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Paraguay und der Sinn des Lebens

12. November 2020 von

„Würdest du in eine kleine urbane Gemeinschaft in Paraguay zu gehen, um ihnen bei ihrem Geschäft mit Klimaanlagen zu helfen?“

„Klar“, sagte ich. „Warum nicht?“ Südamerika klang nach einem Abenteuer, und um ehrlich zu sein, war ich nicht ganz zufrieden damit, wie mein Leben in New York lief. Ich hatte das College nach nur einem Semester abgebrochen und damit meinen Traum, Architekt zu werden, zunichte gemacht. Ich hatte Menschen, die ich liebte, durch mein Verhalten verletzt, und ich fühlte mich wie ein Versager. Vielleicht wäre es am besten, für ein paar Monate außer Landes zu gehen und meine Sprachkenntnisse aufzufrischen.

Das böse Erwachen, wie schlecht meine Sprachkenntnisse eigentlich waren, kam erst auf der Reise nach Südamerika. Unterwegs mit Diego, einem Typ in meinem Alter, entdeckte ich, wie wichtig es ist, mit Menschen kommunizieren zu können. Außer „Ich bin hungrig“ sprach er nur Spanisch - und selbst nach einem Monat in New Mexico war „tengo hambre“ ungefähr das, was ich en español sagen konnte. Trotzdem haben wir uns gut verstanden. Es fing mit dem einfachen Wunsch nach Veränderung an, aber schon bald gefiel mir die Vorstellung, im Süden zu leben, immer besser.

ParaguayEine typische Szene am Paraguay-Fluss. Foto von Carl Thomson.

Ich habe den größten Teil meiner Kindheit in Australien verbracht, und als ich in Paraguay ankam, fielen mir sofort viele Ähnlichkeiten auf – das Klima und die raue Schönheit des Landes mochte ich von Anfang an. Australien ist, wie Paraguay, ein Land der Extreme, wie die Dichterin Dorothea Mackellar es beschrieben hat: „Ich liebe ein sonnenverbranntes Land, / ein Land der weiten Ebenen, / der zerklüfteten Gebirgsketten, / der Dürren und Überschwemmungen.“ Während meiner Kindheit in Australien fand ich die Leute dort bodenständig, bescheiden und selbstkritisch mit einem schrägen Humor. Ich erinnere mich noch genau an den Sommertag, an dem meine Mutter unserem Vermieter, einem typischen Viehzüchter, ein Glas kaltes Wasser gab. Es stellte sich heraus, dass das „Wasser“ wirklich reiner Essig war, den meine Schwester aus Versehen dort in den Kühlschrank gestellt wurde, wo normalerweise der Wasserkrug war.

Nachdem unser Vermieter einen großen Schluck getrunken hatte, meinte er ganz ruhig: „Haben Sie da etwas Zitrone rein getan?“ Meiner Mutter war das Ganze äußerst peinlich, aber als mein Vater davon hörte, fand er es sehr komisch und meinte zu unserem Vermieter, dass manche Leute eben einfach zu wählerisch seien. „In meinem eigenen Haus bekomme ich überhaupt kein Wasser zu trinken“, murmelte er und grinste zurück. Zum Entsetzen meiner Mutter wurde es ein Witz, der zwischen unseren Familien immer weitergesponnen wurde. Wir wussten sofort, was die Flasche Essig in dem Weihnachtskorb bedeutete, den unser Vermieter gegen Ende des Jahres schickte.

Aber erst nach einigen Wochen in Paraguay erkannte ich, wie anders dieses Land war. Es ist das einzige wirklich zweisprachige südamerikanische Land, mit Spanisch und Guaraní als offiziellen Sprachen. Die Kultur des Landes ist sehr an die Sprache gebunden. Ich begann lateinamerikanische Musik zu hören, lernte, welche Kleidung als akzeptabel galt und stieß auf die interessanten sozialen Traditionen des Alltagslebens. Alles, von der normalen Begrüßung von Freunden (ein Kuss auf beide Wangen) bis zur Art und Weise, wie man jemanden formell oder informell anspricht, war mir neu. Ich liebte das traditionelle Essen, den eiskalten Kräutertee tereré, und die Idee, in der heißen Mittagszeit ein Nickerchen zu machen. Aber ich fühlte mich immer noch wie ein Tourist. Ich komme aus einem diversen Umfeld und hatte da Glück, auf drei verschiedenen Kontinenten aufzuwachsen. Ich hatte immer gedacht, ich hätte einen weiten Horizont. Aber nach einigen Wochen in Paraguay begann mein langsamer Verstand zu erkennen, dass ich in all meiner Art und Weise und in meinem Denken sehr „erste Welt“ war.

Sarah A. Laniers Buch Foreign to Familiar: A Guide to Understanding Hot – and Cold – Climate Cultures erklärt, warum ich so denke. In dieser faszinierenden Lektüre teilt die sehr bereiste Autorin die Welt in zwei große kulturelle Gruppen ein. Sie zeigt die Unterschiede zwischen einer Beziehungsorientierung und einer aufgabenbezogenen Orientierung, zwischen direkter und indirekter Kommunikation und vor allem zwischen Gruppenidentität und Individualismus auf. Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, begann ich langsam das Leben aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Ich hörte auf, mich über meine Misserfolge in New York aufzuregen und begann, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Ich fing an, Sprachkurse zu besuchen und war fasziniert davon, mehr über Klimaanlagen zu lernen, was Teil meiner Arbeit in Asunción war. Ich begann auf andere zuzugehen, und trotz meiner schlechten Sprachkenntnisse genoss ich das Leben.

Dann wurde meine Welt erschüttert, als einer meiner engsten Freunde bei einem Kletterunfall starb.

In den folgenden Monaten begann ich, über mein Leben nachzudenken und über Dinge, die wichtig waren. Ich besuchte eine Kirche namens Casa de Cristo (Haus Christi). Durch den Unfall kam ich der kleinen Gemeinde und der Familie meines Freundes sehr nahe. Ich begann zu sehen, wie sich eine beziehungsorientierte Gemeinschaft zusammentut, um denjenigen, die Schmerzen haben, Liebe zu zeigen. Während wir Zeit mit Singen und Beten im Krankenhaus verbrachten, waren wir, die Jugendgruppe von Casa de Cristo, erstaunt über die Liebe, die wir von anderen Menschen mit schwer kranken Familienmitgliedern empfingen. Von dem Jungen, der weinte, während er sang und Gitarre spielte, über die Frau, deren Mann vom jahrelangen Versprühen von Chemikalien an Krebs erkrankt war, bis zu den vielen, die einfach mit uns in der Kapelle saßen – ich lernte, dass das Vertrauen in eine größere Macht und Teil eines Ganzen zu sein viel stärker ist, als alleine zu sein. Von den vielen Besuchern und Freunden, die sich Zeit nahmen, um zu kommen und uns zu ermutigen, begann ich zu sehen, wie Effizienz und Zeit nicht wichtiger sind als Menschen. Ich begann mich zu fragen, warum Menschen leiden und was der Sinn des Lebens ist. Ich erkannte, dass ich mein Leben etwas Größerem als mir selbst widmen musste, etwas, das mir helfen würde, dem Tod und dem Leiden wirklich einen Sinn zu geben. Ich musste Buße und Vergebung finden, und eine Gruppe von Menschen, die sich um mein wahres Ich kümmerten. Ich brauchte das Evangelium.

In … trotzdem Ja zum Leben sagen schreibt Viktor Frankl, „Wenn es überhaupt einen Sinn im Leben gibt, dann muss es auch einen Sinn im Leiden geben.“ Die Bedeutung des Leidens wird durch die Reaktion darauf bestimmt. Für mich war es klar, dass ich auf diese Tragödie reagieren musste, indem ich ihr erlaubte, mich zu verändern. Nur wenige Monate nach meiner Ankunft in Südamerika wurde ich getauft und fand ein völlig neues Leben. Ich trat dem Bruderhof bei, überwies meine Einkünfte auf ein gemeinsames Bankkonto und versprach, dorthin zu gehen, wo die Gemeinschaft mich brauchte. Sechs Monate später, mitten in der Pandemie, studiere ich Klimatechnik und Spanisch an einer Berufshochschule in Pittsburgh. Der beste Teil meines Tages besteht darin, im Rahmen einer Ausbildung zum Notfallsanitäter von großartigen Menschen zu lernen, damit ich später Menschen in Krisensituationen helfen kann. Hoffentlich werde ich eines Tages nach Paraguay zurückkehren, aber ich habe gelernt, dass es bei allem, was passiert, nicht wirklich um mich geht. Es geht darum, im Angesicht des Todes einen Sinn im Leben zu finden und meinen Nächsten zu lieben.


Tyler Maendel lebt in einem Bruderhof-Haus in Pittsburgh, Pennsylvania.

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