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Dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält

24. Dezember 2020 von

Es ist einsam in meinem Backsteinhaus, als ich aus dem Hospiz nach Hause komme. Nach einem langen Tag trage ich einen Wust von Eindrücken in mir, und ich brauche Zeit und Einsamkeit, um meinen Geist und mein Herz zu entwirren. Ich sehne mich nach fröhlicher Gesellschaft, aber durch den COVID-Lockdown sind wir alle allein. Isoliert voneinander. Eingesperrt mit unseren eigenen Herausforderungen und Ängsten, Hoffnungen und Träumen.

Auf meiner Fensterbank ist ein Bild eines Futtertroges aus rauem Holz, der mit grobem Heu gefüllt ist. Einige schlaffe und zerfetzte Lumpen liegen im Heu. Der Boden ist voller Mist. Ich kann mir vorstellen, wie der Geruch von Dung in der nächtlichen Kälte aufsteigt. Aber meine Augen werden von der Krippe angezogen, die von reinstem Licht erhellt wird. Gott selbst, seiner himmlischen Herrlichkeit entkleidet, wurde einer von uns. Er war hier. Er weiß, er versteht.

HCEmbedFoto von Gino Santa Maria

Ich erkenne die Szene wieder. Ich komme gerade von dort. Natürlich nicht wirklich – aber in gewisser Weise schon. Die Rohheit fällt mir wegen ihrer krassen Einfachheit ins Auge, aber es gibt etwas noch Vertrauteres daran: die Einsamkeit.

Wie viele von uns halten inne, um an die Einsamkeit der Krippe und an die des Kreuzes zu denken? Keiner von uns weiß, wie die Geburt Christi wirklich stattgefunden hat, aber wir wissen, dass es keinen Platz für ihn gab: „... es war kein Platz für sie in der Herberge“ (Lukas 2,7). Ich habe diese Worte von Kindheit an gehört, aber erst jetzt fange ich wirklich an zu begreifen, wie sehr das weh getan haben muss. Nur in der Gesellschaft von Engeln und niederen Geschöpfen, hat der Herr des Himmels und der Erde seinen Einzug in unsere Welt gehalten.

Da COVID in unserer Gegend wütet, ist es unseren Patienten nicht einmal vergönnt, sich ein Bild an die Wand zu hängen, um ihre letzten Tage zu verschönern. Es gibt in den Zimmern keine vertrauten Gegenstände, die Menschen normalerweise ins Hospiz mitbringen, um ihren Übergang von dieser Welt in die nächste zu erleichtern. Besuche wurden auf ein absolutes Minimum reduziert. „Infektionskontrolle“ ist der Modus Operandi, der jetzt alles bestimmt. Und so befinde ich mich allein am Bett meiner sterbenden Patienten, ohne eine Blume oder ein Foto, um den Raum eine freundliche Note zu verleihen.

Auf meiner Station gibt es mehrere Patienten, bei denen der Prozess des Sterbens begonnen hat. Einen von ihnen kenne ich gut. Man könnte sich fast freuen, dass er endlich stirbt; das Leben ist für ihn in letzter Zeit zur Hölle geworden, ein Bein ist amputiert, das andere verfault unter großem Schmerz an seinem Körper. Er hat Schmerzmittel bekommen und ist jetzt ruhig, aber mit blutet das Herz. ihn so alleine in einem abgedunkelten und leeren Raum liegen zu sehen, während seine Lebenskraft langsam versiegt. Ich schalte die Nachttischlampe ein und ziehe einen Stuhl heran, um mich neben ihn zu setzen. Sanft streichle ich sein Haar, erinnere ihn daran, wer ich bin, und wache an seiner Seite. Seine Hand liegt kraftlos auf dem Laken, und ich berühre seinen Arm von Zeit zu Zeit, während ich leise beruhigende Schlaf- und Weihnachtslieder singe. Ich soll eigentlich nicht singen, aber da ich eine Maske trage und sonst niemand im Raum ist, sehe ich nicht ein, warum ich nicht vor mich hin summen sollte. Er liegt sowieso im Sterben. Und ihm wurde alles weggenommen.

Eine sterbende Seele sehnt sich nach menschlichem Kontakt. Ich weiß das, weil ich merke, wie diese Menschen sanft reagieren, wenn ich an ihrer Seite sitze und ihre Hände in meine nehme.

Seine Augen flackern leicht. Er kann sich nicht mehr bewegen. Wären da nicht die stoßweisen Atemzüge, könnte man meinen, er sei bereits tot. Ich fange an, leise „In der Stadt von König David“ zu summen. Zu meiner Überraschung kommt ein rasselnder Ton aus seiner Kehle. Er kennt dieses Lied. Und er will mir sagen, dass er es hört. Also frage ich ihn: „Sie kennen das Lied, nicht wahr?“ Wieder räuspert er sich. „Sie sollten beruhigt sein und sich ausruhen“, sage ich ihm, „und werde leise für Sie singen.“ Eine Stunde vergeht. Wir sind allein. Die Krankenschwestern wuseln in anderen Zimmern herum und kümmern sich um Patienten, denen es noch besser geht. Aber mein sterbender Patient hat die Welt materieller Nahrung und körperlicher Funktionen hinter sich gelassen. Seine Organe versagen und er braucht nichts als den Trost und die Beruhigung einer anderen menschlichen Seele, die betend mit ihm das Tal des Schattens durchschreitet. Ich spüre die Anwesenheit von Engeln im Raum. Wir sind in Frieden eingehüllt. Die Zeiten, in denen sein Atem aussetzt, werden länger. Die Anzahl der Atemzüge zwischendurch wird geringer. Es wird nicht mehr lange dauern.

Es gibt ein Geräusch an der Tür, als sein Sohn den Raum betritt. Er tritt weinend an die Seite seines Vaters. Er verflucht einen Gott, von dem er sagt, dass er nicht an ihn glaubt. „Was für ein Gott würde meinen Vater so bestrafen?“, will er wissen. Es ist gerade zehn Jahre her, erzählt er mir, dass seine Mutter in diesem Hospiz qualvoll an Krebs starb. „Lassen Sie sich von niemandem erzählen, dass der Tod friedlich ist!“, erklärt er. „Es ist eine Lüge.“ Er hat mir bereits gesagt, dass er nicht an etwas nach dem Tod glaubt. „Wenn wir unseren letzten Atemzug getan haben, sind wir Futter für die Würmer“, vertraute er einmal mit tiefer Bitterkeit in seiner Stimme an. „Ich kann mit Ihnen nicht über die menschliche Seele reden“, sagte er. „Für mich gibt es so etwas nicht.“ Seine Worte hängen wie eine dunkle Wolke im Raum. Ich betrachte den zermarterten Körper meines Patienten und kann den Schmerz des Sohnes nicht lindern, außer durch meine Gegenwart und mein stilles Gebet: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Dass ich liebe, wo man hasst. Dass ich verbinde, wo Streit ist. Dass ich Glauben bringe, wo Zweifel ist. Dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält!“ Plötzlich dringt das Bild von Christus in Gethsemane in meinen Verstand und mein Herz, und ich denke: „Für Seelen wie diese hast du Blut geschwitzt.“

Mich schaudert es, wenn ich daran denke, wie schwer das Gewicht unserer Sünden gewesen sein muss – der Unglaube, die Ablehnung und die Herzenskälte, die Jesus für uns ertragen hat. Einsam, wie die Kälte der Krippe. Und doch ist in ihm die Macht, alle Herzen wiederherzustellen, egal wie verletzt, wie wütend.

Zurück in meiner kleinen Wohnung zünde ich eine Kerze in meinem Fenster an. Sie verkündet meine Hoffnung. Von Glaube, Licht und Liebe. Gottes Verheißungen werden sich erfüllen, denn Jesus wurde geboren!

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Über den Autor

Rebekah Domer

Rebekah Domer

Seit Rebekah auf dem Woodcrest Bruderhof in New York aufgewachsen ist, hat das Leben sie zu vielen verschiedenen Aufgaben...

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