Familie

Kinder • Erziehung • Eltern
Beziehungen • Ehe • Alte Menschen

Familie

Das Jahr der Harfe

28. Dezember 2017 von

In diesem Jahr war meine Tochter oft verschwunden. Sie war durch die Tür des Wandschranks nach Narnia gehuscht und hatte Tumnus getroffen. Oder sie war in den Kaninchenbau gefallen und hatte mit dem verrückten Hutmacher eine Tasse Tee getrunken. Und als ich sie zurückrief, damit sie zu Hause beim Geschirrspülen helfen konnte, war sie genauso übel drauf wie ich es gewesen war, als meine Mutter versucht hatte, mich aus Mittelerde wieder zurück auf den Planeten Erde zu holen, weil der Tisch gedeckt werden musste. Kinder stehen mit einem Bein in der Wirklichkeit und mit dem anderen in der Fantasiewelt ihrer Bücher. So soll es ja auch sein. Aber wie findet man hier einen Mittelweg?

Dieser Mittelweg fand uns letzten Sommer, als eine professionelle Harfenspielerin uns zu einem spontanen Outdoor-Konzert einlud. Wir saßen drei Meter vom Resonanzkörper entfernt, und als die Melodie in die Abendluft floss, wachte eine kleine Träumerin neben mir auf – und blieb wach. Als das Konzert vorbei war, rempelte sie mehrere Leute an, ohne je die Saiten aus den Augen zu verlieren. Dann wurde die Harfenspielerin einem Verhör unterzogen, was ihr aber nichts auszumachen schien. Wir gingen wie benommen nach Hause, und unsere Tochter setzte ihren Vater davon in Kenntnis, dass sie jetzt anfangen würde, Harfe zu spielen. Er schnaubte ungläubig. Er spielt sieben Instrumente, aber Harfe war nichts, woran er je gedacht hätte. Die „du-bist-erst-neun-Jahre-alt-denk-nochmal-drüber-nach“-Diskussion zog sich über ein halbes Jahr hin, aber unsere Tochter gab nicht nach.

marlys playing her harp

Dann kam Bewegung in die Angelegenheit. Ein Freund schenkte uns eine kleine gebrauchte Schoßharfe. Ein anderer Freund empfahl uns einen Lehrer, den Harfenspieler des örtlichen Symphonieorchesters. Aber auf einer Schoßharfe kommt man nicht sehr weit und man ist auf eine Tonart festgelegt. Eine Qualitätsharfe mit Pedalen kann allerdings 5000 Dollar kosten. Während wir uns darüber die Köpfe zerbrachen, reisten mein Mann und ich nach Lancaster, um bei einer Konferenz über Homeschooling einen Stand zu betreuen. (In den USA ist Homeschooling legal und sorgt auch nicht für große Erregungsstürme. Wir machen allerdings kein Homeschooling.) Aus einer fernen Ecke der Halle segelten unverwechselbar die Klänge einer Harfe über 5000 Besucher hinweg zu uns herüber. Wir gingen den Klängen nach und stießen auf den Harfenbauer Alex Marini und seine Familie, die auf einer Reihe wunderbarer Regency-Harfen Choräle spielten.

Aus Psalm 98:
Jubelt dem Herrn zu, ihr Menschen auf der Erde! Preist ihn mit Liedern, singt und jubelt laut vor Freude!
Lasst für ihn die Saiten der Harfe erklingen und erfreut den Herrn mit eurem Gesang!

Wir trafen uns beim Essen und an den Abenden nach den Veranstaltungen, und jedes Mal lernten wir ein bisschen dazu, nicht nur über den Harfenbau, sondern über die Geschichte eines Instruments, das Lob und Gebet über viele Jahrhunderte begleitet hat. Als Alex herausfand, dass mein Mann Schreiner ist, empfahl er uns, nach Plänen und Bausätzen für eine Regency-Harfe zu schauen, die nur den Bruchteil einer fertigen Harfe kosten.

Was folgte, war der Sommer der Harfe. Und es muss gesagt werden, dass der Papa, der zuerst nur abfällig geschnaubt hatte, den Löwenanteil der Arbeit erledigte. Aber jeder half mit, sei es bei der Suche nach abgelagertem Kirschholz, beim Schmirgeln (unser Dreijähriges bekam Sandpapier mit 1000er-Körnung, so dass es nicht so viel ausmachte, wie viel Energie an welcher Stelle verausgabt wurde), Leimen, Lackieren und Beizen. Oh, und das Stimmen. Es brauchte ungefähr 50 Stimmversuche, bis die Saiten den Ton gut genug hielten, um die Pedale zu montieren. Dann erklangen die ersten Weihnachtslieder in unserem Haus!

Es gibt nichts auf der Welt, das dem Klang einer Harfe gleichkäme. Nachteile? Vielleicht. Jetzt streiten sich Vater und Tochter darum, wer die Harfe spielen darf – und keiner von beiden hilft beim Abwasch!


Wer Englisch versteht, kann sich hier ansehen, wie unsere Harfe langsam entstand:

Auf YouTube ansehen.


Maureen Swinger arbeitet als Lektorin für Plough, den Verlag des Bruderhofs, wohnt auf dem Fox Hill Bruderhof mit ihrem Ehemann Jason und ihren drei Kindern.

Kommentare

Bleib in Kontakt

mit dem kostenlosen Voices Blog Newsletter!

Leseempfehlungen

Alle anzeigen

Das könnte dich auch interessieren

Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Sag uns, was du darüber denkst

Bitte benutze das Formular, um uns zu sagen, was du denkst * Kommentare werden moderiert