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Gerechtigkeit

Mafraq: Wo sich Liebe und Dienst am Nächsten treffen

24. August 2017 von

„Mach Dir keine Sorgen wegen morgen. Gott ist schon da.“

Diese Worte sind im Haus von Danny und Rula (nicht ihre echten Namen) zu lesen, einem jungen jordanischen christlichen Ehepaar, das im Norden der Stadt Mafraq lebt.

Mafraq liegt im Norden Jordaniens, nahe der syrischen Grenze. Vor 2011 hatte es knapp über 60.000 Einwohner, aber dann kam eine Flut von Menschen, die bei Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs über die Grenze flüchteten. Seitdem hat sich die Einwohnerzahl durch den Zuzug der Flüchtenden, die meistens in Behelfsunterkünften, Lagerräumen, Garagen und Schuppen unterkommen, fast verdreifacht. 

Mit den Menschen kamen ihre Bedürfnisse: Nahrung, Kleidung, Bettzeug, Babymilch, Hilfe bei Mietzahlungen, Traumatherapie, Gesundheitskosten, Bildung und Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis sie vor der Kirche standen ¬– hunderte von Männern, Frauen und Kindern, die um Hilfe baten. Danny und Rula sahen sich, zusammen mit den anderen Gemeindemitgliedern, mit der Frage konfrontiert: Was würde Jesus tun?

Refugee children

Eine ehrenamtliche Helferin mit geflüchteten Kindern

Sie fingen an zu helfen, so gut sie konnten, und gründeten eine Stelle, wo sich Geflüchtete melden konnten, wenn sie etwas brauchten. Kurz danach fingen sie an regelmäßig Nahrungsmittel, Matratzen und Propangas zu verteilen. Nach kurzer Zeit schon halfen sie Hunderten von Familien und immer mehr Menschen flüchteten über die Grenze. Die Einwohner von Mafraq reagierten darauf, indem sie ein Bildungsprogramm ins Leben riefen, ein Fußball-Camp für syrische Kinder organisierten und Kurse für Erwachsene anboten, wo praktische Fähigkeiten zur Bewältigung des Alltags vermittelt wurden.

Dann kamen aus aller Welt Freiwillige, hunderte von ihnen, Leute, die glaubten, dass sie persönlich in dieser humanitären Krise helfen sollten.

An dieser Stelle kamen auch wir dazu. Im Februar 2016 reisten zwei von uns vom Bruderhof für einen dreimonatigen Aufenthalt nach Mafraq. Mittlerweile ist mehr als ein Jahr daraus geworden und wir sind immer noch hier und helfen bei einem Bildungsprogramm für syrische Kinder, während zwei andere Mitglieder unserer Gemeinschaft das Hilfsprogramm der örtlichen Kirche unterstützten. Die Kinder, mit denen wir arbeiten, haben ihre Heimat hinter sich gelassen, nicht aber das Grauen, das sie erlebt haben. Einige meiner Fünftklässler glauben nicht daran, dass es irgendeinen Sinn hat, zu lernen. Sie haben so viel Tod erlebt, dass sie sicher sind, dass sie sterben werden, bevor sie erwachsen sind.

Laura with refugee children

Laura mit Kindern in Mafraq

Aber die Hilfsbereitschaft der Jordanier und die Widerstandskraft und Liebe der Geflüchteten macht demütig. Während der Zeit, die wir mit ihnen verbringen, erfahren wir Gottes Wirken hautnahe. Wir spüren die gegenseitige Liebe und das Vertrauen zwischen uns und den Flüchtlingsfamilien, die allesamt moslemisch sind. Von ihnen haben wir Vergebung und Gastfreundschaft gelernt.

Ein Beispiel: Wir hatten dieses Jahr einen Unfall beim Fußballspielen, als ein Torpfosten umkippte und einen neunjährigen Jungen am Kopf traf. Wir machten uns Sorgen um das Kind. Nuschkur Allah (Gott sei Dank) war bei ihm alles okay, aber er hatte eine dicke Beule am Kopf und wir machten uns Gedanken, was die Familie wohl sagen würde.

Mit bangem Herzen rief einer der Trainer den Vater an und war zu Tränen gerührt, als der Vater unerwarteter Weise antwortete: „Sogar wenn ihr mir gesagt hättet, dass mein Sohn gestorben ist, hätte ich euch vergeben, denn ich weiß, wie sehr ihr meine beiden Söhne liebt.“

Später am Abend besuchten wir die Familie in ihrem Haus. Als wir im Schneidersitz bi ihnen auf dem Fußboden saßen und heißen Kaffee aus kleinen Tassen tranken, spürten wir ihre Gastfreundschaft. Auf unsere Frage hin, was ihre Hoffnungen für die Zukunft sei, antwortete der Vater: „Es ist nicht wichtig, ob wir ein grosses Haus haben oder nicht, wir würden gerne nach Syrien zurückkehren, wenn dort wieder Frieden ist. Wir haben mit fünfzehn Leuten zusammen in einem Zelt in einem Flüchtlingslager gelebt. Wir können mit wenig auskommen. Was wichtig ist, ist, dass wir im Frieden zusammenleben und Freude aneinander haben können.“

Und das ist es, was viele hier machen: Sie sitzen zuhause und warten darauf, dass Friede einkehrt, sie warten auf eine Chance, wieder den Unterhalt für ihre Familien verdienen zu können. Sie warten darauf, nach Syrien zurückzukehren. Einige versuchen, hier Wurzeln zu schlagen. Andere wollen auswandern. Jordanien war immer ein Ort der Zuflucht gewesen und ist zurecht für seine Gastfreundschaft und seine Großzügigkeit bekannt. Mafraq bedeutet Wegscheide, und im Leben vieler Menschen ist es genau dazu geworden. Ich bete jeden Tag dafür, dass diese Menschen hier einen guten Weg finden, der sie nach Hause führt.


Laura Johnson ist ein Mitglied des Bruderhofs. Sie lebt und arbeitet seit Februar 2016 in Mafraq, Jordanien.

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