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Im Dunkeln sehen - über den Umgang mit den Ungewissheiten des Glaubens (Teil 3)

23. Mai 2017 von

Dieses ist der dritte Beitrag einer fünfteiligen Serie


„Gott ist nicht das Resultat logischer Schlussfolgerungen, ebenso wenig wie sich am Ende einer Diskussion der Seelenfrieden einstellt.“

-Warren Wiersbe

Von meiner Ausbildung her bin ich Philosoph. Das heißt, dass auf der Suche nach Wahrheit eine Überprüfung durch die Vernunft stattfinden muss. Etwas zu wissen bedeutet auf jeden Fall, dass der eigene Glaube nicht einfach wahr ist, sondern dass es eine vernünftige Rechtfertigung dafür gibt, an seine Wahrheit zu glauben. Das Herz mag damit zufrieden sein, etwas zu glauben und anzubeten, was es nicht vollständig begreift, aber nicht der Verstand. Glaube übersteigt zwar Wissen, aber wenn er irgendeinen Wert für uns haben soll, dann darf er nicht dem widersprechen, was wir als wahr begreifen. Eberhard Arnold beobachtete, dass „ein ungeteiltes Herz kein geteiltes Leben dulden kann.“ Kurz gesagt, wir sollen den Herrn, unseren Gott, lieben mit ganzem Herzen, Seele, Verstand und Kraft.
Aber was passiert, wenn unser Denken und unser Glauben nicht zusammenpassen? Trotzdem glauben? Zunächst mal nicht mehr glauben? Den Glauben ganz und gar über Bord werfen? Pascal schrieb:  „Wir müssen wissen, wann es Zeit ist zu Zweifeln, wann an Gesichertem festzuhalten und wann zu Gehorchen.“ Die Dynamik des Glaubens existiert in dieser Spannung – der Spannung zwischen dem, was er weiß, und dem, was er nicht versteht – und wie er mit beidem umgeht. In seinen Gedanken beschreibt Pascal, „es gibt immer genug Licht, um die Erwählten zu erleuchten und genug Dunkelheit, um sie zu demütigen.“ Kurz gesagt: Glauben bedeutet nicht Sehen, aber der Glaube ist auch nicht blind. Er erkennt, dass die Wahrheit, die er besitzt, immer noch besser verstanden und noch verbindlicher gelebt werden kann. Einem lebendigen Glauben und einer gesunden Überzeugung wohnt eine Demut inne, die von Sicherheit zeugt.
Die Ungewissheiten des Glaubens brauchen uns  nicht in Angst und Verzweiflung zu stürzen. In der Tat können die Gefahren des Zweifelns, wenn sie in Demut angenommen werden, unseren Glauben reinigen. Einer meiner Studenten schrieb einmal:

Diejenigen, die glauben, dass sie an Gott glauben,
aber ohne Leidenschaft im Herzen,
ohne Ringen mit dem Verstand,
ohne Zweifel,
ohne Verzweiflung,
die glauben nur an die Idee von Gott,
nicht an Gott selber.

Das ist mir klar geworden, als meine Frau selber in eine ernsthafte Glaubenskrise geriet. Sie war mehr als zehn Jahre lang eine ernsthafte, engagierte Christin gewesen – sehr leidenschaftlich in ihrem Glauben. Als aber einige ihrer besten Freunde versuchten, sich umzubringen, einige unserer engsten Freunde, unter ihnen auch Pfarrer, sich scheiden ließen, und dann auch noch ihre eigenen Eltern sich trennten, begann ihr Glaube, Risse zu bekommen. Warum unternahm Gott nicht irgendetwas? Warum greift er nicht ein und ändert die Dinge? Was bedeutet Gott, wenn die Leben der Menschen, die du liebst, einfach im Zerbruch enden? Warum noch glauben, warum sich bemühen zu lieben und Zeugnis zu geben über die Güte Gottes, wenn sich sowieso nie wirklich etwas ändert?
Für mehrere Jahre kam meine Frau ins Trudeln. Aber trotz aller Nöte dieser Zeit benutzte Gott die Energie des Zweifels und der Enttäuschung, um all das wegzubrennen, was sich in den Glauben meiner Frau eingeschlichen hatte. Gott wollte in ihr einen reineren Glauben hervorbringen; ein kindliches, grenzenloses und bedingungsloses Vertrauen.

a white feather floating on the surface of a dark pond

Aus seiner Güte, aus seiner „strengen Barmherzigkeit“ hatte Gott den Glauben meiner Frau niedergerissen, um Raum für das Eigentliche zu schaffen. In ihrer Sehnsucht, zu sehen, wie sich das Leben von Menschen ändert, hatte sie die Reinheit ihrer ersten Liebe unabsichtlich untergraben. Sie hatte das, was Gott tun konnte, mit dem verwechselt, was er tun würde. Gott wollte, dass sie ihn nach seinem Willen kennen lernt; dass sie ihn erkennt, wie er wirklich ist, und nicht, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Gott wollte ihren Glauben von Fremdkörpern befreien, von Vorstellungen, die ihren Blick auf den trüben mussten, der er wirklich war. Sie musste erkennen, dass ihr Glaube nicht mehr auf Gott und seinen Willen ausgerichtet gewesen war, sondern auf ihren Willen und ihre Ideen. So arbeitete Gott durch diese quälenden Zweifel in ihr, um sie zu einem reineren, weniger irreführenden Glauben zu führen. Als sie am Rande des Unglaubens war, nahm Gott das Stutzmesser des Zweifels und benutzte es, um alles Trennende zwischen ihr und ihm wegzuschneiden. Gott musste meiner Frau zeigen, dass es für sie wichtiger war, sich um ihn zu kümmern als um ihren Glauben.

Kierkegaard behauptet, dass die Reinheit des Herzens darin besteht, eine Sache zu wollen. Hierin liegt die Bedeutung des zweifelnden Glaubens. Weil Glauben selbst schon kontingent ist, muss er ständig seinen eigenen Untergang erleben. Kierkegaard erinnert uns daran, dass unsere höchste Perfektion nicht darin liegt, zu glauben, sondern Gott zu brauchen. Unser Glaube kann sich nicht mit Gottes Liebe vergleichen. Wenn wir das vergessen, ersetzen wir zu leicht die Dinge, die unseren Glauben stützen mit dem Einen, der allein unseres Vertrauens wert ist. Mag es Gründe geben oder Erfahrungen oder Erlebnisse aus der Vergangenheit oder Versprechungen für die Zukunft, wir sind in steter Gefahr, das Geschaffene für den Schöpfer einzutauschen.

C.S. Lewis bemerkte einmal: „Mein Gottesbild ist kein göttliches Bild. Es muss wieder und wieder zerbrechen. Er ist der große Bilderstürmer.“ Der Schlüssel zum Glauben liegt darin, Gott Gott sein zu lassen. Echter Glaube erkennt seine Schwäche an, das ist etwas, woran uns unser Zweifel erinnert. Wenn die Quellen der Zuversicht lediglich aus uns selbst heraus sprudeln, dann wird Gott uns zeigen, wie leer wir in Wirklichkeit sind, indem er die Götzen zerschmettert, die wir in unseren Glauben hineingeschmuggelt haben.

Glaube ist nie so echt oder so lebendig, wie wenn er durch die Prüfung seiner eigenen Schwäche geht. Das Feuer des Glaubens brennt am stärksten im Ofen der Unsicherheit. Deswegen sucht der Glaube immer wieder Neuland. „In solchem Vertrauen gehorchte Abraham, als Gott ihn rief. Er brach auf in das Land, das er als Erbbesitz bekommen sollte, und verließ seine Heimat, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.“ (Hebr. 11,8) Abrahams Mut zu Glauben und zu Vertrauen stand in direktem Zusammenhang mit seiner Bereitschaft, die Vorherrschaft und die Sicherheit seines eigenen Zuhauses aufzugeben.

Auch in seiner tiefsten Sicherheit ruht der Glaube daher niemals, er schließt sich nie ab. Er findet nur in dem Sinne Ruhe, dass er sich ewig auf der Suche weiß. Sogar in seinem Bewusstsein von Klarheit und Sicherheit weiß er, dass seine wesentliche Aufgabe nicht das Wissen, sondern das Vertrauen ist. Der wirklich Gläubige versteht, dass das Maß seines Glaubens die Treue ist, ein Verbundensein, kein Verfestigen. Die Übermacht Gottes ist es, die den Gläubigen dazu bringt, seine eigene Neigung anzuzweifeln, seinen Glauben an Gott an Gottes Stelle zu setzen. Genau deshalb kann der Zweifel, wenn er aus Demut entspringt, ein zugegeben schmerzhafter Ansporn sein, der uns zu tieferem Gottvertrauen bringt.

Zweifel muss deshalb nicht die Schattenseite des Glaubens sein. Lebendiger Glaube ist unabänderlich beunruhigt über alles, was zwischen ihn und seinen Gegenstand kommt. Glaube ist ungeniert eifersüchtig, nicht um seiner selbst willen, sondern um des Einen willen, der alleine sein Vertrauen wert ist. In seiner Entschlossenheit öffnet sich deshalb der Glaube für die Möglichkeit seiner eigenen Transformation, seiner eigenen Zerstörung. Auf diese Weise ist ein Leben im Glauben ein Prozess der fortlaufenden Umwandlung. Der Glaube vertraut nicht darauf, was er weiß oder was er glaubt oder erlebt. Nein, Glaube ist ausschließlich mit einem einzigen Gegenstand zufrieden: Der Wirklichkeit Gottes selbst.

Der Gläubige ist nicht derjenige, der sich hinter einer Wand versteckt – einem Dogma oder Glauben. Lebendiger Glaube lässt zu, dass Zweifel alles aus dem Weg räumt, was verwässert, vermüllt oder verheddert. Der eigene Glaube gehört einem nicht. Er ist aus dem Geist geboren, ein Geschenk. (Eph 2,8) Ihm ist nichts eigen, außer vielleicht seine eigene Zerbrechlichkeit. Glaube ist uns von dem Gegeben, der uns besitzt. Je mehr wir das erleben, das Ergriffenwerden von dem, was Thomas Francis die „himmlische Meute“ nennt („the hound of heaven“), desto mehr werden wir frei werden von dem Drang, zu begreifen, was wir ohnehin nicht verstehen können. Und ein Gott, der begriffen werden kann, wäre meiner Ansicht nach ohnehin nicht wert, verehrt zu werden.

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Charles E. Moore

Charles E. Moore

Charles E. Moore lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Esopus im US-Bundesstaat New York, wo er an der Mount Academy...

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