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Ruandas verborgene Geschichte

28. März 2019 von

Margret Burleson und einige andere Bruderhof-Mitglieder arbeiten seit Januar mit World Relief ehrenamtlich in Ruanda. Sie erzählt einige ihrer Eindrücke aus den ersten Wochen:

Gruppe von World-Relief-Freiwilligen sitzen in einem Land Rover in Ruanda

Es war in der Enge unseres Land Rover, dass ich zum ersten Mal einen Hinweis auf diese verborgene Geschichte bekam. Ich saß zusammen mit sieben anderen Leuten hinten auf den Rückbänken, eingehüllt in eine Wolke aus rotem ruandischem Staub und versuchte, die „afrikanische Massage“ zu genießen, die die unbefestigte, ausgewaschene und mit Schlaglöchern übersäte Straßen denjenigen verpassen, die in motorisierten Fahrzeugen auf ihnen fahren.

Ruanda. Diese wunderschöne Landschaft hat die Assoziation von Blut und Gewalt, die der Name hervorruft, nicht verdient, aber gleichzeitig ist die grausame Geschichte schwer zu ignorieren. Jedes Dorf scheint ein Völkermord-Denkmal zu haben, oft in Kirchen, in denen Menschen auf der Flucht massakriert wurden. Die Zahlen überwältigen mich - mehr als 250.000 im Kigali-Denkmal, 38.000 in der ersten Gedenkstätte, die wir auf unserem Weg ins Land passierten, 45.000 im nächsten Dorf. Aber es gibt auch hier eine verborgene Geschichte, eine Geschichte, die sich nicht entfalten wird, wenn man versucht, sie ans Licht zu ziehen. Es braucht Geduld, ein langsames Aufbauen von Vertrauen und Respekt. Es ist Ruandas Geschichte der Vergebung.

Unsere ruandischen Kollegen diskutierten über eine Spargruppe, die sie zwei Wochen zuvor besucht hatten. Jetzt waren wir auf dem Weg, eine andere solche Gruppe zu besuchen.

Aber auch hier gibt es eine verborgene Geschichte. Es ist Ruandas Geschichte der Vergebung.

„Ich weiß nicht, wie sie das machen", sagte sie. „Diese Dame - ihr Mann und alle ihre Kinder wurden von diesem jungen Mann getötet, und er hat ihr eine Hand abgehackt. Wir waren in der Spargruppe, und da waren sie beide und saßen direkt nebeneinander. Sie sagte, sie habe ihm vergeben, und jetzt sei er ihr bester Freund. Er sagte uns, dass er direkt neben sie gezogen sei, damit er ihr bei der Hausarbeit helfen könne, die sie wegen ihrer fehlenden Hand nicht bewältigen könne. Ich glaube nicht, dass ich jemals so leben könnte!"

Wir versuchten, uns in die Rolle dieser Frau zu versetzen. Versuchten uns vorzustellen, welche Schuld auf diesem Mann lasten musste. Dann sagte jemand: „Ich glaube nicht, dass sie es allein geschafft hätte. Es wäre verrückt gewesen, wenn sie das alleine gemacht hätte! Aber wenn Jesus in dir lebt, dann kann Jesus vergeben.“ Ein Murmeln der Zustimmung ging durch das Fahrzeug. Ja, mit Jesus sind alle Dinge möglich.

Und dann endete dieser Moment mit einem Ruck, der alle übereinander und in ein Ende des Fahrzeugs katapultierte. Als wir uns wieder entknotet hatten, erklärte einer der Ruander: „Das nennen wir eine volle amerikanische Massage!“

Unser Ziel war eine staubige Straße mit etwa sechs Häusern auf jeder Seite. Die Spargruppe traf sich in einem aus Lehmziegeln gebauten Haus mit einem quadratischen Fenster, das in eine der Wände geschnitten war. Es war kein Glas im Fenster, und es schien auch keine Fensterläden zu geben. Die Tür war ein Vorhang, der im Wind wehte. Wir setzten uns auf die rauen Bänke, die in einem Kreis im Raum standen. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, aus Holzresten gezimmerter Tisch. Auf dem Tisch stand eine rostige Metallbox, deren Deckel offen war, und in der einige dünne Geldbeutel lagen. Als alle Platz genommen hatten, lehnte sich der Präsident der Spargruppe nach vorne, eröffnete die Versammlung und bat die Mitglieder, zunächst alles von ihren Krediten zurückzuzahlen, was sie konnten. Ich beobachtete, wie Hände in Taschen oder Geldgürteln herumfummelten, um Münzen oder vorsichtig gefaltetes, aber langsam zerfallendes Papiergeld herauszuholen. Der Plastikeimer ging herum, und jeder bezahlte alles, was er konnte, zurück. Ein alter Mann, dessen Gesicht von Arbeit und Sorgen gezeichnet war, bat um Stundung. Er war in dieser Woche nicht in der Lage gewesen, etwas zur Seite zu legen.

Zusammenkunft von Personen, die Mitglied einer Spargruppe in Ruanda sind

Als nächstes erhielt jedes Mitglied die Möglichkeit, Anteile zu kaufen. Wieder ging der Eimer herum. Alte Frauenhände, die zwei Cent geben. Hände junger Bauern, die fünf Cent hineinlegen. Einer konnte fünfzehn geben. Dann Stille. Ein Mann griff in die Tasche seiner staubigen, abgewetzten Hose und zog einen Brief von einem Mitglied ihrer Gruppe heraus – eine Frau, die um einen Kredit bat, um ihr Haus fertig zu bauen. Das Geld im Eimer wurde gezählt und dann noch einmal gezählt. Es war nicht genug für das angeforderte Darlehen, aber nach einer stillen Befragung und der nickenden Zustimmung der Gruppe waren sie sich einig, das gesamte Geld, dass sie mit so viel Sorgfalt gesammelt hatten, der Hausbauerin zu geben: 50 Dollar.

Dann eröffnete der Präsident die Sitzung für Fragen von uns.

Der erste unserer Gruppe lehnte sich nach vorne. „Ihr nehmt an der Spargruppe teil. Ich frage mich, für welche anderen Projekte ihr eure Mittel noch einsetzt?“ Wir warteten, während unser Übersetzer die Frage vermittelte.

Kannst du damit zufrieden sein, dass deine Tochter nur die Grundschule besuchen kann, wenn du weißt, dass du sie mit fünfzig Cent mehr pro Jahr auf eine weiterführende Schule schicken kannst?

Eine Frau, die wie Ende fünfzig aussah, berichtete, wie sie genug Geld sparen konnte, um ihre Tochter auf die weiterführende Schule zu schicken. Ihr Traum ist es, in der Gruppe weiterzumachen und schließlich ihre Tochter aufs College zu schicken. Ein älterer Mann erzählte, dass sein Haus bei jedem Regen durchnässt wurde. Er sparte zwei Runden lang und hatte dann genug, um sein Dach zu reparieren. Ein junger Mann sagte, dass er den anderen zunächst nicht getraut hatte, als er in der Spargruppe anfing. Aber als er sah, wie sie Geld sparen konnten und wie ehrlich sie waren, begann er, mehr daran teilzunehmen. Durch die Einsparungen konnte er einen Führerschein machen und arbeitet nun auf den Kauf eines Motorrads hin. Sein Traum ist es, Taxifahrer zu werden. Schließlich lehnte sich die Frau, die an diesem Tag den Kredit erhalten hatte, nach vorne. Auch ohne Übersetzung war der Stolz in ihrer Stimme offensichtlich. Bevor sie sich der Spargemeinschaft anschloss, hatte sie in einer winzigen Lehmhütte gelebt. Aber jetzt arbeitet sie am Bau eines Hauses. Es ist ein schönes Haus – sogar mit Fensteröffnungen in der Wand, und das Dach wird sechzehn Stück Blech benötigen! Es gab ein Raunen von Anerkennung und Beglückwünschung. Es war klar, dass Erfolg für einen von ihnen Erfolg für sie alle bedeutete.

Die Stimmung auf der Heimfahrt entlang der holprigen Nebenstraßen war nachdenklich als wir verarbeiteten, was wir gesehen und gehört hatten. Ein Mitglied unseres Teams gestand, dass sie Armut immer als eine relative Sache betrachtet hatte. Wenn du arm aufwächst, und deine Eltern auch, und die Eltern deiner Eltern, dann ist es nicht so schlimm. Du weißt es nicht besser, also bist du wahrscheinlich ganz glücklich. Aber die Geschichten, die wir an diesem Nachmittag gehört hatten, widersprachen ihren Ideen aus der „Ersten Welt“. Wie kannst du glücklich sein, wenn deine Sachen bei jedem Regen durchnässt werden? Kannst du damit zufrieden sein, dass deine Tochter nur die Grundschule besuchen kann, wenn du weißt, dass du sie mit fünfzig Cent mehr pro Jahr auf eine weiterführende Schule schicken kannst?

Als wir auf die Asphaltstraße kamen, fragte einer unserer Freunde uns drei vom Bruderhof: „Kannst ihr singen? Nur ein Lied?“

Es ist hier in unserer Gruppe von World-Relief-Ehrenamtlichen zu einem Witz geworden – Ruanda ist das Land der tausend Hügel, aber der Bruderhof ist das Land der tausend Lieder. Also sangen wir: „Lift up your hearts, lift them high up to the Lord. A light to the nations, dispel our night. Your love will find our hearts are blind, come bring a new light.“ Beim Refrain sangen unsere ruandischen Freunde mit.

Wir sangen den ganzen Weg zurück nach Kigali. Das Singen war gut, erfüllt von Gebet und Hoffnung und Dankbarkeit für das ruandische Volk und die Lektionen, die es uns heute beigebracht hatte, sowie die Erwartung auf das, was wir in den kommenden Wochen lernen können.

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