Gabe, die er mit stiller Entschlossenheit ausübte. Denn es war Kardinal Cassidy, der bei diesem ersten Treffen einen Weg für einen fruchtbaren Dialog zwischen Katholiken und Bruderhöfern und schließlich für eine gemeinsame Arbeit im Dienst Christi vorschlug – nicht in separaten Teilen des Weinbergs, sondern gemeinsam, Schulter an Schulter. In seinen Worten:

Es kann sein, dass wir als Bruderhof und katholische Kirche zusammenkommen können, um gemeinsam etwas zu sagen ... Daran müsste man ein bisschen arbeiten, aber ich würde das nicht als ein riesiges Problem ansehen. Es muss einfach nur gemacht werden.

Ich musste über diese letzten Zeilen schmunzeln, denn „ein bisschen daran arbeiten“ entpuppte sich als ein siebenjähriger Marathon. Mein Vater hat dabei nicht nur die Führung übernommen, er hat auch mit der Hartnäckigkeit einer britischen Bulldogge durchgehalten, als die Dinge im Laufe dieser langen Jahre wieder und wieder ins Stocken gerieten. Ich bin stolz auf ihn: Alles was für ihn zählte war, das Ziel zu erreichen!

A Call to Purity: Eine gemeinsame Erklärung der römisch-katholischen Erzdiözese New York und der Bruderhof-Gemeinschaften wurde am 19. August 2003 in New York von Pastor Arnold für den Bruderhof und Schwester Mary Elizabeth von dem Referat für ‚Familienleben‘ und ‚Lebensschutz‘ der Erzdiözese unterzeichnet. Elf Jahre später wurde das gleiche Dokument offiziell von Timothy Kardinal Dolan von der Erzdiözese New York unterzeichnet, das Ergebnis einer weiteren fruchtbaren Beziehung.

Mein Vater war dabei und wird mit den Worten zitiert: „Wir haben sieben Jahre lang dafür gebetet!“ Er war nie einer, der gerne über seinen eigenen Beitrag sprach, aber ich denke, er würde mir verzeihen, wenn ich zum Beten auch das arbeiten hinzufüge. Viele waren auf beiden Seiten beteiligt, vor allem Vaters gute Freunde Pater Benedict Groeschel und Richard John Neuhaus. Es sind zu viele, um alle zu nennen – unser Dank geht an sie alle, die Lebenden und die Verstorbenen.

Von der ersten Begegnung an sah Kardinal Cassidy die Entstehung und schließlich die Unterzeichnung von A Call to Purity als den besten Weg zu einer Bruderhof-Audienz bei Papst Johannes Paul II. in Rom. Pastor Arnold traf den Papst zum ersten Mal bei einer kleinen Versammlung von Kirchenoberen in O’Connors Residenz im Jahr 1995. Da er sofort spürte, dass es sich hier um einen wahrhaft demütigen Mann Gottes handelte, sprach Arnold oft von seinem Wunsch nach einer längeren Begegnung mit dem Papst und äußerte diesen Wunsch während des Treffens mit Cassidy im nächsten Jahr. Die Audienz fand 2004 statt, nicht zuletzt aufgrund von Cassidys Fürsprache und Intervention bis zum letzten Moment, wie er mir Jahre später erzählte.

Was für ein Mensch war Kardinal Edward Cassidy, dass er ein so zentrales Werkzeug in diesem „umwälzenden Dialog“ werden konnte, der bis heute gute Früchte trägt? Vielleicht helfen ein paar Stichpunkte in seinen eigenen Worten, um davon ein Bild zu bekommen.

Bei dem Treffen 1996 in New York sagte er: „Als ich Untersekretär im Sekretariat des Papstes war, sagten die Leute: ‚Sie sind die drittmächtigste Person in Rom.‘ Ich sagte dann: ‚Nun, ich würde gerne wissen, wo die ganze Macht ist, denn alles, was ich finde, ist Arbeit. Ich weiß nichts von irgendwelcher Macht. Vielleicht kann ich mir ein paar Brötchen damit verdienen, aber das ist keine Macht.‘ Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich tat, einfach nur Arbeiten war.“

Nach Vaters Tod schrieb er: „Ich lese [über das Leben Ihres Vaters] mit viel Vergnügen und einem kleinen Gefühl der Freude darüber, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, meine Kirche und den Bruderhof in eine neue Beziehung zu bringen, die auf Liebe und geistlichem Respekt beruht.“

Zu einer E-Mail vom Juni 2014 fügte er hinzu: „Vielen Dank für Ihre Grüße im Zugehen auf das Pfingstfest. Ich schließe mich Ihnen allen an und danke dem Herrn und dem Heiligen Geist für die spannenden Ereignisse der letzten Jahre in den Beziehungen zwischen dem Bruderhof und der katholischen Kirche. Ich bin sicher, dass diese Freundschaft in den kommenden Jahren unter der Führung des Heiligen Geistes weiter wachsen und gute Früchte hervorbringen wird, zum Wohl unserer Gemeinschaften und der Nationen, in denen wir leben. Komm, Heiliger Geist, und erleuchte unsere Sinne!“

Und 2015 schloss Kardinal Cassidy die letzte E-Mail, die ich von ihm erhielt, mit diesen treffenden Worten, als wollte er seinen Beitrag zusammenfassen und sich verabschieden: „Ich habe [Ihre Nachricht] mit großer Freude gelesen und dem Herrn für den Fortschritt und das größere Verständnis zwischen dem Bruderhof und der katholischen Kirche gedankt. Ich halte mich einigermaßen gut, aber die Jahre lassen sich nicht leugnen!“

In der Tat, sie lassen sich nicht leugnen. Und nun ist es an uns, die wir diesen Bruder in Christus kannten und liebten, darüber nachzudenken, wie sein Leben uns berührt und unser Leben verändert hat.

Obwohl er nun von uns gegangen ist, lebt Kardinal Cassidy weiter, nicht nur in der ewigen Ruhe, sondern auch in den Leben, die er verändert hat, Gott sei Dank dafür.

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Bill Wiser

Bill Wiser lebt in Danthonia, einem Bruderhof in New South Wales. Zu seinen täglichen Aktivitäten gehören das Unterrichten...

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