Welt

Eintauchen in die Geschichte der Täufer

22. Juli 2021 von

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Vorsichtig drücke ich den alten Einband aus Leder zusammen und löse die Messingspange. Ich schlage das Buch auf und blättere mit meinen behandschuhten Fingern vorsichtig die Seiten um. Auf der Titelseite lese ich: „Ein Büechel darinen etliche schöne epistlen und sendbrieff geschriben von unseren lieben brüedern unnd zeugen der göttlichen warheit. Geschriben in iren gefencknusen und sonst hin und wider. Allen fromen ganz tröstlich zu lesen. 1577.“ (Ein Buch mit schönen Berichten und Briefen, geschrieben von unseren lieben Brüdern im Gefängnis und anderswo, Zeugen der göttlichen Wahrheit, tröstlich zu lesen für alle Frommen.)

Geschrieben ist dies in einer altertümlichen Schrift mit verzierten roten Initialen. Die Briefe wurden von Männern geschrieben, die gegen die Korruption der römisch-katholischen Kirche protestierten und sich als Erwachsene taufen ließen, um zum Ausdruck zu bringen, dass für Christus leben wollten. Man nannte sie „Wiedertäufer“, und die Strafen für den von ihnen vollzogenen Schritt waren Kerkerhaft und Hinrichtung.

Wenn ich ihre Namen sehe, fühle ich mich, als würde ich alte Freunde treffen. Da ist der Abschiedsbrief von Hieronymus Käls an seine Frau Treindl, geschrieben aus dem Gefängnis hier in Wien, 1536; Leonhard Schiemer, Trostbrief an einen schwachen Bruder, geschrieben in Rattenberg, 1527; ein Brief der in Falkenstein gefangenen Brüder an die Gemeinschaft in Mähren, 1540. Ich interessiere mich besonders für Briefe von Jakob Hutter (nach dem die Hutterische Kirche benannt ist), und dieser Codex enthält vier. Es gibt auch ein Zeugnis von Jörg Rack: Bei seinem Verhör vor seiner Hinrichtung 1561 wurde er gefragt, wer ihn überzeugt habe, sich der „Sekte“ anzuschließen. Er antwortete: „Bevor er zu diesem Glauben kam, hörte er, dass ein Mann namens Jakob Hutter in Innsbruck bei lebendigem Leibe verbrannt worden war; als dieser nach Innsbruck geführt wurde, war er geknebelt, damit niemand hören konnte, wie er die Wahrheit bezeugte.“

Ich sitze in einem Lesesaal der Universität Wien und suche nach neuen Informationen über Jakob Hutter und seine Frau Katharina für ein Buch, an dem ich gerade arbeite. Aber ich nutze die Gelegenheit, um so viel Material wie möglich über die Hutterer zu sammeln. Ich habe auch viele Stunden im Mährischen Staatsarchiv in Brno (Brünn), Tschechien, und im Staatsarchiv in Bratislava, Slowakei, verbracht. Ich habe viele hutterische Codices aus den Jahren 1570 bis 1650 durchgesehen, die solche Briefe sowie Glaubenserklärungen und Traktate über die Taufe enthalten. Es gibt auch Lieder, die von den Gefangenen geschrieben wurden. Einige beschreiben ihre Gefangennahme und Kerkerhaft, während andere Ausdruck ihres Gottvertrauens sind. Viele sind so geschrieben, dass der Name des Autors entsteht, wenn man den jeweils ersten Buchstaben jeder Strophe zusammensetzt.

Vielleicht am faszinierendsten sind die „Denkbüchl“ und „Märtyrerbücher“ – Sammlungen von Geschichten derer, die als Märtyrer für ihren Glauben starben, und chronologische Berichte über die Ereignisse der Gemeinschaften in Mähren (der heutigen Tschechischen Republik), wo die Gemeinden im 16. und 17. Jahrhundert aufblühten. Die Bücher wurden von den Mitgliedern der hutterischen Gemeinden abgeschrieben und waren ihnen sehr wertvoll. Aber als sie durch Verfolgungen gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen, wurden die Bücher beschlagnahmt. Viele wurden wahrscheinlich zerstört. Die Hutterer konnten einige aufbewahren, der Rest ist in Bibliotheken und Archiven in ganz Europa verstreut.

In den letzten zehn Monaten war ich in unserer kleinen Bruderhofgemeinschaft in Retz und dem nahegelegenen Dorf Unternalb, nördlich von Wien, ganz nah an der tschechischen Grenze, stationiert. Ich finde es aufregend, dass wir eine Gemeinschaft in der Gegend haben, wo unsere spirituellen Vorfahren vor fast fünfhundert Jahren gelebt haben.

Was vielleicht noch inspirierender ist, ist die Tatsache, dass es Menschen in Österreich gibt, die mit Schrecken erkennen, dass in früheren Jahrhunderten Männer und Frauen für ihren Glauben getötet wurden. Es ist keine große Bewegung, aber in vielen Städten im ganzen Land arbeiten Menschen hart daran, Unrecht der Vergangenheit anzuerkennen und sogar Wege zu finden, um Buße zu tun.

In Tirol hat der „Hutterer Arbeitskreis“ Gedenktafeln an Orten aufgestellt, an denen Menschen inhaftiert oder hingerichtet wurden. In Innsbruck, der Hinrichtungsstätte von Jakob Hutter, haben sie einen „Hutterpark“ angelegt, der aus einem Kreis von zwölf Steinen besteht. Die Steine stehen als Symbol für Gemeinschaft und spielen auf den Vers aus Sacharja an: „Sie werden sein wie die Steine einer Krone“ (9,16).

Der Hutterpark in InnsbruckDer „Hutterpark“ in Innsbruck, wo Jakob Hutter hingerichtet wurde. Foto von der Autorin.

In Wien befindet sich eine Gedenktafel an der Stelle, an der Balthasar Hubmair 1526 hingerichtet wurde. In Linz bemüht sich eine Pfingstgemeinde darum, mehr über die siebzig Männer und Frauen zu erfahren, die dort um 1529 hingerichtet wurden, und ich habe eine Frau getroffen, die die Geschichten der in Salzburg Hingerichteten gründlich recherchiert hat. Ein Besucher unserer kleinen Gemeinde hier hat uns eine deutschsprachige Bibel aus dem sechzehnten Jahrhundert gezeigt, die er erhalten hatte, und bei der er sich sicher war, dass sie von Täufern benutzt wurde.

Und in Falkenstein, der Ruine einer Burg, in der 150 Menschen gefangen gehalten wurden, gibt es ein Museum mit Exponaten, die die Geschichte erzählen. Die Gefangenen mussten 1540 nach Triest marschieren, um zu Galeerensklaven zu werden; zur Erinnerung daran ist inmitten der Burgruine eine nachgebaute Galeere ausgestellt. Diese letzte Ausstellung bewegt mich besonders. Mein verstorbener Mann, Jakob, hatte von der Eröffnung gelesen und wir hatten den Zeitungsausschnitt immer an unserer Wand hängen.

Eine ökumenische Gruppe, die sich „Runder Tisch: Weg der Versöhnung“ nennt, sieht es als ihre Berufung an, sich für die Heilung der Spaltungen innerhalb der Christenheit einzusetzen:

Die Spaltung der Christenheit ist eine himmelschreiende Sünde – ein Verrat an der Liebe Gottes! … Warum leiden wir so wenig an der Spaltung? Wo ist unsere Scham, wo sind unsere Tränen? Die Uneinigkeit der Christen ist eine Katastrophe … Wir müssen uns eingestehen: Die Geschichte der Spaltungen und die Religionskriege haben das Christentum lächerlich gemacht, verachtenswert und unglaubwürdig …
Große Verbrechen gegen die Einheit, wie die unzähligen Unterdrückungen, Verfolgungen und Bluttaten können nur durch immer wieder stattfindende Bekenntnisse und Vergebungsbitten der „Heilung der Erinnerung“ zugeführt werden. … Erst wenn wir die Schuld bekennen, ist ein tiefgehender Fortschritt im zukünftigen Miteinander möglich, sowohl in der geistlichen, wie in der irdischen Welt. (Zitat gekürzt) [1]

In diesem Sinne lernen die Mitglieder des Runden Tisches so viel wie möglich über die Verfolgung der Täufer während der Reformation, mit dem Wunsch, für die Sünden ihres Landes und ihrer Kirche (sowohl katholisch als auch lutherisch) Buße zu tun. Es geht nicht darum, theologische Differenzen wieder aufzugreifen – die doch nur wieder trennend zwischen uns treten würden.

Persönlich muss ich zugeben, dass ich viele Vorbehalte gegenüber der römisch-katholischen Kirche habe, vor allem in theologischen Fragen. Aber ich habe hier in Österreich viele Männer und Frauen getroffen, die Jesus lieben und ihren Glauben ernst nehmen. Gott ist mit Sicherheit viel größer als unsere Ideen und Traditionen. Unsere täuferische Gemeinschaft hat hier im katholischen Österreich ein Zuhause gefunden, und ich kann darüber nur staunen.

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Über den Autor

Emmy Maendel

Emmy Maendel

Emmy Maendel, eine Autorin mit besonderem Interesse an der Geschichte des Bruderhofs, schreibt regelmäßig für diesen Blog...

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