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Der Tag, an dem ich einen Kämpfer singen hörte

9. Januar 2020 von

Ich habe immer Zeit unter freiem Himmel gebraucht. Ein großer Himmel, nicht von Gebäuden eingerahmt, die sich den Platz in der Bläue streitig machen. Ich liebe es, weit sehen zu können, bis dorthin, wo der Boden den Himmel berührt. Ich liebe es, durch Wälder mit hohen, hohen Bäumen zu gehen, Wächter des Waldes, die die Stürme der Jahre überstanden haben. Ich liebe es, wie jeder Baumstamm direkt zum Himmel zeigt. Ich liebe den Baum, der fällt – wie er langsam wieder Teil der Erde wird. Ich liebe den Tanz von Sonnenlicht und Schatten auf dem Waldboden und wie die Schatten auf dem Wasser und den Steinen in einem Bachbett spielen. Ich liebe die Musik der Dunkelheit im Sommer, der Sonnenuntergänge und Sterne, das Gerede der Eulen und die beunruhigenden Rufe von Kojoten auf der Wiese vor meinem Fenster. Ich liebe es, barfuß im Regen auf einer von der Sonne aufgeheizten Straße zu laufen, ohne mir über den Schmutz der städtischen Gehwege Sorgen zu machen.

Ich dachte an all diese Dinge und alles andere, was ich am Leben auf dem Land vermisse, als ich eines Tages auf dem Weg zur Arbeit eine viel befahrene Straße in Durham, North Carolina, entlang ging. Das war der Tag, an dem ich Sloan singen hörte.

Silhouette der Bäume, Tamim Khan

Sloan hätte vor langer Zeit sterben sollen, und zwar viele Male, laut einigen Ärzten, die ihn in den letzten zweiunddreißig Jahren behandelt haben. Als Sloan dreieinhalb Wochen alt war, wurde er von einer Frau namens Suzanne adoptiert und das war der Beginn seiner Reise in das Herz einer Mutter, die an ihn glauben würde – einer Mutter, die die Schönheit und Tiefe seiner Seele in seinem verkrüppelten Körper erkannte.

In den ersten neun Monaten von Sloans Leben kämpfte Suzanne einen frustrierenden Kampf, um medizinische Hilfe für ihn zu finden. Sie wurde von Ärzten als „ältere neue Adoptivmutter“ etikettiert und unzählige Male nach Hause geschickt, wobei man ihr sagte, dass alles in Ordnung sei. Aber Suzanne war sich sicher, dass Sloan litt.

Endlich erfuhr sie seine Geschichte. In der achtundzwanzigsten Schwangerschaftswoche hatte ein junges Mädchen versucht, ihr Baby abzutreiben. Als Sloan zwei Monate zu früh geboren wurde, ließ seine Mutter ihn im Krankenhaus zurück.

Suzanne wusste, dass Sloan für ihre Familie bestimmt war. Als es offensichtlich wurde, dass er große medizinische Probleme hatte, wurde ihr gesagt, dass sie ihn zurückgeben könnte, und ihr Herz schrie auf. Wohin zurückgeben? Sloan war jetzt ihr Kind – ihr Kämpfer. Er wurde der Bedeutung seines Namens gerecht. Auf eine Weise, die sie für unmöglich gehalten hätte, brachte er Sinn in ihr Leben.

Obwohl Sloan völlig von anderen abhängig war, die sich um ihn kümmern, öffneten die Leute, wie Suzanne beobachtete, ihre Herzen für die Freude und Weisheit, die er zu geben hatte. Ohne ein Wort sagen zu können, schloss Sloan tiefe Freundschaften, und diejenigen, die ihm am nächsten stehen, fühlen sich durch das Wunder seines Seins gesegnet.

Ich werde nie vergessen, wie ich herausfand, dass Sloan blind ist. Wunderschöne braune blinde Augen. Ich war erstaunt und schockiert, dass ich ihn seit Monaten gekannt und es nie bemerkt hatte. Ich fragte mich, was ich noch alles verpasst hatte. Dann kam der Tag, an dem ich ihn singen hörte. Ich hörte seine Stimme durch die Gitarre und die anderen Stimmen hindurch. Sein Gesicht wurde zum Himmel erhoben und ich fühlte mich, als würde ich einen Blick auf seine Seele erhaschen.

Ich werde mich immer nach freien Himmel sehnen, aber ich war froh, dass ich anwesend war, um Sloans wortloses Lied zu hören und zu erleben, wie es mein blindes Herz öffnete.

Auf dem Rückweg zu meinem Haus am Ende dieses Tages dachte ich an all die Momente, die ich verpasst hätte, wenn ich nicht hier gewesen wäre. Seit ich nach Durham gezogen bin, arbeite ich ehrenamtlich bei Reality Ministries , wo Menschen mit und ohne Behinderung einen Platz haben, um Freundschaften aufzubauen und geliebt und respektiert zu werden. Ein Ort, an dem du so kommen kannst, wie du bist, und deine Freuden und Sorgen mit in die herzliche Umarmung bringen kannst, die dich erwartet. Als ich zurück durch die Straßen der Stadt ging, fühlten sie sich anders an – mehr wie zu Hause. Obwohl der Sonnenuntergang von elektrischen Leitungen in abstrakte Stücke zerschnitten wurde, war er wunderschön und hob die sich kräuselnde Rinde der Myrtenbäume hervor und beleuchtete eine grüne Pflanze, die in dem bröckelnden Zement hoch auf der Ziegelmauer eines Gebäudes wuchs.

Ich werde mich immer nach freien Himmel sehnen, aber ich war froh, dass ich anwesend war, um Sloans wortloses Lied zu hören und zu erleben, wie es mein blindes Herz öffnete.


Anita Decker lebt im Durham House, einem städtischen Bruderhof-Haus in Durham, North Carolina, USA.

 

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