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Was die ersten Christen über Abtreibung gedacht haben

7. Juni 2018 von

a baby asleep in a onesie
Fotografie von Darius Clement

Am 26. Mai dieses Jahres stimmten in Irland 66% der Wähler dafür, den achten Zusatzartikel der Verfassung zu streichen, der dem ungeborenen Kind das gleiche Recht auf Leben zusprach wie der Mutter. Der irische Ministerpräsident Leo Varadkar meinte, das Referendum sei „der Tag, an dem Irland aus dem letzten Schatten heraus ins Licht“ getreten sei.

Ich stimme nicht zu. Es war ein trauriger Tag für Irland, nicht nur weil das Land sich dafür entschieden hat, Abtreibungen zu legalisieren, sondern vor allem weil Christen in Irland dem zugestimmt haben – 86% der Bevölkerung sind christlich. Das Leben eines Babys im Leib seiner Mutter zu beenden ist falsch, aber wenn so viele Christen heutzutage das unterstützen, was die ersten Christen ganz eindeutig als Mord ansahen, dann ist das besonders gewissenlos. Der Apologet Tertullian schrieb: „Wir aber dürfen, da der Mord uns ein für allemal verboten ist, auch den Fötus im Mutterleibe nicht zerstören. Die Geburt verhindern ist nur eine Beschleunigung des Mordes, und es verschlägt nichts, ob man ein schon geborenes Leben entreißt oder ein in der Geburt begriffenes zerstört.“ Diese Klarheit haben wir verloren.

Ein englischer Nachrichtensprecher interviewte kürzlich eine Irin, die in der „Nein“-Kampagne gegen die Legalisierung von Abtreibung gekämpft hatte. Der Sprecher fragte sie: „Haben sich nicht die Grundlagen geändert, oder hat sich nicht der Glauben der Leute an die Grundlagen geändert“? Die Aktivistin antwortete: „Die grundlegende Angelegenheit ist die Tötung eines Babys, und die ‚Ja‘-Kampagne wollte nicht, dass diese Angelegenheit thematisiert wird.“

Es ist unerheblich, was die Leute heute über „die Grundlagen“ denken. Die ganze Geschichte hindurch haben sich kulturelle Vorstellung von Moral dauernd verändert. Aber Gott und seine Gebote – die wirklichen Grundlagen – werden sich nie ändern. Der Autor des Hebräerbriefes schrieb: „Jesus Christus ist und bleibt derselbe, gestern, heute und für immer.“ (Hebr. 13,8) Und Jesus selbst sagte zu seinen Jüngern: „Diese Welt würde euch lieben, wenn ihr zu ihr gehören würdet. Doch ihr gehört nicht mehr dazu. Ich selbst habe euch erwählt und aus der Welt herausgerufen. Darum hasst sie euch.“ (Joh 15,19) Deswegen war die wahre Kirche immer eine Gegenkultur, und sie wird es immer sein. Ein Evangelium, das keinen Widerspruch hervorruft, ist kein Evangelium. Die frühe Kirche verstand das besser als spätere Christen. Heute machen die meisten Kirchen bei den „Grundlagen“ einen Kompromiss nach dem anderen und biedern sich einem Zeitgeist an, der Gott entgegensteht.

Eberhard Arnold, einer der Gründer des Bruderhofs, sprach in einer Gemeindeversammlung im März 1935 über dieses Problem:

„Das apostolische Wort verweist immer wieder darauf, dass wir in der Martyriums- und Kreuzesgemeinschaft mit Christus stehen, denn der jetzt herrschende Zeitgeist kann den Geist der Zukunft Christi nicht dulden. Wohl kann er es dulden und sieht es gern, wenn wir ein wenig von dem Zukunftsgeist vertreten wollen, gleichzeitig aber auch die Zeit denen geben, die ein wenig Zugeständnisse machen. Solche Mischung ist dem Zeitgeist sehr erwünscht, denn auch der heidnische Staat wünscht eine Mischung mit dem christlichen Geist aufzuweisen. Auch eine hochkapitalistische Unternehmung möchte ein bisschen christlichen Geist aufweisen. Auch Häuser, die der Unreinheit dienen, wollen ein etwas christliches Gewand aufweisen. Auch betrügerische Unternehmungen aller Art wünschen ein wenig Christentum, ein wenig Wahrheit zu haben. Auch die Träger der Waffen wünschen ein wenig christliche Liebe zu erweisen. Sie lieben die Vermischung.“

In unserer Gesellschaft werden Frauen oft in sehr schwierigen Situationen alleingelassen, und es wird fast unmöglich für sie, sich um ein Baby zu kümmern. Gerechtigkeit für das ungeborene Kind muss mit einem tätigen Mitgefühl für die Mutter einhergehen. Wo ist dieses Mitgefühl? Eine meiner Freundinnen arbeitete in einem Krankenhaus, wo eine Frau eine Abtreibung hatte, weil das Kind Down Syndrom hatte und sie damit alleine nicht fertigwerden konnte. Die Tatsache, dass diese Frau sich gezwungen fühlte, zwischen ihrem Leben und dem Leben ihres Kindes zu wählen, ist schrecklich – keine Mutter sollte mit dieser Wahl konfrontiert werden. Aber Geschichten wie diese sind alltäglich. Wir leben in einer Gesellschaft, die helfen könnte, aber nicht helfen will.

Gerechtigkeit für das ungeborene Kind muss mit einem tätigen Mitgefühl für die Mutter einhergehen.

Ich weiß, dass meine Wut angesichts des Unrechts, das ungeborenen Kindern angetan wird, nicht zur Lösung irgendeines Problems beiträgt. Und ich gebe auch zu, dass ich erst dann eine Ehrfurcht für alles menschliche Leben entwickeln konnte, nachdem Jesus mein egoistisches Leben vollkommen umgekrempelt hatte. Bevor ich Christin wurde, fand ich Kinder einfach lästig, sie standen meinem Spaß im Weg.

Die ersten Christen lebten in einer Gesellschaft, die genauso egoistisch war wie unsere Gesellschaft heute, voller Leuten wie ich es war. Diese frühen Christen waren nicht nur gegen Abtreibung und Kindstötung, sondern sie halfen auch, die Not zu lindern, indem sie ausgesetzten Babys ein liebevolles Zuhause boten. Tertullian meinte: „Die Mittel der Kirche stehen zur Verfügung, um mittel- und elternlose Kinder zu versorgen.“

Auch heute gibt es Netzwerke christlicher Familien, Gemeinschaften und Organisationen, die Frauen die Unterstützung anbieten, die sie brauchen, um nicht abtreiben zu müssen. Die Schwestern des Lebens, ein katholischer Orden, helfen werdenden Müttern und ihren Babys. Ihr Leitspruch ist: „Unser Leben dafür geben, dass andere leben können.“ In England ermutigt die Organisation Home for Good (zu Deutsch etwa: „Endlich zu Hause“) christliche Familien dazu, Kinder zu adoptieren, die ein liebevolles Zuhause brauchen. In Deutschland gibt es Organisationen wie 1000plus, die Frauen beistehen, für die ihre Schwangerschaft einen Konflikt bedeutet. Eberhard und Emmy Arnold, gründeten die die Bruderhofgemeinschaft als ein kleines Zeugnis der Tatsache, dass es möglich ist, zusammenzuleben und sich umeinander zu kümmern, so wie die ersten Christen es taten.

Gottes Revolution der Liebe und Selbstlosigkeit muss in den Gemeinden anfangen. Irland mag seine Abtreibungsgesetzgebung ändern, aber Gottes Gebote ändern sich nicht. Jesus sagte: „Lasst die Kinder zu mir kommen und haltet sie nicht zurück, denn Menschen wie ihnen gehört Gottes himmlisches Reich.“ (Mt. 19,14) Anstatt alles willkommen zu heißen, was sich Fortschritt nennt, sollten wir Christen uns auf unsere wahren Grundlagen besinnen.

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  • Danke für Euren ausgedrückten ausdrücklichen und eindrücklichen Glauben

    Hubertus Benecke